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Automatisch zur neuen Arbeitswelt

Kaum ein Unternehmen wird mittelfristig ohne Automatisierung und KI-gestützte Prozesse konkurrenzfähig bleiben. Das ist eine Herausforderung, bringt aber auch neue Chancen – für Unternehmer und Mitarbeiter gleichermaßen.

Lesedauer: 3 Minuten

Eine Hand hält ein Steuerungspad
Automatisierung, Robotik, KI – die Arbeit verändert sich. Das kann verunsichern, schafft aber in der Perspektive vor allem neue Möglichkeiten. Foto: Adobestock

Von Annett Kschieschan

Roboter, die Henkel auf Tassen kleben, Bestellroutinen in der Bäckerei steuern oder in der Qualitätskontrolle eingesetzt werden – das alles ist in Sachsen längst keine Zukunftsmusik mehr. Automatisierung ist Trumpf, vor allem dort, wo der Fachkräftemangel Unternehmen andernfalls schon längst vor große Probleme gestellt hätte. Doch in kaum einem Markt geht die Entwicklung so schnell wie im Bereich KI und Automatisierung. Die Angst, nicht schnell genug zu reagieren oder aufs falsche Pferd zu setzen, hält vor allem kleinere und mittelständische Betriebe bisweilen davon ab, hier zu investieren. Dazu kommen die Kosten für eine Umstellung der eigenen Produktionsweise. Experten sind sich allerdings sicher: Wird Automatisierung klug eingesetzt, spart sie bereits mittelfristig Geld und hilft, personelle Engpässe abzufedern. Eine Studie des Marktforschungsunternehmens International Data Corporation (IDC) zeigt, dass das immer mehr Unternehmen bewusst ist. 70 Prozent der befragten Firmen in Deutschland setzen demnach auf zunehmende Prozessautomatisierung. Allerdings nutzt nur ein Drittel die Möglichkeit Robotik, KI und das sogenannte Maschinelle Lernen zu kombinieren. Das wiederum ermöglicht es, auch komplexere Prozesse zu automatisieren. Ein Beispiel dafür ist der Servicebereich von Unternehmen, in denen intelligente Spracherkennung dabei hilft, Kundenmails zu lesen und darin enthaltene Fragen zu erkennen und im Idealfall direkt zu beantworten. Das spart nicht nur menschliche Arbeitskraft, die an anderer Stelle dringender gebraucht wird, sondern verkürzt auch die Wartezeiten der Kunden auf eine Rückmeldung.

Die Automatisierung – insbeondere in Kombination mit KI-gestützten Lernprozessen – verändert die Arbeitswelt bereits. Das löst auch Skepsis aus. Angst vor Veränderungen – sie ist in einer krisengeplagten Zeit nur menschlich, aber nach derzeitigem Erkenntnisstand vielfach unbegründet. Das sagt zum Beispiel der Kultur- und Medienwissenschaftler Michael Seemann. Er hat im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung untersucht, wie die Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt tatsächlich verändern könnte. Im Fokus stehen dabei die sogenannten Large Language Models (LLMs). Dahinter verbergen sich Werkzeuge, die mit Sprache arbeiten, um etwa Texte zu generieren oder Fragen zu beantworten. Das wohl bekannteste Beispiel ist ChatGPT. Das 2022 als Prototyp eines ChatBots, der auf Künstlicher Intelligenz beruht, veröffentlichte Werkzeug hat bereits erstaunlich fundierte Texte ausgespuckt, Fragen korrekt beantwortet und sogar funktionierende Codes geschrieben.

Michael Seemann ist sicher: Der Einsatz von ChatGPT und ähnlichen Anwendungen wird über kurz oder lang jeden Arbeitsbereich betreffen. Doch, anstatt die Entwicklung zu fürchten, gelte es, sie zu gestalten. An KI-gestützte Einparkhilfen habe man sich längst gewöhnt. „Mit ChatGPT gelang etwas Neues: Es kann uns in unserer Sprache antworten“, so Seemann. Das berührt uns offenbar besonders stark – und schürt bisweilen die Angst vor zu viel Einfluss Künstlicher Intelligenz. Dabei bieten gerade die Large Language Models zunächst einmal nur die Chance, riesige Datenmengen auszuwerten, Muster und Anomalien zu erkennen. Im sprachlichen Kontext ermöglicht das das Verfassen von Texten und die korrekte Beantwortung von Fragen. Eine Untersuchung der Bank Goldmann Sachs geht davon aus, dass etwa ein Viertel der Arbeitsplätze in Europa und den USA durch die fortschreitende Automatisierung wegfallen oder sich zumindest stark verändern könnte. Gleichzeitig zeichnet sie ein Bild von der KI als Motor für neues Wachstum, andere Berufsbilder und damit auch neue Chancen.

Weiterbildung ist der Schlüssel

Hier sind sich alle Experten einig: Nur, wer den Wandel annimmt, wird langfristig bestehen können. Das gilt für einzelne Unternehmen, aber auch für ganze Branchen. Nicht zuletzt sei auch der Einzelne gefragt, wenn es darum geht, die Entwicklung nicht zu verpassen. Weiterbildung und Qualifizierung sind entscheidende Faktoren, wenn es um die Veränderungen durch Automatisierungsprozesse geht.

Oft fürchten gerade die Mitarbeiter, die schon seit Jahrzehnten im Betrieb sind, mit den neuen Entwicklungen nicht Schritt halten zu können. Das ist besonders dort der Fall, wo es keine Betriebsräte gibt. Das zeigt unter anderem eine Studie des ZEW – Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. „Betriebsräte spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, negative Folgen der Automatisierung abzumildern. Davon profitieren besonders ältere Beschäftigte, die es nach einer Kündigung schwer haben, einen neuen Job zu finden. Betriebsräte verbessern die Weiterbeschäftigungschancen für die Belegschaft vor allem dann, wenn es viele Arbeitssuchende gibt“, so Oliver Schlenker, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“. Er gibt auch zu bedenken, dass die Automatisierung zu niedrigeren Löhnen in den Berufen führen kann, in denen die KI besonders viele Aufgaben übernehmen könnte.

Auch ältere Mitarbeiter haben gute Chancen

Haben auch hier die Älteren wieder besonders schlechte Karten? Nicht unbedingt. Denn eine Untersuchung für die „lidA – leben in der Arbeit“-Studie des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft der Bergischen Universität Wuppertal zeigt, dass viele ältere Beschäftigte durchaus offen für neue Arbeitsmodelle und auch den Umgang mit KI-unterstützten Prozessen sind. Wer digitale Arbeitsmittel häufig nutzte, litt nicht häufiger unter psychischen Belastungen als Menschen, die nur selten mit den Folgen der Digitalisierung zu tun hatten. Die Arbeitsfähigkeit lag demnach sogar höher. Das Gleiche galt für die Motivation, auch weiterhin erwerbstätig zu bleiben.

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