Drei Gründe für die neue Mikrochipfabrik von Infineon in Dresden

Man sieht die Infineon-Chipfabrik einschließlich des ehemaligen Werks von Quimonda
Hier ist noch Platz für einen großen Anbau: Neben der Infineon-Chipfabrik einschließlich des ehemaligen Werks von Qimonda wird ein neuer Reinraum geplant - für 1.000 Arbeitsplätze.

Von Georg Moeritz

Dresden. Mikrochips für Autos und Energieversorgung sind weltweit knapp, aber in anderen Branchen geht die Nachfrage zurück. Infineon-Vorstandschef Jochen Hanebeck sagte am Dienstag auf der Jahrespressekonferenz in München, weshalb er trotzdem eine neue Fabrik mit 1.000 Arbeitsplätzen in Dresden plant. Am Montag hatte Infineon die Investition im Wert von fünf Milliarden Euro angekündigt.

Noch nie hat Infineon fünf Milliarden Euro für eine einzelne Investition geplant. Vorstandschef Jochen Hanebeck musste sich daher am Dienstag auf der Jahrespressekonferenz fragen lassen, ob die geplante Fabrik womöglich im Abschwung gebaut wird und nicht genügend Nachfrage findet. Schließlich besaß Infineon schon einmal eine Tochterfirma namens Qimonda, deren Speicherchips im weltweiten Wettbewerb nicht mithalten konnten. Der Qimonda-Insolvenz in der Wirtschaftskrise um 2009 fielen allein in Dresden rund 4.000 Arbeitsplätze zum Opfer.

Hanebeck räumte ein, dass es derzeit schon wieder ein „Überangebot“ für manche elektronische Bauelemente gebe. Die Nachfrage nach Smartphones und „Konsumelektronik“ habe nachgelassen, das liege am schwachen Konsumklima. Doch weiterhin hoch sei die Nachfrage beispielsweise nach Computer-Serverfarmen und nach anderen Produkten, in den viele Halbleiter von Infineon stecken. Die ehemalige Siemens-Tochterfirma ist stark bei Leistungshalbleitern für Stromproduktion und Stromtransport, auch für Windkraftanlagen und Züge. Die Knappheit bei solchen Schaltern könnte sogar noch zunehmen, sagte der Konzernchef.

Die Nachfrage nach Chips für Autos sei außerdem weiterhin hoch, sagte Hanebeck. Auf der Münchner Messe Electronica in dieser Woche zeigt Infineon am Beispiel eines Elektroautos seines Kunden Hyundai aus Südkorea, dass sich die Ladezeit für die Batterie mit moderneren Chips verbessern ließ. Infineon ist nach Angaben des Chefs voll auf die beiden Megatrends Dekarbonisierung und Digitalisierung ausgerichtet. Hanebeck sagte: „Wir gehen davon aus, dass die positive Marktdynamik lange anhalten wird.“ Die Schwäche in den Konsumsparten werde aber auch weitergehen.

Schon in diesem Quartal werde der Infineon-Umsatz etwas zurückgehen, aber das sei zu dieser Saison üblich. Fürs neue Geschäftsjahr rechnet der Infineon-Vorstand mit einem Konzernumsatz von 15 bis 16 Milliarden Euro. Darin sei schon „eine gewisse Vorsicht“ eingerechnet. Im vorigen Jahr war der Umsatz um 29 Prozent auf die Rekordhöhe von 14,2 Milliarden Euro gestiegen.

Rechts der geplante Neubau: So stellt sich Infineon das Werksgelände in Dresden im Jahr 2026 vor.

Die neue Dresdner Fabrik soll laut Plan im Herbst 2026 mit der Produktion beginnen. Falls dann der Markt schwach sein sollte, „würden wir die Fabrik langsamer mit Anlagen ausstatten“, sagte Hanebeck. Auch die vorhandenen Reinräume in Dresden wurden immer nach und nach mit den teuren Maschinen zum Belichten und Beschichten von Siliziumscheiben belegt. Im Herbst 2023 soll der Bau in Dresden beginnen.

Grund 2: Infineon rechnet jetzt mit hohen Subventionen

Dass Infineon den Fabrikneubau gerade jetzt ankündigt, gehört auch zum Wettrennen um neue staatliche Fördergelder. Die 1.000 neuen Arbeitsplätze in Dresden werden nur „vorbehaltlich angemessener öffentlicher Förderung“ geschaffen, heißt es in der Infineon-Pressemitteilung vom Montag. Wie viel Geld vom Staat er erwarte, wollte Hanebeck auch auf mehrere Nachfragen nicht sagen.

Infineon hofft vor allem auf den geplanten EU Chips Act, über den in Brüssel gerade verhandelt wird. Die EU-Kommission ist grundsätzlich bereit, mit Zuschüssen öffentliche und private Investitionen im Wert von 43 Milliarden Euro in der Halbleiterbranche anzukurbeln. Das Ziel: den Anteil der europäischen Chip-Produktion am Weltmarkt von jetzt etwa neun Prozent auf 20 Prozent zu erhöhen – bei insgesamt wachsendem Markt. Die USA haben eine ähnliche Milliardenförderung angekündigt, um die Abhängigkeit von Asien zu verringern.

Hanebeck sagte: „Der EU Chips Act lässt sich durchaus sehen.“ Er dürfe nur nicht zu bürokratisch werden. Der politische Wille zur Förderung der Halbleiter-Industrie sei nun groß. Daher schlage das Unternehmen jetzt „wirtschaftlich sinnvolle Projekte“ vor. „Wir wollen keine Fehlinvestitionen“, betonte Hanebeck. Infineon beziehe derzeit ein Fünftel seines Fertigungsvolumens von Herstellern in Taiwan. Wegen des Konflikts zwischen China und Taiwan schaue sich Infineon nach Alternativen um. 29 Prozent seines Umsatzes macht Infineon mit China. Dort werden Chips in Elektrogeräte eingebaut, die zum Teil nach Europa exportiert werden. Die USA versuchen derzeit, die chinesische Halbleiterindustrie auszubremsen und den Export der modernen Anlagen zur Produktion nach China zu verhindern. Hanebeck betonte, die Infineon-Technik trage zur Dekarbonisierung bei und sei nützlich für die Welt. „Der Klimawandel betrifft uns alle.“

Grund 3: Infineon lobt den Standort Dresden

Dass Infineon nun wieder groß in Dresden investiert, liegt nach Angaben des Konzerns nicht nur an den erwarteten EU-Investitionen. Infineon baut auch seinen großen Standort in Malaysia aus, verstärkt die Produktion in Villach in Österreich und hat jüngst ein Werk in Ungarn eröffnet. Für Dresden spricht jedoch auch, dass dort seit langem ein freier Bauplatz in der Südostecke des vorhandenen Werksgeländes an der Königsbrücker Landstraße freigehalten wird.

Der Konzernvorstand von Infineon um den Vorsitzenden Jochen Hanebeck (Mitte). Rechts Rutger Wijburg, zuständig für die Produktion – er war früher Werksleiter in Dresden, zunächst bei Globalfoundries, dann bei Infineon.

Infineon-Vorstandsmitglied Rutger Wijburg ist zuständig für die Produktion des Konzerns und war vor seinem Wechsel nach München Werksleiter in Dresden. Der niederländische Elektroingenieur sagte auf der Pressekonferenz, ein Neubau neben einer vorhandenen Fabrik sei einfacher als auf der grünen Wiese. So lasse sich die neue Fabrik schneller anschließen und hochfahren. Gemeinsam mit den vorhandenen Fabrikteilen ließen sich Größenvorteile in der Produktion besser nutzen.

Wijburg erinnerte daran, dass Sachsen in Europa das „größte Ökosystem für Halbleiter“ sei und das fünftgrößte auf der Welt. In Dresden gebe es die Kompetenzen und die nötigen Fachkräfte für die Halbleitertechnologien. Zuletzt hatte sich Bosch für den Standort Dresden entschieden und mit Fördergeld eine hoch automatisierte Fabrik gebaut, in der jetzt 450 Menschen beschäftigt sind. Der US-Konzern Intel baut allerdings groß in Magdeburg in Sachsen-Anhalt.

Die Industriegewerkschaft Metall zeigte sich am Dienstag erfreut über die Baupläne für Dresden. Stefan Ehly, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Dresden und Infineon-Aufsichtsrat, betonte: „Hier sollen auch mit öffentlichen Fördergeldern hochwertige Arbeitsplätze entstehen, für die eine Absicherung durch Tarifverträge eine Frage der Gerechtigkeit ist.“ Sachsen habe ein großes Potenzial an gut ausgebildeten Fachkräften. Mit guten Arbeitsbedingungen und Löhnen könne es gelingen, sie für die neue Fabrik zu gewinnen. Damit spielte er auf den Wettbewerb um Fachkräfte an.

Der Branchenverband Silicon Saxony e. V. in Dresden schrieb, die Entscheidung von Infineon zeige, dass Deutschland und Europa international wettbewerbsfähig sind und bleiben. Geschäftsführer Frank Bösenberg forderte, Brüssel und Berlin müssten nun die Förderprogramme starten. Der Hightech-Branchenverband unterstütze die Industrie in ihren Forderungen nach der Realisierung des europäischen Chip-Gesetzes. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) hatte schon am Montag erklärt, Landes- und Bundesregierung würden sich für die Förderung einsetzen.

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