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Wenn jede Minute zählt

Dresden 16.04.2018
Der Transport von Spenderorganen zählt zu den größten Herausforderungen der Logistik. Alle Beteiligten müssen gut vorbereitet und informiert sein.

Bundesweit gibt es derzeit rund 12 000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Allein 8 000 Patienten hoffen auf eine neue Niere. Und sie alle müssen sich gedulden. Denn die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland sinkt. Gegenüber dem Vorjahr gab es 2017 rund acht Prozent weniger Spender. Wurden 2012 noch 900 Nieren transplantiert, waren es 2017 nur 700. Am zweithäufigsten wird die Leber entnommen. Es folgen Lunge, Herz und Bauchspeicheldrüse. Der Transport der Organe vom Spender zum Empfänger muss dann perfekt geplant sein. Es geht um Sekunden. Wie so ein Organtransport abläuft und warum der Land- dem Luftweg vorgezogen wird, erklärt André Ebbing. Er leitet die Stabsstelle Transportlogistik der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt am Main

2016 hat die DSO über 9600 Transporte im Zusammenhang mit Organspenden organisiert, wie viele waren es 2017?

Im Jahr 2017 gab es insgesamt über 9 300 Transporte im Zusammenhang mit Organspenden. Bei fast 8 060 handelte es sich um Bodentransporte. Sie wurden von allen großen Rettungsdienstorganisationen und einigen privaten Unternehmen durchgeführt. Alle entscheidenden Partner sind dazu mit der DSO vertraglich gebunden. Transporte mit der Bahn spielen eine untergeordnete Rolle. Sechs Flugunternehmen stehen der DSO für Charterflüge zur Seite. Sie kamen in 2017 rund tausendmal zum Einsatz. Weitere Möglichkeiten zum Transport sind Linienflüge.

Was kostet ein Organtransport?

Es ist schwierig, einen verlässlichen Durchschnittswert anzugeben. Wir führen dazu keine Statistik. Die Kosten sind abhängig von der Entfernung, also der Transportstrecke, sowie der Art des Transportes, ob er am Boden, per Linien- oder Charterflug erfolgt. Bei Flugtransporten kommen ergänzend noch Bodentransporte dazu.

Wie finanziert die DSO sich und die Transporte?

Die Finanzierung der Aufgaben der DSO erfolgt durch ein Budget, das jährlich mit den Auftraggebern der DSO (GKVSpitzenverband, Deutsche Krankenhausgesellschaft und Bundesärztekammer) im Einvernehmen mit dem Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) verhandelt wird. Das Budget für das Jahr 2018 setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Bei den Transporten muss man unterscheiden zwischen Flugtransporten von Herz, Lunge, Leber, Pankreas, Dünndarm und Boden- bzw. Flugtransporten von Nieren. Die Erstgenannten werden als extrarenale Flüge bezeichnet. Alle Pauschalen werden mit den Krankenkassen der Organempfänger nach erfolgter Transplantation abgerechnet.

Werden die Organe im Flugzeug als reine Fracht behandelt oder stets von einer Person begleitet?

Organe werden als VIC, also very important Cargo, gehandelt. Wenn das Herz oder die Lunge gespendet werden, reist ein Team aus dem Transplantationszen- trum, in dem der Empfänger liegt, an, um die Organe zu entnehmen. Diese Mediziner sind dann auch beim Organtransport dabei. Alle anderen Organe werden von unseren vertraglich gebundenen Partnern oder einer Linienfluggesellschaft transportiert.

Die Ischämiezeit der Organe, also die Zeit, in der sie nicht durchblutet sein können und trotzdem schadfrei bleiben, ist sehr unterschiedlich. Gibt es Fälle, in denen Empfänger perfekt zum Spenderorgan passen würden, aber der Transportweg zu lang ist?

Aufgabe der DSO ist es, alle für die Organvermittlung notwendigen medizinischen Daten an die Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) in Leiden in den Niederlanden weiterzugeben. Die Stiftung ist nach dem Transplantationsgesetz für die Vermittlung aller Organe zuständig, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Slowenien, Kroatien und Ungarn verstorbenen Menschen zum Zwecke der Transplantation entnommen werden. Bei Eurotransplant sind alle Patienten der Mitgliedsländer registriert, die auf ein Organ warten. Derzeit sind dies insgesamt rund 15 000 Menschen. Durch den Zusammenschluss dieser Länder haben die Patienten größere Chancen, ein immunologisch passendes Organ zu bekommen. Die Spenderorgane werden nach festgelegten Kriterien an die Wartelistenpatienten vergeben. Die Bundesärztekammer hat für Deutschland gemäß dem Transplantationsgesetz Richtlinien für die Organvermittlung erlassen. Im Vordergrund stehen Erfolgsaussicht, Dringlichkeit sowie Chancengleichheit. Für jedes Organ gibt es einen bestimmten Verteilungs- Algorithmus. Der erwartete Erfolg nach der Transplantation, die durch Experten festgelegte Dringlichkeit, die Wartezeit und die nationale Organaustauschbilanz spielen bei der Zuteilung aller Organe eine entscheidende Rolle. Der Eurotransplant- Verbund hat eine Größe, in der die Transporte in der benötigten Zeit grundsätzlich möglich sind. Gelingt der Transport in einzelnen Fällen aufgrund beispielsweise schlechter Wetterbedingungen nicht, kann Eurotransplant, um den Verlust eines Spenderorgans zu verhindern, zum beschleunigten Vermittlungsverfahren wechseln und einen anderen Empfänger ermitteln.

Dürfen Rettungswagen für Organtransporte mit Blaulicht fahren?

Die Anordnung von Sonder- und Wegerechten obliegt in Deutschland im Rahmen der Organtransporte den transplantierenden Krankenhäusern, da nur sie den Zustand des Organempfängers einschätzen können.

Wie lange dauerte der längste Organtransport, von wo nach wo?

Ein konkretes Beispiel können wir dazu nicht angeben. Als längste mögliche Strecke kann man sich die am weitesten voneinander entfernten Punkte des Eurotransplant-Verbundes vorstellen: Von Kroatien oder Ostungarn bis in die Niederlande. Eine besonders lange Transportzeit kann aber auch dadurch entstehen, dass sich beispielsweise nach der Ankunft einer Niere im Transplantationszentrum eine Unverträglichkeit für den vorgesehenen Empfänger herausstellt. Dann vermittelt Eurotransplant neu und das Organ muss zu einem anderen Zentrum transportiert werden.


Die Deutsche Stiftung Organtransplantation kooperiert mit sechs Flugunternehmen, nutzt aber auch Linienflüge für den Transport.

Welche Herausforderungen gibt es bei Transporten über Ländergrenzen hinweg?

Die größte Herausforderung liegt darin, dass es zu keiner Verzögerung des Organtransportes kommen sollte. Das heißt, alle Beteiligten vom Startpunkt bis zur Heimkehr, also die Fahrer, Piloten, die Mitarbeiter der Flughafensicherheit, der Bundespolizei, des Zolls, die Cargo- Handler, FollowMe-Fahrer und Pförtner, müssen über die Dringlichkeit informiert sein. Alle Schritte sollten reibungslos Hand in Hand gehen. Kontrollen sind natürlich notwendig und können nicht umgangen werden, aber sie werden schnellstmöglich durchgeführt. Hierzu werden im Vorfeld den beteiligten Stellen an den Flughäfen die Personendaten des reisenden medizinischen Teams übermittelt.

Wie viel Prozent der in Deutschland gespendeten Organe werden auch hier wieder implantiert?

Im Jahr 2017 wurden 83,3 Prozent der in Deutschland entnommenen Organe an Empfänger innerhalb Deutschlands vermittelt. Insgesamt 22 Prozent der im Jahr 2017 in Deutschland transplantierten Organe stammten aus dem Ausland.

Wie wirkt sich das wachsende Verkehrsaufkommen auf den Straßen auf die Planungssicherheit aus?

Das zunehmende Verkehrsaufkommen, insbesondere in den Ballungsgebieten, kann durchaus zu Verzögerungen führen. Vor allem dann, wenn durch Massenbaustellen auch bei Einsatz von Sonder- und Wegerechten ein Durchkommen schwierig ist. Die heutigen Routenplaner berechnen die aktuelle Stausituation aber meistens realistisch in die Prognose ein, und wir müssen die ganze Transportplanung daran anpassen.

Welche Firmen dürfen überhaupt Organe transportieren?

Wir arbeiten mit verschiedenen Hilfsdiensten zusammen, haben aber vereinzelt auch private Anbieter vertraglich im Portfolio.

Gibt es spezielle Schulungen für die Firmen und ihre Mitarbeiter?

Wir schulen die Unternehmen für die Anforderungen der Organ- und Teamfahrten und zeigen die gesamte Transportkette auf, die nur im guten Zusammenspiel erfolgreich sein kann.

Bahntransporte spielen nur eine untergeordnete Rolle, warum?

Wenn es zu ungeplanten Zugstopps kommt, haben wir keinerlei Möglichkeit, auf das Organ zuzugreifen. Zudem kann es passieren, dass, während der Transport schon läuft, ein Organ von dem vorgesehenen Transplantationszentrum abgelehnt wird. Dann müssen wir schnell umdisponieren, um den Transport entsprechend der Neuzuteilung durch ET an ein anderes Zentrum zu organisieren. Das ist bei einem Zugtransport so gut wie unmöglich.

Welche Eigenschaften hat die Konservierungslösung, mit der das Organ vor dem Transport gespült wird?

Die Konservierungslösung spült das Blut aus dem Organ aus. Damit wird verhindert, dass das Blut im Organ gerinnt und die Gerinnsel zu Verstopfungen in den Blutgefäßen führen. Die Lösung enthält Nährstoffe und Radikalfänger. Sie beugt so Zellschäden vor.

Muss es vor der Implantation noch einmal behandelt werden, und wenn ja, wie?

Wie das Organ vor der Übertragung behandelt wird, ist je nach Transplantationszentrum unterschiedlich. Die Aufgabe der DSO endet mit der Übergabe des Organs an das Zentrum.

Seit wann sind die neuen Transportkisten mit separaten Fächern im Einsatz?

Die Einführung der neuen Transportkisten erfolgte Anfang 2010. Die separaten Fächer sorgen dafür, dass die Temperatur konstanter gehalten werden kann.

Werden sie einmalig oder mehrfach genutzt, wer stellt die Kisten her?

Die Kisten werden nur einmalig benutzt. Sie werden produziert von der Firma Schaumaplast.

Warum sind vier Grad Celsius für die Konservierung der Organe so wichtig?

Je niedriger die Temperatur ist, bei der das Organ transportiert wird, desto stärker wird der Stoffwechsel in den Zellen verlangsamt und desto länger behält das Organ seine Funktion außerhalb des Körpers. Eine Temperatur unter 4 Grad Celsius ist zu vermeiden, weil es zur Bildung von Eiskristallen kommen kann, die die Zellen schädigen würden.

 

Redaktion: Ines Mallek-Klein

Bildquelle: MediDesign Frank Geisler

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