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40 neue Schweinepestfälle: Wie kommt die Seuche plötzlich wieder in den Kreis Görlitz?

Der Görlitzer Landrat Stephan Meyer (CDU) sieht eine mögliche Ursache für die Rückkehr der Schweinepest in der Autobahn. Reisende auf dem Parkplatz Wiesaer Forst an der A4 sehen das etwas anders.

Lesedauer: 3 Minuten

Hinweisschilder zur Afrikanischen Schweinepest wie hier auf dem Parkplatz Wiesaer Forst an der A4 in Richtung Dresden weisen Reisende darauf hin, alles richtig zu entsorgen – vor allem Essensreste. Quelle: SZ/Matthias Klaus

Matthias Klaus

Görlitz. Es ist ein ruhiger Dienstagmittag auf dem Autobahn-Parkplatz Wiesaer Forst. Nur eine Handvoll Laster stehen hier, ihre Fahrer machen kurz Pause auf der Reise weiter Richtung Dresden und weiter nach Westen. Die Sonne scheint und Piotr macht noch ein paar Streckübungen, bevor er sich auf den Sitz seines Sattelzuges hieven wird.

Er hat Holz geladen, Holzteile, genauer gesagt, aus denen später einmal Schränke und Ähnliches zusammengesetzt werden. „Das scheint ein gutes Geschäft zu sein. Ich liefere die Einzelteile an einen Onlinehändler, die Leute kaufen und bauen alles zu Hause zusammen“, sagt er. Die aktuelle Ladung stammt von einem Hersteller in Polen.

Piotr kennt die A4 wie seine Westentasche. Und natürlich kennt er die gelben Schilder, die an Zäunen und neben der Toilette hängen: Schweinepestgefahr, wenn Wurstreste und Ähnliches einfach in die Landschaft geworfen werden. Piotr stammt aus Ostpolen, vom Lande, wie er sagt. Dass nun Brummi-Fahrer für die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland verantwortlich sein sollen, findet er übertrieben.

Essen lieber einpacken und mitnehmen

„Warum sollte ich gutes Essen wegwerfen? Dann packe ich es lieber ein und esse es am nächsten Halt“, sagt er. Dann muss er weiter. Sein Ziel liegt in Frankreich.

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat dem Landkreis Görlitz nur eine kurze Atempause gegönnt. Ein knappes Jahr galt er als ASP-frei. Ende März wurde das Virus in einem toten Wildschwein nachgewiesen, das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bestätigte den Fall. Das zwei Jahre alte Tier war verendet in der Nähe der Königshainer Berge gefunden worden.

„Warum sollte ich gutes Essen wegwerfen? Dann packe ich es lieber ein und esse es am nächsten Halt.“ – Piotr, Brummifahrer aus Polen

Eine sogenannte Sperrzone 2, die das „gefährdete Gebiet“ betrifft, wurde mit einem Radius von etwa zehn Kilometern um den Fundort festgelegt. Dieses Gebiet umfasst Flächen oder Teile der Gemeinden Hohendubrau, Horka, Kodersdorf, Königshain, Markersdorf, Neißeaue, Quitzdorf am See, Schöpstal, Löbau, Niesky, Reichenbach, Vierkirchen und Waldhufen. Eine Sperrzone 1, die als Puffer dienen soll, schließt sich im Westen an den bestehenden Schutzkorridor entlang der Grenze zu Polen an und umschließt die neue Sperrzone 2.

Sozialministerin Petra Köpping (SPD) ist unter anderem für die Tierseuchenbekämpfung zuständig. „Mit der Errichtung der Sperrzonen folgen wir den Auflagen der EU-Kommission. In dem Gebiet wird nun mit intensiver Fallwildsuche und gezielter Bejagung von Schwarzwild versucht, das Krankheitsgeschehen zu begrenzen und eine weitere Ausbreitung zu verhindern“, teilt sie mit.

Bisher 40 neue Fälle

Nach bisherigem Stand der Dinge wurde inzwischen bei 40 weiteren Wildschweinen das Virus nachgewiesen. Die Zahl sei dabei nicht überraschend, sondern spiegele das Ergebnis der intensiven Kadaversuche mittels Drohnen und Kadaversuchhunden wider, heißt es aus dem Landratsamt. „Dabei handelt es sich teils um ganze Kadaver und in einigen Fällen um einzelne Kadaverteile. Daher ist die Zuordnung mitunter zu einem oder mehreren Tieren schwierig“, teilt die Pressestelle mit.

Ein Übergreifen auf Hausschweinbestände gibt es genau wie in der Vergangenheit nicht. Sie appelliere an alle Landwirte mit Schweinemast- und Schweinezuchtbetrieben in diesem Gebiet, die Maßnahmen der Biosicherheit besonders streng einzuhalten, damit das Virus auch weiterhin nicht auf Hausschweine übertragen werde, so Petra Köpping.

Bleibt die Frage: Woher kommt das Virus nun wieder in die Oberlausitz? Der Görlitzer Landrat Stephan Meyer (CDU) hatte zuletzt gegenüber dem MDR die A4 bei Thiemendorf als Quelle eines Neueintrages vermutet. Sind doch weggeworfene Essensreste aus Osteuropa Ursache des Übels?

In der Nähe des Königshainer Tunnels, auf dem Parkplatz Wiesaer Forst, lässt Sofia gerade ihren Hund ein bisschen frische Luft schnuppern und sein Geschäft erledigen. Sofia kommt aus der Ukraine, fährt als Geschäftsfrau regelmäßig auf der A4 von Ost nach West und umgekehrt.

Ja, sie habe schon von dem Problem mit der Schweinepest gehört. Sie selbst würde nicht auf die Idee kommen, Essensreste einfach in die Landschaft zu werfen. „Dafür habt ihr Deutschen doch ausreichend Mülleimer hier aufgestellt“, sagt sie und schmunzelt. Natürlich, sagt sie weiter, gebe es immer Leute, die es mit dem Entsorgen nicht so ernst nehmen. „Aber auf einem Rastplatz wie hier kann ich es mir nicht vorstellen. Dann eher an der Autobahn: bei voller Fahrt einfach aus dem Fenster“, vermutet sie. Zumal, so Sofia, sich Wildschweine wohl kaum auf den abgesperrten Parkplatz verirren würden.

Vandalismusschäden und Diebstähle

Nach Auskunft des Sozialministeriums handelt es sich bei dem nun aufgetretenen Virus um den gleichen Typ, der bereits 2020 festgestellt wurde. Allerdings habe er sich verändert.

Dem Landkreis Görlitz machen derweil Vandalismusschäden zu schaffen. Neu aufgestellte Zäune wurden gestohlen. Bisher handelt es sich um etwa 300 Meter. „Am vergangenen Wochenende wurde ein weiterer Diebstahl festgestellt. Dabei handelte es sich um Weidezaungeräte, die die Stromversorgung an den Zäunungen sicherstellen“, heißt es aus dem Landratsamt. „Kriminelle Handlungen wie Diebstahl oder Zerstörung dieser Einrichtungen sind absolut inakzeptabel und werden konsequent strafrechtlich verfolgt“, so Landrat Stephan Meyer.

Die Afrikanische Schweinepest ist eine Virusinfektion, die ausschließlich Schweine, also Wild- und Hausschweine, betrifft. Sie verläuft fast immer tödlich und ist unheilbar. Überlebende Tiere entwickeln keine Immunität gegen das Virus, sie können sich erneut anstecken. Die Krankheit kann durch Nahrungsmittel übertragen werden, für die mit dem ASP-Virus infiziertes Fleisch verarbeitet wurde. Für den Menschen und andere Tierarten ist die Schweinepest nicht ansteckend oder gefährlich.

SZ

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