Callenberg. In jedem Satz von Georg Stiegler schwingt Stolz mit. Es ist ein Stolz, der sich auf eine 103-jährige Familiengeschichte in der Landwirtschaft und ein Leben mit der Natur gründet. Unter einem Walnussbaum, eingerahmt von seinem Vierseithof, erzählt er, wie sein Urgroßvater 1923 begonnen hat. Die Gebäude sind weiß getüncht, die Balken des Fachwerks heben sich schwarz ab. Hier, oberhalb von Callenberg (Landkreis Zwickau), zwischen sanften grünen Hügeln, ist die Welt noch in Ordnung. Möchte man meinen.
Doch der Schein trügt. Stiegler führt den Familienbetrieb, gemeinsam mit seinem Bruder, in der vierten Generation. Und die fünfte wächst bereits heran. „Ich weiß nicht, wie lange das noch gutgeht, wie lange sich Betriebe in Sachsen noch halten können“, sagt der 39-Jährige. In den Stolz mischt sich Beklemmung. Denn Landwirtschaft bedeutet heute für viele Bauern: jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr ums Überleben kämpfen.
Reformpläne: Brüssel will vor allem kleinere Höfe unterstützen
Die Proteste der vergangenen Jahre, als sie mit ihren Traktoren landesweit Autobahnauffahrten blockierten und vor den Landtag in Dresden fuhren, sind noch präsent. Auch Stiegler setzte sich damals auf seine Zugmaschine. Natürlich. Und, er gründete mit befreundeten Landwirten den Verein „Land schafft Verbindung“. Was der Aufstand gebracht hat? „Wir halten zusammen, helfen uns. Aber verstanden werden wir von den wenigsten Menschen. Schon gar nicht von der großen Politik“, sagt Stiegler. Aus ihm spricht nicht die Wut. Vielmehr eine Enttäuschung.
Tatsächlich erreicht die Landwirte in diesen Wochen die nächste Hiobsbotschaft. Die Europäische Union plant, ihre Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) umzustellen. Kurz gesagt: Ab 2028 sollen die flächenabhängigen Einkommenshilfen maximal 100.000 Euro je Betrieb betragen. Ursprünglich, vor Jahrzehnten, waren die Direktzahlungen als Ausgleich angelegt gewesen, um sich gegen Billigimporte zu wappnen. Mittlerweile wird mit dem EU-Geld aber auch landesweit Naturschutz betrieben. Zuletzt betrug die Basisprämie je Hektar 157 Euro.
Doch jetzt stehen den Landwirten vor allem in Ostdeutschland drastische Einbußen bevor. Der Grund liegt in den hier verbreiteten Betriebsgrößen, die häufig weit ausgedehnter als im restlichen Europa und auch in Westdeutschland sind. Die EU will dagegen verstärkt kleinere Höfe unterstützen.
In Sachsen wären größere Betriebe und Hauptarbeitgeber betroffen
Laut dem sächsischen Agrarministerium wären von der Änderung etwa 1400 der 6500 Landwirtschaftsbetriebe im Freistaat betroffen. Das Problem ist allerdings: Dieses knappe Fünftel hat 80 Prozent der Beschäftigten unter Vertrag, bewirtschaftet 80 Prozent der Felder und hält 90 Prozent der Milchkühe.
Ich weiß nicht, wie lange das noch gutgeht, wie lange sich Betriebe in Sachsen noch halten können. – Georg Stiegler, Landwirt aus Callenberg (Landkreis Zwickau)
Landwirtschaftsminister Georg-Ludwig von Breitenbuch (CDU) spricht deshalb von einem „vollkommen falschen Signal“ aus Brüssel – und prophezeit „einen Strukturbruch in Sachsens Landwirtschaft“, sollte es kein Umdenken in der EU geben. Der sächsische SPD-Europaabgeordnete Matthias Ecke sieht bereits einen „Super-Gau“ aufziehen.

Quelle: Niclas Tiedemann
Die Einschnitte würden auch die Stieglers und ihre Waldenburger Agrar GmbH & Co. KG hart treffen. Der Betrieb betreibt reinen Ackerbau. Auf einer Fläche von 1100 Hektar, im Umkreis von 30 Kilometern. Mit fünf Angestellten und der mitarbeitenden Familie – Bruder, Ehefrau, Eltern – kommt der Hof gerade noch über die Runden. „In der Landwirtschaft werden die Gewinne immer geringer. Es geht um unsere Existenz. Entsprechend schlecht ist die Stimmung“, erklärt Stiegler. Die Gründe sind vielfältig, liegen etwa in sinkenden Abnahmepreisen und steigenden Energie-, Diesel- sowie Düngeausgaben.
Dabei haben sich die Stieglers in den vergangenen Jahren viel einfallen lassen, haben Nischen besetzt. Der Hof ist beispielsweise Sachsens größter Anbauer von Backmohn und hat sich auf Saatgutvermehrung spezialisiert. Insektenfreundliche Wildwiesen aus der Callenberger Produktion wachsen beispielsweise auf dem Tesla-Areal in Brandenburg. Daneben werden klimaresiliente Sorten wie Sommerweizen getestet.
Streichung von EU-Zahlungen kann nicht kompensiert werden
Gemeinsam mit seiner Familie hat Stiegler ausgerechnet, wie hoch die Einbußen ausfallen, sollte die EU ihre Reformpläne umsetzen und die Kappungsgrenze einführen. Sein Hof würde etwa ein Drittel der Zahlungen verlieren: fast 60.000 Euro im Jahr. „Eine solche Summe lässt sich für uns nicht kompensieren“, sagt der Landwirt. Ein doppelt so großer Betrieb – wie in Sachsen durchaus verbreitet – würde knapp 250.000 Euro pro Jahr weniger bekommen.
Einsparungen seien kaum möglich, erklärt Stiegler, höchstens beim Personal. Mit anderen Worten: Es droht Jobverlust – und für die verbliebenen Beschäftigten mehr Arbeit. Oder, es müssen Felder und Ställe aufgegeben werden. Konzerne, Investmentfonds und Versicherungen kaufen sich bereits heute zunehmend in der ostdeutschen Landwirtschaft ein, bilden XXL‑Unternehmen. Damit würde das Gegenteil von dem bewirkt werden, was die EU eigentlich bezwecken will: Regionale Produzenten werden verdrängt – und die Konzentration wird befeuert.

Quelle: Niclas Tiedemann
Das sächsische Agrarministerium geht von rund 50 Millionen Euro pro Jahr aus, die künftig aus Brüssel weniger an die Bauern im Freistaat überwiesen werden könnten. Im vergangenen Jahr hatten die Zahlungen insgesamt 204 Millionen Euro betragen. Damit wird klar: Ein Einbruch steht bevor. „Das hätte in der Folge nicht nur Auswirkungen auf die Flächen, sondern auch auf die Tierhaltung“, macht Landwirtschaftsminister von Breitenbuch klar: „Ziel muss eine auskömmliche Agrarförderung ungeachtet der Betriebsgröße sein. Ein Hektar ist ein Hektar, egal wo er liegt und von wem er bewirtschaftet wird.“
Studie rechnet mit 100 Millionen Euro Verlusten in Sachsen
Die Auswirkungen könnten sogar noch gravierender sein – weil es eben nicht allein um das Minus aus Brüssel geht. Eine Studie, die von der Grünen-Fraktion im sächsischen Landtag in Auftrag gegeben worden war, sagt einen Wertschöpfungsverlust von 100 Millionen Euro jährlich allein im Freistaat voraus.
Die Einführung von Degression und Kappung in der EU-Agrarförderung ab 2028 ist in Zeiten geopolitischer Spannungen und sensibler Märkte das vollkommen falsche Signal und würde zu einem Strukturbruch in Sachsens Landwirtschaft führen. – Georg-Ludwig von Breitenbuch (CDU), Landwirtschaftsminister in Sachsen
„Diesen Preis würden die Menschen zahlen, die in den ländlichen Regionen leben“, warnt Prof. Alfons Balmann, Leiter des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien und Mitautor der Studie. Denn die geplante Grenze bei 100.000 Euro treffe „nicht anonyme Großinvestoren, sondern regional verankerte Betriebe, wie Agrargenossenschaften, deren Beschäftigte und zigtausende Verpächter“.
Ein weiterer Grund für dieses Krisenszenario ist: Anders als in anderen Branchen können die Landwirtschaftsbetriebe ihre Preise häufig nicht selbst bestimmen. Wie viel es etwa für Getreide gibt, bestimmt der Weltmarkt. „Davon sind wir abhängig. Ich bekomme jeden Tag die aktuellen Werte aufs Handy. Dann müssen wir entscheiden: verkaufen – oder nicht“, sagt Stiegler.
„Romantische Landwirtschaft“ – oder Grundversorgung für alle?
Die Börsen schlagen also bis in den 4700-Einwohner-Ort Callenberg durch. Die Preise, etwa für Weizen, sind im Jahresvergleich teilweise um 20 bis 25 Prozent gefallen. Denn anderswo auf der Welt wird viel billiger produziert, doch nicht nach deutschen Qualitäts- und Umweltstandards. Die EU-Zahlungen gelten bisher als Einkommensausgleich.
Auch deshalb wird der Callenberger Landwirt grundsätzlich. Die Gesellschaft müsse sich entscheiden, formuliert er die entscheidende Frage: „Wollen wir einen Rückfall in die 1950er Jahre und das Bild einer romantischen Landwirtschaft pflegen – oder wollen wir die Versorgung unserer Bevölkerung mit einheimischen, bezahlbaren Lebensmitteln sichern, von deren Produktion die Erzeuger aber tatsächlich leben können?“ Die Antwort überlässt Stiegler jeder und jedem selbst. Für ihn steht sie fest. Letztlich werde aber im Supermarkt entschieden, meint er.
Es sind Sätze, die nun nicht mehr nur den Stolz auf die Familiengeschichte widerspiegeln, sondern auch den Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung von bäuerlicher Arbeit. Doch was würde werden, wenn diese Arbeit nicht mehr zum Leben reicht? Dann müsste Georg Stiegler aufgeben, den Familienhof verlassen. „Ich bleibe aber auf jeden Fall Landwirt“, sagt er mit einer Überzeugung, die nur schwer nachzuvollziehen scheint, „im schlimmsten Fall eben nicht mehr hier in Deutschland.“
SZ


