Von Nora Miethke
Sachsen gilt als Gewinner des Wandels zum Elektroauto. Volkswagen, Porsche, BMW produzieren ihre E-Fahrzeuge in Sachsen, Mercedes lässt seine Batterien für die E-Flotte hier montieren. Doch ganz ohne Verlust an Firmen und Jobs vor allem unter den Autozulieferern wird dieser Strukturwandelprozess auch im Freistaat nicht vonstatten gehen. Das wird immer deutlicher.
Jüngstes Beispiel Sumitomo in Oberseifersdorf in der Nähe von Zittau. Der japanische Zulieferer überlegt offenbar, die Produktion im Werk mit 79 Beschäftigten zum Jahresende einzustellen. Endgültig entschieden sei noch nichts, aber der Betriebsrat und die Beschäftigen seien informiert worden, betonte Controller Rolf Hinke gegenüber der Sächsischen Zeitung. Grund für das geplante Aus sind nach eigenen Angaben die seit Jahren andauernden Umsatzrückgänge, die sich durch das Verbrenner-Aus noch verstärken könnten. Sumitomo stellt in Oberseifersdorf Sintermetallteile für die Autoindustrie her.
Auch im Nachbarland Thüringen sind beim Autozulieferer Marelli Automotive Lighting Brotterode Hunderte Abeitsplätze gefährdet. Der Mutterkonzern habe angekündigt, dass bis zum Jahr 2025 nur etwa 125 Arbeitsplätze am Standort blieben, teilte der Regionalbevollmächtigte der Gewerkschaft IG Metall, Uwe Laubach, am Dienstag mit. Einschließlich Zeitarbeitern würde Marelli dort derzeit mit der Produktion von Scheinwerfern etwa 900 Menschen beschäftigen. Das Unternehmen in Brotterode wie auch der Mutterkonzern wollten keine Stellungnahme abgeben.
Firmen verschwinden und neue Zulieferer kommen
Dennoch hätten die mitteldeutschen Zulieferbetriebe den Wandel zum Elektroauto bisher gut gemeistert, heißt es in Expertenkreisen. Vor einigen Jahren habe es in der Branche noch sehr viel Unsicherheit gegeben und seien etliche Insolvenzen befürchtet worden, sagt der Geschäftsführer des Automotive Cluster Ostdeutschland (Acod), Jens Katzek.
„Die Zulieferer haben die Zeit sehr gut genutzt, um sich auf die Transformation vorzubereiten.“ Unmut gebe es aber, weil die Politik mitten in der Transformation immer neue Vorgaben mache. Als Beispiel nannte Katzek das Lieferkettengesetz und Pläne für die neue Euro-7-Abgasnorm ab 2025. „Das ist letztlich eine Verbotspolitik für den Verbrenner.“ „Die Politik sollte nicht immer neu draufsatteln“, mahnte Katzek. Die Unternehmen hätten neben dem Umbruch zur Elektromobilität bereits an anderen Stellen zusätzliche Belastungen infolge der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine zu schultern.
Für Aufsehen hat jüngst die Ankündigung von GKN Driveline gesorgt, sein Werk mit 835 Mitarbeitern in Zwickau schließen zu wollen. Dort werden Gelenkwellen für Autos hergestellt. Begründet wurde die Entscheidung mit einer zurückgehenden Auslastung und sinkenden Preisen. Die IG Metall wirft dem Unternehmen dagegen vor, mit EU-Förderung ein neues Werk in Ungarn zu bauen und die Produktion dorthin zu verlagern, um mehr Gewinn zu erzielen. Vergangene Woche waren die Beschäftigten in einen Streik getreten und haben so einen Sozialtarifvertrag mit hohen Abfindungen erstritten.
Auch Katzek sieht die Entscheidung von GKN weniger der Transformation in der Automobilbranche geschuldet. Bei einem solchen Schritt gehe es eher um Gewinnmaximierung und der Erschließung neuer Märkte. Der Verband der Automobilindustrie hatte jüngst mit Verweis auf eine Umfrage bei Autozulieferern mitgeteilt, dass fast neun von zehn Unternehmen Deutschland bei Energiekosten, Arbeitskräften und Steuerbelastungen international für nicht wettbewerbsfähig halten. 28 Prozent überlegten, deswegen Investitionen ins Ausland zu verlagern.
Andererseits sorgt der Strukturwandel auch dafür, dass sich neue Zulieferbetriebe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ansiedeln. Das betreffe etwa die Batteriezellfertigung. Als Beispiele nennt Katzek CATL im thüringischen Arnstadt und Dräxlmaier in Leipzig. Zudem hätten Autohersteller wie BMW in Leipzig in diesem Bereich selbst zusätzliche Produktion aufgebaut. Der Acod kündigte am Mittwoch an, ein neues Netzwerk aus Unternehmen und Fraunhofer-Instituten aufbauen zu wollen, in dem die Kompetenzen gebündet werden sollen in den Bereichen Batteriechemie, -produktion, -recycling und zweites Leben als stationäre Speicher. (mit dpa)


