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Kommt ein Paket geflogen

Leipzig 16.04.2018
Die schwierige letzte Meile: Das Paketaufkommen in Deutschland explodiert. Leipziger Wissenschaftler erforschen umweltfreundliche, zeitsparende Zustellmöglichkeiten.

Der Onlinehandel boomt, und mit ihm das Versandgeschäft. 2017 wurden über drei Milliarden Päckchen und Pakete innerhalb Deutschlands verschickt. Bis 2024 prognostizieren Studien einen weiteren Anstieg um 24 Prozent. Und das, obwohl die Zusteller schon heute mehr als überfordert scheinen. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat unter www.paket-aerger.de eine eigene Webseite eingerichtet, um Daten zu sammeln. In zwei Jahren sind über 21 000 Beschwerden eingegangen: über ignorierte Abstellgenehmigungen oder verloren gegangene Pakete. Auch die Bundesnetzagentur, die sämtliche Paketund Zustelldienste überwacht, registriert eine wachsende Zahl unzufriedener Kunden.

Und das Problem könnte noch größer werden, sagt Professor Bogdan Franczyk, wenn das Frachtaufkommen weiter wächst. Der Onlinehandel und die wachsende Zahl von Anbietern mit individualisierten Produkten drohen, die Kapazitäten der Zustelldienste endgültig zu sprengen. Es müssen neue Lösungen gesucht werden. Und das geschieht an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Dort ist, am Institut für Wirtschaftsinformatik, das BMBF-geförderte Logistic Living Lab angesiedelt – ein Labor, in dem die Transportwege und -fahrzeuge der Zukunft ausgetestet werden können. Die geschwungenen Linien auf dem Fußboden erinnern an einen Verkehrsgarten für Fahrradfahrer. Stefan Mutke lächelt. „Wir haben hier versucht, einen RFID-Chip nachzubilden. Die Chips werden künftig unerlässlich sein, um Pakete zu identifizieren und ihre Transportwege zu planen“, so der Leiter der Forschungsgruppe Smarte Logistik. 20 Mitarbeiter zählt das Team, das sich mit den Transportwegen der Zukunft beschäftigt. Ihr Ziel ist klar: Das stetig wachsende Frachtaufkommen soll zeitsparend und vor allem umweltfreundlich an die jeweiligen Zielorte verteilt werden. Die Digitalisierung ist der Auslöser des Problems und wird, davon ist Bogdan Franczyk überzeugt, zugleich auch seine Lösung bringen.

Das Logistic Living Lab ist nicht zufällig in Leipzig entstanden. Sachsen ist durch seine geografische Lage eine Region, in der der Transportbranche eine besondere Bedeutung zukommt. Mit der Ansiedlung von DHL in Leipzig profilierte sich die Stadt, genauso wie mit den Autobauern BMW und Porsche. Was früher just in time war, ist heute just in sequence. Als das Bundesforschungsministerium vor zwölf Jahren den Slogan herausgab, Stärken in der Region zu stärken, entstand der Logistic Service Bus. Sieben Jahre später wurde das Logistic Living Lab gegründet. Der Name ist immer noch gewöhnungsbedürftig, aber der Auftrag klar: „Wir sehen uns als Ansprechpartner für die Logistikunternehmen des Freistaates, wollen ihre Alltagsprobleme aufgreifen und nach technischen Lösungen suchen“, so Bogdan Franczyk. Zielgruppe sind vor allem die Mittelständler. Sie könnten sich, anders als DHL, keine eigene Forschungsabteilung leisten.

Die Fragestellungen sind vielfältig. Stefan Mutke zeigt auf ein zu einem Hocker umgebautes Bierfass. Es stammt aus einer Chemnitzer Brauerei, die große Mengen ihres Bieres in den Edelstahlfässern ausliefert. Die kosten rund 80 Euro pro Stück, doch leider fand nicht jedes Fass seinen Weg wieder zurück in die Abfüllung. Es drohte ein massives Verlustgeschäft. „Die Brauerei wollte wissen, wo ihre Fässer abgeblieben waren“, so Mutke. Das Wissenschaftlerteam optimierte die Prozesse und Technologieauswahl so, dass RFIDChips auf dem metallischen Untergrund überhaupt gelesen werden konnten. Und dass mehrere Fässer gleichzeitig beim Durchfahren eines Gates erfasst werden konnten.

Eine echte Herausforderung bei der Sendungszustellung ist die letzte Meile. Lösungsansätze gibt es viele, zum Beispiel ein zentrales City-Hub, an das alle Paketdienste ihrer Sendungen schicken, von dort werden die Pakete neu verteilt, sodass Stadtgebiete künftig nicht mehr nacheinander von DHL, German Parcel, DPD, Hermes und Co angefahren werden müssen. „Das setzt aber voraus, dass sich die Zustelldienste in ihre Erlöse teilen“, so Bogdan Franczyk. Die Bereitschaft dazu ist gering, ebenso zum Datenaustausch. Der aber wird unerlässlich sein, um das Frachtaufkommen der Zukunft effizient bewältigen zu können. Datensouveränität heißt das Stichwort. Da ist der Gesetzgeber gefragt. Auf dem Land könnten Drohnen in Zukunft die Zustellung übernehmen. DHL testet bereits seit 2013 ihren Einsatz. Aber auch hier gibt es noch viele offene Rechtsfragen.

Jeder Transport beginnt mit der Kommissionierung. Die Leipziger Forscher haben ein Musterbeispiel vor der Haustür. Bogdan Franczyk hat das Lager des Versandriesen Amazon schon mehrfach besucht. „Amazon ist sehr innovativ, probiert vieles aus, der Input kommt aber meist aus den USA“, so Franczyk. Dabei suchen auch die Leipziger nach Lösungen, die das Paketpacken vereinfachen und Fehlerquellen ausschalten. Augmented Reality heißt das Zauberwort. Der Kommissionierer trägt eine Brille, über deren Bildschirm zusätzliche Informationen zu den Produkten und ihren Regalplätzen eingeblendet werden können. Das Testmodell stammt von Mircosoft, kostet rund 4 000 Euro und wird auf Dauer ganz schön schwer auf dem Kopf. Stefan Mutke sieht sich und sein Team als Mittler zwischen den Welten, zwischen der Wissenschaft und der Realität. Die Entwicklung ist rasant, so rasant, dass auch als Logistics Living Lab aus allen Nähten platzt. Das Institut hat erst unlängst in der Leipziger Mädlerpassage einen zweiten Raum angemietet.  

 

Redaktion: Ines Mallek-Klein

Bildquelle: Ronald Bonss