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Laufen auf Luft

Erzgebirgskreis 15.04.2018
Filigrane Luftspitzen um feinste Tischdecken kann man bei Funke in Eibenstock immer noch sticken. Doch die Zukunft sieht der Chef in wärmender Funktionsbekleidung.

Die Stickmaschinen rattern über den schneeweißen Stoff. Stich für Stich lassen sie gelbe Narzissenblüten, silbergrau glänzende Weidenkätzchen oder ganze Osterhasen samt ihrer eiergefüllten Körbchen entstehen. „Bei uns ist es wie in der Schokoladenindustrie. Wir arbeiten Weihnachten schon für Ostern“, sagt Hartmut Funke.

Der 61-Jährige hat gerade eine Reisegruppe aus Nordrhein-Westfalen verabschiedet. Die Deckchenfraktion, wie Funke die durchweg ergrauten Gäste nennt, besuchte erst das von der Stadt Eibenstock finanzierte Stickereimuseum und dann den Betriebsverkauf der Funke GmbH. Ein einträgliches Geschäft für das Unternehmen und „eines von unseren vielen Standbeinen“, wie Hartmut Funke verrät. Er hat ein kleines Imperium geschaffen, Schritt für Schritt, dabei gab es 1992 nicht wenige, die ihm ein schnelles Scheitern prophezeit haben. „Ich war damals der dümmste Geschäftsführer in der sächsischen Stickindustrie überhaupt“, stellt Hartmut Funke nüchtern fest.

„Ich war damals der dümmste Geschäftsführer in der sächsischen Stickindustrie“

Wegen seiner bürgerlichen Herkunft war ihm das Abitur verweigert worden. Er machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann, ging dann zur NVA und meldete sich schließlich an der Fachschule in Plauen für das Ökonomiestudium an. Später folgte noch ein fünfjähriges Fernstudium zum Maschinenbauingenieur. Sein technisches Verständnis sollte ihm von Nutzen sein.

Als die Wende kam, war Hartmut Funke Abteilungsleiter im VEB Elektrowerkzeuge Eibenstock. Die Zukunft des Unternehmens stand zwar nicht grundsätzlich infrage – aber es gab Unsicherheiten. Und da entschloss sich Funke, die neu gewonnenen Freiheiten der Marktwirtschaft zu nutzen. Er gründete mit einem befreundeten Unternehmer den Baufuchs-Baumarkt mit angeschlossenem Maschinenausleihcenter in Eibenstock. Das Konzept ging auf und trägt bis heute.

Weniger rosig sah die Zukunft des VEB Eibenstock Buntstickerei aus. Das Unternehmen mit über 650 Beschäftigten produzierte unter anderem Uniformeffekte für die Polizei, die Deutsche Post oder die Forstverwaltung. Mit der Wende brachen diese Kunden weg und neue waren nicht in Sicht. Die Treuhand drängte dennoch auf eine Reprivatisierung und nahm Kontakt zu der Mutter von Hartmut Funke auf. Ihr Mann hatte das 1915 vom Großvater R. Albert Funke gegründete Unternehmen bis zu dessen Verstaatlichung 1972 geleitet. Nun sollte die Familie die Tradition fortführen. „Meine Freude darüber hielt sich in Grenzen“, erinnert sich Hartmut Funke. Am Ende sagte er zu, als einziger von drei Geschwistern. „Es war recht naiv von mir, aber ich dachte, wenn es schiefgeht, dann machen wir einfach dicht. Ein Versuch ist es wert“, so Hartmut Funke im Rückblick.

Es war es wert, auch wegen der zehn Beschäftigten, die mit ihm den Neuanfang wagten. Hartmut Funke suchte sich keine teuren Berater, sondern vertraute auf das Fachwissen seiner Stickerinnen. Friedrun Tuchscherer war es, die die ersten Entwürfe für Tischdecken, Kissenbezüge und Gardinen zeichnete. „Uns war ja klar, dass wir mit den Effekten kein Geld mehr verdienen konnten“, so Funke. Also sattelte man um auf Haus- und Heimtextilien. Friedrun Tuchscherer traf mit ihren Designs den Zeitgeist. Blieb nur noch die Frage der Umsetzung. Der Maschinenpark, den Hartmut Funke mit übernommen hat, war tüchtig in die Jahre gekommen. Vier Stickmaschinen stammten noch aus den Gründerjahren um 1910, zwei wurden um 1890 gebaut. „Wir brauchten dringend neue Technik“, sagt Hartmut Funke.

Der Remscheider Stickmaschinenhersteller ZSK war damals als Marktführer ausgemacht. Hartmut Funke setzte sich in seinen Skoda und fuhr in den Westen. „Da hatte ich noch kein Gewerbe angemeldet. Es gab weder ein Firmenkonto noch eine Kreditzusage“, so der Unternehmer. Es gab einzig seinen festen Willen, die Firma wieder fit zu machen. Der ZSK-Verkaufsleiter zeigte sich von dem unternehmerischen Wagemut beeindruckt. Er ließ zwei Maschinen – mit Eigentumsvorbehalt – liefern, und in Eibenstock konnte die Produktion anlaufen. Das Thema Haustextilien lief so gut, dass man bald begann, das Sortiment zu erweitern. Die Decken wurden mit Luftspitzen veredelt, und die Gardinenproduktion lief an. Hartmut Funke war dabei immer klar, die Konkurrenz ist groß, aus der eigenen Region und erst recht aus Asien.

Er musste neue Wege finden, seine Kunden zu erreichen. Er ging zum Casting. Der Teleshoppingkanal QVC war 1998 bei der Wirtschaftsförderung in Dresden zu Gast. Im Halbstundentakt durften sächsische Unternehmer sich und ihre Produkte vorstellen. Hartmut Funke überzeugte, mit seiner Tischwäsche und seinem Verkaufstalent. Heute, 19 Jahre später, ist er der letzte Überlebende aus dieser Casting-Runde. Noch immer präsentiert er regelmäßig seine Tischwäsche im Fernsehen mit eindrucksvollen Experimenten, die nicht immer glatt laufen. Einmal wollte der Unternehmer seinen patentierten Fleckenschutz demonstrieren. Er kippte einen Schluck Cola auf die Decke. Doch die perlte nicht ab, sondern saugte sich durch alle Lagen. „Das Produktionsteam hatte die Decken verwechselt, mir ein Modell aus der Vorserie auf den Tisch gepackt. Ich habe es nicht gemerkt“, sagt Hartmut Funke. Es gab erst eine kleine Sauerei im Studio und dann einen riesigen Verkaufserfolg.

Die Verkaufssendungen werden in Düsseldorf produziert. Hartmut Funke ist mittlerweile ein echter Profi vor der Kamera. Seine Stunts werden immer mutiger. Bei der Vorweihnachtssendung im Dezember 2017 tropfte er heißes Wachs auf die Decke – eigentlich ein sicheres Todesurteil für jedes Haustextil. Doch auch hier hat die Funke GmbH geforscht und ein Verfahren entwickelt, das das Einsickern des Kerzenwachses in das Gewebe verhindert. Einmal erkaltet, kann der Wachsfladen problemlos abgehoben werden.

Innovationen sind wichtig. Sie machen die Decken und Kissenbezüge aus Eibenstock unterscheidbar von der Konkurrenz, der inländischen wie der ausländischen. Man darf, sagt Hartmut Funke, niemals aufhören, sich weiterzuentwickeln.


Das Institut für Spezialtextilien und flexible Materialien im thüringischen Greiz hat das Abstandsgewirke einst entwickelt. Die Füße bleiben durch Lufteinschlüsse trocken und warm.

Funke und seine Marketingchefin Anke Scheibner sind immer auf der Suche nach neuen Produkten. Sie wissen, die Reihen der Deckchenfraktion lichten sich. Mitteldecken und aufwendig gestickte Tischbänder sind allenfalls noch an hohen Feiertagen gefragt. Und am Fenster hat in vielen Haushalten die Jalousie längst die Gardine abgelöst. Hartmut Funke ist keiner, der deswegen verzweifeln würde. Er denkt immer nach vorn und geht dafür auch ungewöhnliche Wege. Eine E-Commerce- Agentur aus Plauen hat ihn auf die Finanzierungsplattform „Kickstarter“ aufmerksam gemacht. Im Sommer und Herbst 2017 sammelte das Unternehmen 12 500 Euro ein. Rund 250 Menschen haben die Airsole bestellt. Das Herz der atmungsaktiven Einlegesohle ist ein Abstandsgewirke. Das Institut für Spezialtextilien und flexible Materialien im thüringischen Greiz hatte die Einlegesohle entwickelt, aber niemanden gefunden, der sich an die Markteinführung wagte. Hartmut Funke traute sich. Schon 2004 kaufte er dem Forschungsinstitut die Technologie ab und verfeinerte sie weiter. Die neue Einlegesohle hat gleich mehrere Vorteile. Der Fuß wird optimal belüftet. „Sie laufen wie auf Luft“, sagt der Unternehmer. Die Polster haben einen massierenden Effekt und isolieren zugleich gegen Kälte. Feuchtigkeit wird abgeleitet, sodass die Schuhe auch barfuß getragen werden können.

Die Wundersohle gibt es für 19,95 Euro pro Paar. Die ersten Kunden sind begeistert, sie bedanken sich per Mail oder Brief. Doch damit nicht genug, Hartmut Funke geht mit einem Team noch weiter. Er will ein mit Keramikanteilen durchsetztes Infrarotgewebe verwenden, das bei den Sohlen der zweiten Generation die Wärme des Trägers an ihn zurückgeben soll. „Kalte Füße gehören damit der Vergangenheit an“, sagt Hartmut Funke. Das zweischichtige Abstandsgewirke, das mit Polfäden auf Distanz gehalten wird, bezieht die Funke GmbH aus Bayern. Die Infrarotfäden kommen aus der Region. Und während die modernen Stickmaschinen an der Verarbeitung des bis zu einem Zentimeter dicken Gewebes scheitern, kämpfen sich die Nadeln der Maschinen des vorvorigen Jahrtausends tapfer durch die Maschen. Es sei, sagt Hartmut Funke, manchmal schon paradox.

„Wir fertigen unser innovativstes Produkt an unseren ältesten Maschinen.“

Sie müssen auch manche Sonderschicht fahren, denn Anke Scheibner und ihre Kolleginnen experimentieren gern. Die Autositzauflagen gibt es bereits zu kaufen, genauso wie das Allzweckoutdoorkissen, das von Jägern mindestens genauso gern genutzt wird wie von Festivalbesuchern. Der Nierengurt ist noch in der Erprobung. Und auch Taschen sind bislang Einzelstücke. Die Kollektion wird weiter wachsen, davon ist Hartmut Funke überzeugt.

Er schaut noch einmal im Werksverkauf vorbei. Dort ist gerade eine neue Reisegruppe eingetroffen. Hartmut Funke sagt kurz „Hallo“. Man wird sich später noch sehen. Die Touristen aus dem Hessischen haben sich für einige Tage in seinem Hotel einquartiert. Es ist 2010 neben den Eibenstöcker Badegärten entstanden. Auch hier hat Hartmut Funke wieder das Außergewöhnliche zu bieten. Die Reithalle ist die längste, die je in Deutschland in Holzbinderbauweise gefertigt wurde. Und es ist das einzige Hotel, vielleicht sogar weltweit, in dem Zwei- und Vierbeiner unter einem Dach schlafen. Die Auslastung des Hauses liegt bei über 50 Prozent. Für Hartmut Funke ist das kein Zufall, sondern Ergebnis eines ganz einfachen Konzeptes. Man muss das Besondere bieten und man wird von den Kunden auch besonders geschätzt.

Informationen zur Produktpalette der Funke Stickerei GmbH aus Eibenstock unter www.funke-stickerei.de

 

Redaktion: Ines Mallek-Klein

Bildquelle: Thomas Kretschel