Wie sich Sachsens Forschung vor dem Blackout schützen will

Das Bild zeigt eine Forschungsanlage der sächsischen Institute und Hochschulen.
Groß und sensibel sind die Forschungsanlagen der sächsischen Institute und Hochschulen. Ein Stromausfall kann enorme Schäden anrichten. Der Reservestrom muss ausreichen, um diese Technik wie hier am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf herunterzufahren. © HZDR/Frank Bierstedt

Wenn durch die Energiekrise der Strom knapp wird, dann bekommen dies auch Institute und Hochschulen in Sachsen zu spüren. Deren Geräte verbrauchen so viel Strom wie ganze Kleinstädte. Sie sollen geschützt werden.

Von Stephan Schön

Dresden. Sachsens Wissenschaft bereitet sich bereits seit dem Sommer auf einen Energienotfall vor. Taskforce und Notfall-Gruppen sind überall gegründet.

Sensible, oft viele Millionen Euro teuren Anlagen besitzen eine eigene Stromversorgung. Zumindest aber ausreichend Energiespeicher für das Herunterfahren. Kritische Infrastrukturen wie Großrechner und Labor-Infrastruktur der Medizin können auch längerfristig bis dauerhaft autonom mit Strom versorgt werden. Das hat eine Umfrage von Sächsische.de bei den Universitäten in Dresden und Freiberg, beim Rossendorfer Forschungszentrum (HZDR) und der Hochschule Zittau/Görlitz ergeben.

Die TU Dresden als größte Uni des Landes und technisch geprägt benötigt jährlich an die 60 Gigawattstunden (GWh) Strom. Das geht aus der Statistik des sächsischen SIB für 2021 hervor, verantwortlich für Landesimmobilien. Dies ist etwa so viel Strom, wie 40.000 Einwohner privat verbrauchen. Die Bergakademie kommt auf gut 16 GWh, das Forschungszentrum in Dresden Rossendorf mit großen Anlagen kommt auf jährlich 24,5 GWh Strom. Die Hochschule Zittau/Görlitz benötigt 2,5 GWh im Jahr.

Wird Strom knapp oder kommt es zum Blackout, dann werden in Rossendorf mit einer Notstromversorgung die großen Strahlungsquellen, das Ionenstrahlzentrum und das Hochfeld-Magnetlabor in einer aufwendigen, aber sicheren Prozedur heruntergefahren.

Auch die Bergakademie in Freiberg hat die Notfallsysteme scharf gestellt, um binnen 48 Stunden kritische Technik zerstörungsfrei herunterfahren zu können. Das würde die Schäden deutlich reduzieren. Besonders energieintensive Versuche werden schon jetzt auf Frühjahr und Sommer verschoben. Bei einer Mangellage könnte dies weitere Versuche betreffen, teilte die Bergakademie mit.

Die Hochschule Zittau/Görlitz mit ihrer IT und den Großanlagen bereite sich seit Sommer auf einen Energieausfall vor, das teilte Rektor Alexander Kratzsch der SZ mit. Sensible Bereiche seien mit Unterbrechungsfreier Stromversorgung (USV) und teils Notstromsystemen abgesichert. „Ziel ist es, dass die nach einem Energieausfall verbleibende Restlaufzeit der Anlagen dazu genutzt wird, um die IT-Systeme in den sicheren Zustand zu überführen, also kontrolliertes Herunterfahren.“ Das betreffe beispielsweise Versuchsanlagen wie die Hochspannungshalle, das Zittauer Kraftwerkslabor und Labore der Natur- und Umweltwissenschaften.

Ganz ähnlich laufen die Vorbereitungen an der TU Dresden. Nur hier müssen mehr als anderswo viele energieintensive Geräte auch bei Stromausfall dauerhaft mit Notstrom versorgt werden: in der Chemie, der Biologie, bis hin zum Botanischen Garten.

Das Bild zeigt die Rechnerhalle für die Supercomputer der TU Dresden.
Die Rechnerhalle für die Supercomputer der TU Dresden. Hier befindet sich besonders sensible Technik. Sie wird daher auch besonders geschützt und muss selbst bei einem großräumigen Stromausfall weiterlaufen. © Christian Juppe

Im Hochleistungsrechenzentrum stehen jedoch noch ganz andere Anforderungen. Es benötigt etwa bis zu einem Drittel des Stroms der TU, muss aber selbst im Notfall weiterlaufen, um grundlegende IT-Dienste aufrechtzuerhalten. Das teilte die TU mit. Die gezielte Abschaltung der Supercomputer könnte dort aber notfalls an die 80 Prozent Energie sparen.

Das jedoch kann die TU nicht allein entscheiden, denn hier rechnen auch externe Einrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das DLR hat bereits im September den laufenden Stromverbrauch für seine Supercomputer ganz erheblich reduziert.

Allerdings, das Abschalten der Geräte ist die letzte aller Möglichkeiten. Grundsätzlich sei es weiter vorrangiges Ziel, dass die Universitäten ihren Kernaufgaben in Lehre und Forschung nachkämen, heißt es dazu von der TU Dresden. So gelte es auch unter den aktuellen Bedingungen und erforderlichen Einschränkungen, den wissenschaftlichen Grundbetrieb zu sichern. Dies betreffe auch energieintensive Forschung wie Hochleistungsrechnen, den Betrieb von Reinräumen und Laserlaboren. Sie sollen weiterarbeiten, teilte die TU auf Anfrage der SZ mit. „Die Hochschulen wurden deshalb auch offiziell als geschützter Kunde im Fall einer Mangellage anerkannt.“

Der Notfall wird jeden Monat geprobt

Die wohl größte Herausforderung steht jedoch vor der Medizinischen Fakultät mit ihrer Forschung und damit oft auch verbundenen Patientenversorgung. Hier laufen seit langem schon die wohl umfassendsten Vorkehrungen. „Wir können über einen recht großen Zeitraum autark arbeiten und sind von Netzschwankungen weitestgehend unabhängig“, sagt Dekanin Esther Troost. „Mindestens einmal im Monat werden entsprechende Testläufe bei uns absolviert.“ Die komplette Diagnostik der Chemie und Laboratoriumsmedizin wird abgesichert. Blutanalysen finden auch dann statt, wenn sonst das Licht aus. Diese gesicherte eigene Stromversorgung betrifft auch die dafür nötige Rechentechnik.

Ein einzelnes Ultratiefkühlgerät verbraucht so viel Strom wie ein Drei-Personen-Haushalt. Und es gibt viele solcher Geräte in der Biobank, die medizinische Proben auf minus 80 Grad kühlen. Jahrzehntelange Forschung ist dort gespeichert und ist die Grundlage für neue Therapien. Auch dies ist gesondert unabhängig vom externen Stromnetz gesichert, teilte die Medizinische Fakultät mit. Ein neues Platzmanagement und reduzierte Öffnung der Türen spart aber auch hier Energi

Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow kündigte gegenüber der SZ an, dass Sachsen Institute und Hochschulen gemeinsam mit dem Bund bei der Abfederung der gestiegenen Kosten unterstützen werde. Und derzeit ebenso wichtig sei die erst kürzlich erreichte Einigung, „dass Hochschulen, Forschungseinrichtungen und auch Studentenwerke von Bundesseite als systemrelevante und damit geschützte Einrichtungen gelten.“

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Der Rossendorfer Institutsdirektor Sebastian M. Schmidt macht in diesem Sinne unmissverständlich klar: „Das größte Risiko ist, eine Generation an jungen motivierten Forscherinnen und Forschern zu verlieren, wenn wir wegen Sparmaßnahmen unsere Labore und Anlagen schließen müssen.“

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