Neue sächsische Spezialität: Radioaktive Arzneimittel

Im Biologischen Labor: Alexandra Kegler steht vor einem Gerät und greift nach einer in einem Beutel befindlichen klaren Flüssigkeit.
Im Biologischen Labor: Alexandra Kegler arbeitet an einem Automaten für Zellkulturen im Zentrum für Radiopharmazeutische Tumorforschung in Dresden-Rossendorf. Eine Spezialität dort sind radioaktive Arzneimittel. Im Biologischen Labor: Alexandra Kegler arbeitet an einem Automaten für Zellkulturen im Zentrum für Radiopharmazeutische Tumorforschung in Dresden-Rossendorf. Eine Spezialität dort sind radioaktive Arzneimittel.

Von Georg Moeritz

Dresden. Kein Zutritt für Schwangere: Wer das Zyklotron in Dresden-Rossendorf anschauen möchte, muss eine Strahlenschutz-Belehrung unterschreiben. Zwar steht nicht mehr der Forschungsreaktor aus der DDR im heutigen Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR). Doch ein Zyklotron mit vielen Spulen und Schläuchen beschleunigt Elementarteilchen immer mehr auf einer Kreisbahn und lenkt sie schließlich in ein Gas, sodass zum Beispiel radioaktives Jod entsteht – ein nützlicher Stoff für die Krebsmedizin.

Am Donnerstag besichtigten Sachsens Sozialministerin Petra Köpping und Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) gemeinsam das Zentrum für Radiopharmazeutische Tumorforschung, in Gebäude 805 auf dem eingezäunten HZDR-Campus. Die Minister machten auf einen sächsischen Standortvorteil aufmerksam: Während Deutschland bei vielen Medikamenten auf Lieferungen aus Indien oder China wartet, wächst im Raum Dresden ein Spezialgebiet dieser Branche. Dulig sprach von einer „großen Chance“.

Forscher und Pharmafirmen in Sachsen sind dabei, ein „Radiopharmaceutical Valley“ aufzubauen. Köpping und Dulig vermieden diesen Zungenbrecher, aber Institutsdirektor Professor Klaus Kopka verwendet den Begriff schon ganz selbstverständlich. Entwicklung, Herstellung und Anwendung von leicht radioaktiven Arzneimitteln für die Nuklearmedizin gehören zu Sachsen. In Rossendorf finden auch Tierversuche an Mäusen und Ratten statt – für mehr als 2.000 gibt es Plätze im Forschungszentrum.

Radiopharmaka aus Rossendorf für Prag und Chemnitz

An der Dresdner Universitätsklinik werden Radiopharmaka aus Rossendorfer Produktion schon eingesetzt – zur Diagnose. Morgens um 5 Uhr beginnt die Herstellung in Synthese-Automaten, um 7 Uhr fährt der Lieferdienst zum Krankenhaus. Auch nach Chemnitz und Prag wurden die Arzneien schon geliefert. Allerdings zerfallen die radioaktiven Substanzen rasch wieder, sie haben kurze Halbwertszeiten.

Minister Dulig sprach trotzdem von guten Exportchancen, dank des Flughafens Leipzig/Halle. Sachsens „hochmoderne Logistikinfrastruktur“ sei eine Hilfe für die wachsende Pharmabranche. Sachsens Gesundheitswirtschaft samt den Kliniken sei die größte Branche im Freistaat, mit mehr als 15.000 Beschäftigten in 330 Unternehmen.

Der Physiker Dr. Martin Kreller (links) am Institut für Radiopharmazeutische Krebsforschung zeigt Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig und Sozialministerin Petra Köpping die Produktion von radioaktiven Arzneimitteln in Dresden-Rossendorf.

Die Radiopharmaka kommen zum Einsatz, wo bekannte Therapien wie Operation, Chemotherapie und Bestrahlung von außen nicht helfen. Markierte Arzneimittel können Krebszellen sichtbar machen und durch gezielte Bestrahlung von innen zerstören. Ministerin Köpping sagte, Krebs sei zur Volkskrankheit geworden, doch es gebe auch immer bessere Untersuchungsmethoden.

Sächsische Hersteller Rotop und ABX haben Neubaupläne

Ein Unternehmen, das die radioaktiven Isotope aus dem Rossendorfer Zyklotron direkt nutzt, ist die Rotop Pharmaka GmbH mit 156 Beschäftigten. Geschäftsführer Jens Junker berichtete den Ministern vom geplanten Bauantrag, weil Rotop die Kapazitätsgrenze erreicht habe. Durch Fenster vom Gang aus konnten Besucher den Beschäftigten zusehen, wie sie Fläschchen befüllen und verpacken. Rotop liefert beispielsweise Isoflupan zur Diagnose von Parkinson, auch nach Großbritannien und Italien.

Starkes Wachstum meldet auch das Radeberger Unternehmen ABX Advanced Biochemical Compounds mit 350 Beschäftigten, das ebenfalls den nächsten Neubau plant. ABX im Besitz des japanischen Konzerns Otsuka Pharmaceuticals hat eine US-Zulassung für das Medikament Pluvicto zur Bekämpfung von hartnäckigem Prostatakrebs, der zuvor mit anderen Krebstherapien behandelt wurde. Der Pharmakonzern Novartis lässt dieses Mittel in Italien herstellen.

Dr. Dirk Freitag-Stechl sagt dem Radiopharmaceutical Valley ein starkes Wachstum voraus. Der Inhaber der CUP Laboratorien Dr. Freitag in Radeberg mit 60 Beschäftigten hat vor zwei Jahren mit Münchner Partnern das Unternehmen Trimt GmbH gegründet, das ein Diagnostikum für Bauchspeicheldrüsenkrebs herstellen will. Gerade hat in den USA die klinische Prüfung begonnen. Freitag bedauert, dass die Prüfungen häufig in den USA oder Australien stattfinden. Doch es sei dort einfacher, und entscheidend sei, dass die Produktion anschließend in Deutschland stattfinde.

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