Coswig. Wenn in Coswig jemand nach Herrn Tharandt ruft, da dreht sich Conrad Rost direkt um. Denn irgendwie ist es sein Name: Vor 125 Jahren hat sein Urgroßvater die Buchhandlung Ernst Tharandt in Coswig gegründet. Damals noch in der Bahnhofstraße 8, sagt Rost.
Noch heute ist die Buchhandlung nach Ernst Tharandt, Rosts Urgroßvater benannt. „Er hat damals als Buchdrucker 1900 den kleinen Laden aufgemacht“, sagt der Inhaber. In der nächsten Generation übernahm dann der Schwiegersohn die Buchhandlung. Daher auch die Namensänderung in der Familie: „Sie nahm, wie es für die Zeit typisch war, den Namen ihres Mannes an: Rost“, sagt er.
Buchhandlung ist auch über die deutschen Grenzen bekannt
„Wir hatten auch schonmal den Tipp bekommen, die Buchhandlung umzubenennen“, sagt seine Frau, Ines Rost. Doch sie haben sich dagegen entschieden: Selbst nach 125 Jahren kennt jeder die Buchhandlung Tharandt in Coswig.
„Wir sind froh, dass immer noch genügend Kunden zu uns kommen“, sagt Conrad Rost. „Viele von ihnen kennen wir schon seit Jahrzehnten. Manche haben wir schon damals in Windeln kennengelernt, die kommen jetzt als Erwachsene wieder.“
Einer hat sortiert, einer gepackt, einer ausgeliefert. – Ines Rost, Inhaberin Buchhandlung Ernst Tharandt
Und sie haben auch Anfragen aus der ganzen Welt. „Wir haben schon Bücher nach Peru, Norwegen oder Australien geschickt“, sagt Ines Rost, „manchmal bekommen wir auch Anfragen, ob wir ein ganz bestimmtes Buch besorgen könnten, was es nicht mehr einfach so gibt. Dann bestellen wir das auch gern mal aus Amerika und verschicken es dann in Deutschland.“ „Das ist der Vorteil der Selbstständigkeit – ich kann entscheiden, ob wir solche Sachen machen oder nicht“, ergänzt ihr Mann.
Beliefern Kunden in ganz Coswig
Doch gerade dieses Engagement hat der Buchhandlung während Corona geholfen. „Viele hatten wirklich Probleme sich zu halten“, sagt Ines Rost, „wir haben uns stark bemüht, alles möglich zu machen.“ So hat das Team einen Fahrradkurier eingeführt, der in Coswig Bücher ausliefert. Zum Kalenderverkauf haben sie das Angebot im Schaufenster präsentiert und mit Nummern bestückt. Die Kunden konnten dann per Telefon oder Mail den Kalender bestellen.
Und auch ihre Schnelligkeit war in der Pandemiezeit von Vorteil: Onlineversandhändler wie Amazon haben Bücher nicht priorisiert. „Dadurch kam es zu Lieferzeiten von vier bis fünf Tagen“, sagt der Inhaber, „wir konnten teilweise am gleichen oder schon am nächsten Tag liefern.“

Quelle: Arvid Müller
Irgendwann waren die Rosts und ihre einzige Mitarbeiterin, Katrin Götze, nur noch mit Packen und Ausliefern beschäftigt. „Einer hat sortiert, einer gepackt, einer ausgeliefert“, sagt Ines Rost.
Den Kurier haben die sie nach Corona beibehalten. Noch heute beliefern sie Kunden in ganz Coswig. „Wir beliefern auch Betriebe und Institutionen, da planen wir die anderen Stopps einfach mit ein“, sagt Conrad Rost.
Leseklub für Kinder macht Pause
Seit Corona hat sich aber auch das Leseverhalten geändert. „Es wird weniger gelesen“, sagt Ines Rost. Während früher ganze Generationen ähnliche Bücher lasen, sucht sich heute jeder seine eigene Welt. Eine davon, für die auch die Buchhandlung extra ein eigenes Regal freigeräumt haben, sind „Dark Romance“ Bücher, die vor allem auf sozialen Netzwerken beworben werden und oft von einer „Feinde zu Liebhabern“-Geschichte handeln. „Damit haben wir eine ganz neue Zielgruppe bekommen. Wir hätten die jungen Frauen sonst irgendwann verloren“, sagt die 54-Jährige.
Ines Rost hat sich auch schon an den Booktok-Büchernversucht, also Literatur, die vor allem im sozialen Netzwerk Tiktok geteilt und besprochen wird. „Für mich war es nichts. Ich lese gern mal Science-Fiction, aber auch da gefällt mir nicht alles“, sagt sie. Ihr Mann greift lieber zu historischen Werken. „Alle Bücher haben eine Daseinsberechtigung“, sagt Ines Rost, „Alles, was zwischen zwei Buchdeckeln ist, schätze ich.“
Wichtig ist den Rosts auch die Leseförderung. Lange gab es einen Leseklub für Kinder. „Die Idee war, dass Kinder regelmäßig mit neuen Büchern in Kontakt kommen. Im Quartal konnten sie zwei Bücher lesen“, erklärt Ines Rost. Die Mitgliedschaft war immer auf ein Jahr begrenzt. „Wir hatten oft 60 bis 70 Bewerbungen“, sagt Rost. Zwölf Kinder konnten sie nur aufnehmen.
Viele Ideen für die Zukunft
Doch die Realität sieht inzwischen anders aus: „Nach Corona ist es einfach weniger geworden“, sagt Rost. Außerdem bekommen sie kaum noch Leseexemplare, die sie an die Kinder aushändigen könnten. „Es ist heute alles digital. Da können wir das mit dem Klub kaum noch machen“. Momentan legen Rosts eine Pause ein.
Jetzt wird erstmal das 125-jährige Bestehen der Buchhandlung Ernst Tharandt gefeiert. „Dafür haben wir zwei Lesungen in der Buchhandlung geplant“, sagt Conrad Rost. Die erste am 4. September mit Frank Goldammer ist schon ausverkauft. Für die Lesung am 23. September gibt es noch Restkarten. „40 Leute finden in unserer Buchhandlung Platz“, sagt der 58-Jährige.
Ab dem 10. September sind auch die historischen Kalender von Coswig wieder in der Buchhandlung erhältlich. Und auch für die Zukunft haben die Rosts noch ein paar Pläne: „Es gibt viele Ideen – Leseklubs für Erwachsene, private Buchvorstellungen. Wir schauen immer, was zu unseren Gästen passt.“
SZ


