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Ausgebremst auf der Überholspur

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 15.04.2018
Mit seinem Softwareunternehmen hat Dietmar Heidtmann Millionen umgesetzt. Jetzt lebt er in seinem Sebnitzer Heizungskeller von Einnahmen aus Ferienwohnungen.

Hinter der Tür liegt die „Grotte“, wie Dietmar Heidtmann sein Heim liebevoll nennt. Neben dem Tisch mit der blau-weiß karierten Decke steht der Wäschetrockner. Jeans und Socken warten darauf, zusammengelegt zu werden. In der Nische um die Ecke ist eine kleine Dusche und daneben das Waschbecken. „Hier machen wir auch unser Geschirr sauber“, sagt Heidtmann. Auf dem großen Kühlschrank steht ein Sensor, der den Kohlendioxidgehalt im Raum ermittelt. „Den brauchen wir, denn hier steht auch die Heizung, und die Belüftung ist alles andere als optimal“, sagt der 49- Jährige. Er wirkt mit seinem schneeweißen Hemd und dem schwarzen Anzug wie ein Fremdkörper in den niedrigen Räumen. Auf einer provisorischen Kleiderstange hängen Mantel, Anzughosen, Jacketts. Relikte aus einem früheren, sehr erfolgreichen Leben.

Dietmar Heidtmann war Millionär, hatte nach dem Verkauf seiner Softwarefirma Splendid Internet GmbH rund 1,5 Millionen Euro auf dem Konto. „Geprotzt habe ich damit nie. Mein Luxus war eine 2 500 Mark teure Mietwohnung in Hamburg“, erinnert sich Heidtmann.

»Bei meinem Rating gibt mir keine Bank auch nur einen Euro.«

Und irgendwann hat er sich einen Mercedes gekauft. Nicht das Cabrio, sondern den Kombi. Schließlich hatte sich damals schon das erste von insgesamt drei Kindern angekündigt.

Heidtmann ist kein Programmierer, er ist Betriebswirt, hat in Kiel studiert. Doch sein Softwareunternehmen war der Zeit weit voraus. Schon Ende der 1990er-Jahre programmierten die Mitarbeiter Algorithmen, mit denen Nutzer ihre individuellen Medieninhalte selektieren können. Jeder bekommt das zu lesen, was ihn wirklich interessiert. Die Idee war gut, so gut, dass die Freenet AG das Unternehmen 2001 aufkaufte. Gerade noch rechtzeitig bevor die große Blase am neuen Markt endgültig platzte.

Heidtmann schien auf der Überholspur. Er investierte in ein neues lokales Webportal und plante 2013 die erste bundesweite Messe zur Unternehmensnachfolge in Bremen. Die Vorbereitungen für die „Successor“ dauerten Monate und waren teuer. Allein die Hallenmiete war mit 40 000 Euro veranschlagt. Heidtmann vertraute auf seinen Instinkt und hoffte auf das nächste große Geschäft. Schon Monate vorher waren Hunderte Karten verkauft.

Doch dann, am 20. April 2013, der Schockmoment. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag. H Heidtmann hatte gerade im Garten gearbeitet, als ihm schwindelig wurde. Er ging in die Küche, wollte sich etwas zu Trinken holen, glaubte an ein Kreislaufproblem. „Meine Freundin merkte sofort, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich konnte nicht mehr richtig sprechen, lallte nur noch, ohne es selbst richtig wahrzunehmen“, erinnert sich der Unternehmer. Der Notarzt diagnostizierte einen Schlaganfall.

Es folgten für den damals 44-Jährigen quälend lange Wochen in Krankenhaus und Reha. Körperlich war Dietmar Heidtmann kaum beeinträchtigt. Aber er hatte sein Gedächtnis komplett verloren. „Ich erkannte nicht mal mehr meine Kinder“, sagt er. Und auch das Sprachzentrum war betroffen. Es sollte ein Dreivierteljahr dauern, bis Heidtmann wieder zweisilbige Wörter sprechen konnte. Bis daraus ganze Sätze wurden, vergingen Jahre.

Das nach seiner Scheidung ohnehin geschmälerte Vermögen schrumpfte weiter. „Auch, weil ich mich im jugendlichen Überschwang nicht um eine Berufsunfähigkeitsversicherung gekümmert habe. Das war ein Fehler“, sagt Heidtmann heute. Irgendwann meldete sich die private Krankenkasse. Heidtmann hatte keine Rücklagen mehr, um seine Beiträge zu bezahlen. Er wurde gekündigt, hat heute eine Notversicherung. Die Lesebrille, die er trägt, ist nicht von Boss, sondern von Rossmann. Vor dem Haus steht kein großer SUV und der alte Bauernhof, 1846 am Horn in Sebnitz erbaut, gehört nicht dem einstigen Millionär, sondern einem Investor aus seiner niedersächsischen Heimat. „Wir haben das Haus für zehn Jahre gemietet und haben dann ein Vorkaufsrecht“, sagt Heidtmann.

Er und seine Partnerin Nadine, die aus der Sächsischen Schweiz stammt, sind sicher, hier ihr neues Glück gefunden zu haben. In vielen, vielen Arbeitsstunden haben sie den porösen Putz von den Wänden gekratzt und die Holzdielen von einem halben Dutzend Farbschichten befreit. Entstanden sind zwei Ferienwohnungen mit Talblick in die Sächsische Schweiz. Die Bäder modern, die Einrichtung liebevoll. „Auch ohne Denkmalschutzauflagen haben wir so viel Bausubstanz wie möglich gerettet“, sagt Dietmar Heidtmann. Da sei es eben auch von Vorteil, wenn das Finanzbudget nicht ganz so üppig ausfällt.

Für Dietmar Heidtmann war die Sanierung der Räume auch eine Therapie. „Ich hatte eine Aufgabe, auch wenn ich manchmal nur die Kraft für zwei Stunden Arbeit hatte“, sagt der umtriebige Unternehmer. Er hat ein Lebensmotto: „Aufgeben gilt nicht.“ Auch deshalb ist der Bezug von Hartz IV keine Alternative. Er will es schaffen, ohne staatliche Hilfe. Doch das ist in Deutschland schwerer als in anderen Ländern.

„Bei meinem Rating gibt mir keine Bank auch nur einen Euro“, sagt Dietmar Heidtmann. Er setzt auf private Investoren. In seiner Sebnitzer Nachbarschaft steht ein weiteres Grundstück zum Verkauf. Dort könnte ein neues Ferienhaus entstehen. Der Bedarf ist da, denn die Region ist vor allem bei Familien mit Kindern begehrt. Preiswert und an manchen Wintertagen sogar mit Schneegarantie, da schrecken selbst die Wahlergebnisse der AfD nicht ab. Die Auslastung der Wohnung von Dietmar Heidtmann sei sehr gut, sagt er. Er hat keine Flyer drucken lassen, sondern setzt ausschließlich auf Onlinewerbung. So ist 2015 auch ein Filmteam aus Babelsberg auf ihn aufmerksam geworden. Zwei ganze Wochen hatten sich Kameraleute, Beleuchter und Maskenbildner einquartiert. Sie drehten den 30-minütigen Kurzfilm „Am Ende der Wald“, der bei den „Student Academy Awards“, einem Ableger der Oscar-Akademie für Nachwuchsregisseure, einen Preis abräumte. Das Filmteam dankte Dietmar Heidtmann für die Beherbergung mit einem überschwänglichen Facebookeintrag. Das motiviert.

Wenn die Bank das Nachbargrundstück nicht finanziert, warum dann nicht mithilfe von Crowdfunding die finanzielle Last auf mehrere Schultern verteilen? Dietmar Heidtmann hatte sich für die Lending-Based-Variante entschieden, also jene Form der Kapitalakquise, bei der die Mikrokredite in Raten an die Geldgeber zurückgezahlt werden. Ziel waren 30 000 Euro. Mit ihnen hätte Heidtmann den Grundstückskauf, die Renovierung und Möblierung des Ferienhauses finanzieren können. Am Ende kamen nur 3 000 Euro zusammen.

„Unsere Crowdfunding-Aktion ist gescheitert“, so Dietmar Heidtmann. Warum? „Wir haben nicht genügend Aufmerksamkeit geschaffen“, so sein Fazit. Doch auch das ist kein Grund aufzugeben. Heidtmann hat sich vorgenommen, einen Einzelinvestor zu suchen. Er will seinen Beherbergungsbetrieb weiter ausbauen, und das muss er auch. Die jetzigen Einnahmen decken gerade die Ausgaben. Da war es wie ein Weihnachtsgeschenk, dass Dietmar Heidtmann wenige Tage vor dem Fest 2017 die Zusage für einen Job bekam. Er wird stundenweise für einen Energieversorger Kundenbesuche erledigen. „Das passt perfekt. Ich kann mir die Zeit einteilen, und die Kundengespräche sind gleichzeitig Training für mich“, sagt Dietmar Heidtmann. Er hatte viele Bewerbungen geschrieben und immer wieder Ablehnung erfahren. „Einige haben mich nach dem Blick in meinen Lebenslauf ausgelacht und gefragt, was ich denn als ehemaliger Vorstand einer AG hier wolle“, so Heidtmann. Er weiß, viel Zeit bleibt ihm nicht, auch mit Blick auf die Altersvorsorge. Der Unternehmer schaut auf das Display seines Laptops. Dort stehen alle Einnahmen und Ausgaben aufgelistet. „Wir haben das Jahr 2017 mit rund 300 Euro Minus beendet“, sagt Heidtmann und schluckt. Das war auch der Grund, warum beim letzten Weihnachtsfest nicht er seine Kinder, sondern seine Kinder ihn besucht haben. Übernachtet wurde gemeinsam in der „Grotte“. 

Weitere Infos: http://www.ferien-sachsen.eu/

 

Vom Millionär zum Versorgungsfall

Dietmar Heidtmann will es allein schaffen. Er hat bis dato bewusst darauf verzichtet, staatliche Leistungen zu beantragen. Aber er ist auch ernüchtert von den
wenigen Möglichkeiten in Deutschland, Kapital außerhalb des Bankensystems einzuwerben.

Würde der Unternehmer Hartz IV beantragen, käme das dem Staat teuer zu stehen. Bei einem Mindestbedarf von 1 000 Euro im Monat, müsste ihm das Jobcenter bis zur Rente über 200 000 Euro überweisen. „Das muss nicht sein, wenn ich eine Chance bekomme“, so der 49-Jährige.

Er möchte den Tourismus in der Sächsischen Schweiz voranbringen. Erste Ideen dazu finden sich auf dem Laptop. So könnte die Zimmervermittlung gebündelt werden und auch die Burg Hohnstein, für die nach der Pleite der Betreiber ein neues Konzept gesucht wird, spielt eine Rolle.

 

Redaktion: Ines Mallek-Klein

Bildquelle: Ronald Bonss

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