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Joey Kelly hilft Therapeuten auf die Beine

Dresden 11.07.2018
Die heilenden Helfer schließen sich in Dresden zusammen, um für bessere Bezahlung zu kämpfen. Denn die Zeit drängt.

Sie werden gebraucht, die Ergo- und Physiotherapeuten, die Podologen und Logopäden. Ihre Wartezimmer sind voll, genauso wie die Terminkalender. Und doch probt eine ganze Berufsgruppe den Aufstand. Eine deutschlandweite Kampagne soll in den kommenden 365 Tagen auf den drohenden Therapienotstand in Deutschland aufmerksam machen. Der Auftakt dazu fand gestern im Rehazentrum Dresden statt. Hier stellte sich ein eigens gegründeter Verein mit dem Namen „Therapeuten sind wichtig“, kurz TSW, vor. Seine Zielgruppe sind die 320 000 Menschen, die bundesweit in Heilberufen arbeiten, ob als Sport- und Physiotherapeut, Logopäde, Ernährungsberater oder Podologe. „Gemeinsam wollen wir auf die Nöte unseres Berufsstandes aufmerksam machen“, sagt Vereinsvorsitzender Tobias Kehlenbach.

Der Berufsstand steckt in der Krise. Bundesweit fehlen rund 25 000 Therapeuten. Es werde immer schwerer, Nachwuchs zu finden, sagt Thomas Heinz als Geschäftsführer des Rehazentrums Dresden und Mitinitiator der Vereinsgründung. Ein Grund für den Nachwuchsmangel ist die Bezahlung. 1 799 Euro brutto verdienen Therapeuten im Durchschnitt in Sachsen. „Davon lässt sich keine Familie ernähren“, so Heinz. Er, der an seinen Praxisstandorten in Dresden und Pirna mehr als 40 Mitarbeiter beschäftigt, würde gern höhere Löhne bezahlen. „Aber das scheitert an den geringen Leistungen, die wir bei den Kostenträgern abrechnen können“, so der Unternehmer, der Maschinenbau und Sozialpädagogik studiert hat. Für eine Lymphdrainage beispielsweise zahlen die Kassen rund 35 Euro. Die Behandlung dauert inklusive Vor- und Nachbereitung knapp eine Stunde. „Wir bräuchten etwa das Doppelte, um wirtschaftlich vernünftig arbeiten zu können“, sagt Thomas Heinz.

Die Folgen seien verheerend, auch für die Patienten. Einige Praxen böten bestimmte Leistungen gar nicht mehr an, weil sie sich nicht rechneten. Die Wartezeiten bis zum Therapiebeginn werden in vielen Regionen immer länger, weil es an Personal fehlt. Nur jeder zweite Therapeut arbeitet nach dem Ende seiner Ausbildung auch tatsächlich in einer Praxis, viele schulen in bessere bezahlte Berufe um. Auch die Ausbildung selbst wird zu einem Problem. Nur die wenigen staatlichen Schulen können kostenfrei besucht werden. Die Mehrzahl der Ausbildungseinrichtungen verlangt derzeit zwischen 280 und 350 Euro Schulgeld pro Monat. Inklusive Weiterbildungen summieren sich die Ausbildungskosten für einen Therapeuten schnell auf bis zu 17 000 Euro. „Wir fordern daher die Abschaffung des Schulgeldes“, sagt Thomas Heinz.

Vater Kelly ins Leben zurückgeholfen

Ein Wunsch, der in Berlin schon gehört wurde. Das Schulgeld für die Gesundheitsfachberufe soll reformiert werden. So steht es zumindest im Koalitionsvertrag. Zudem ist eine Ausbildungsvergütung geplant. Die Umsetzung des Ziels sei allerdings Aufgabe der Länder, erklärte am Montag eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums auf Nachfrage. Offen sei auch noch, wer die bisher von den Auszubildenden übernommenen Kosten künftig trägt. Denkbar sei, ähnlich dem für die Pflegeberufe geplanten Modell, ein Finanzierungsfonds, an dem sich die Krankenkassen und die Bundesländer beteiligen.

Der Handlungsdruck wächst. Auch weil die Zahl der Praxen immer weiter abnimmt. In den letzten fünf Jahren habe einer von fünf Berufskollegen aufgegeben, sagt Jürgen Pagel aus dem baden-württembergischen Beilstein. Er hat den Vizevorsitz des neuen Vereins übernommen. In Sachsen zählt die Zulassungsstelle der Krankenkassen derzeit rund 5 000 Praxen, in denen Physio- und Ergotherapeuten, Ernährungsberater oder Podologen arbeiten. Ein Trend sei dabei erkennbar. Während immer mehr kleine Praxen schließen, wächst die Zahl der interdisziplinären Angebote mit 20 und mehr Angestellten.

Was positiv klingt, bringe auch Nachteile, so Thomas Heinz, der selbst das größte Rehazentrum Sachsens betreibt. Die großen Praxen konzentrieren sich in den Städten. Auf dem Lande mit seinen alternden Bewohnern wächst der Therapiebedarf, aber das Angebot sinkt. Um das zu ändern, will der Verein TSW in den kommenden Monaten rund 30 Millionen Euro für eine große Imagekampagne einsammeln. Unterstützer gibt es bereits. Darunter seien, so Thomas Heinz, auch die Hersteller von Prothesen, Stützstrümpfen oder Rollstühlen. „Die haben erkannt, dass ihr Absatzmarkt in Gefahr ist, wenn es keine Therapeuten mehr gibt, die Strümpfe anpassen und Bewegungsabläufe mit Prothesen üben.“

Einer der prominentesten Unterstützer war am Montag in Dresden zu Gast: Joey Kelly, Musiker und Extremsportler. Er hat in zwei Jahrzehnten schon über einhundert Extremläufe absolviert, ist mit zwölf Kilogramm Gepäck 400 Kilometer in der Wüste unterwegs gewesen und hat acht Tage lang im Sattel gesessen, um 4 900 Kilometer Rad zu fahren. „Ohne die Unterstützung von Physiotherapeuten wäre das nie möglich gewesen“, sagt Kelly. Dann erzählt er von seinem Vater, der sich nach zwei Schlaganfällen mit therapeutischer Hilfe zurück ins Leben gekämpft hatte. Es seien kleine Wunder gewesen, als er nach mehreren Tagen ohne Bewusstsein wieder Sprechen, Schreiben und Laufen lernte. „Ohne Therapeuten geht es nicht“, sagt Kelly und fügt an: „Jeder weiß, dass ihr zu wenig bekommt, für das, was ihr leistet.“

Von Ines Mallek-Klein

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