Niesky. 1400 Tonnen Stahl aus der Oberlausitz sind in Berlin beim Kanzlerpark verbaut. Genauer: eine Konstruktion, hergestellt in Niesky. Die Fußgängerbrücke über die Spree verbindet den künftigen Campus mit seinen 400 neuen Büros, die da entstehen. Auf das 260 Meter lange Bauwerk in der Landeshauptstadt sind Philipp Hähnel, Stefan Kühne und die Mitarbeiter der Stahl Technologie GmbH stolz.
„Das war eine der kompliziertesten Brücken gewesen“, sagt Hänel, der Geschäftsführer der Firma ist. 24 Brückenteile aus der Stadt im Kreis Görlitz wurden mittels Sondertransport und Polizeibegleitung nach Berlin geschafft, um da zusammengebaut zu werden. Die Nieskyer haben das Mammutprojekt geschafft. Und der Erfolg reißt nicht ab.
Erweiterung in der Produktion
„Die Auftragsbücher sind für die nächsten drei Jahre voll“, berichtet der 37-Jährige, der aus Reichwalde stammt. Am Standort investiert die Muttergesellschaft fünf bis sieben Millionen Euro. Das ist die DSD-Steel-Group mit Sitz im Saarland, von der die Stahl Technologie Niesky eines der zugehörigen Tochterunternehmen ist.
Da entsteht jetzt ein zweites Standbein. Neben dem schweren Stahlbau, zu dem unter anderem Brückenkonstruktionen gehören, wird das Feld Leichtbau mit der Herstellung von Stahlprofilen erschlossen.
Unsere Investitionen sind auf Langfristigkeit ausgelegt. – Philipp Hänel, Geschäftsführer Stahlbau Technologie Niesky
Die Hallenschiffe noch aus DDR-Zeiten sind riesig: 27.000 Quadratmeter Fläche. Dort findet die Produktion statt. Das Nieskyer Unternehmen befindet sich auf Wachstumskurs.
Der passiert rasant. Die neue Anlage – Länge knapp 75 Meter – steht bereits. Geplant sind außerdem der Bau einer Strahlanlage für den Stahlhochbau und eine neue Lackieranlage.

Quelle: Martin Schneider
Andererseits sind im Vorjahr sachsenweit deutlich mehr Unternehmen in die Krise geraten. 975 Anträge auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wurden gestellt.
Nach Angaben von Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden sind zunehmend größere Unternehmen davon betroffen. In Niesky passiert das Gegenteil.
Bis zu 50 neue Arbeitsplätze
Derzeit arbeiten in dem Betrieb 40 Mitarbeiter, fünf davon aus dem Nachbarland Polen. „Wir wollen auf 70 bis 90 Mitarbeiter wachsen“, sagt Philipp Hänel. Schlosser, Schweißer, Lackierer, Strahler und Projektleiter werden dringend gesucht. Das Unternehmen stellt ein. „Ab sofort.“
Der Betrieb in seiner heutigen Form wurde 2020 gegründet. „Kurz darauf begann die Corona-Pandemie“, blickt Philipp Hänel zurück. Der Vorgänger, die Stahl- und Brückenbau Niesky GmbH, musste ein Jahr zuvor Insolvenz anmelden. Eine Zitterpartie begann mit Beginn des Krieges in der Ukraine für den neuen Betrieb. Das Stahlwerk in Mariupol produzierte und lieferte nicht mehr. Aus Russland kam kein Koks. Das hatte Auswirkungen auf die Stahlwerke in Europa und bedeutete Kurzarbeit in Niesky.
„Grüner Stahl“ aus Dillingen für Niesky
Doch das Blatt hat sich komplett gedreht. „An Stahl gibt es im Moment keinen Mangel, aber es wird wohl teurer werden“, vermutet Hänel. Grund: Die geopolitische Lage und ihre Auswirkung auf Lieferketten und Preise.
Dennoch und auch gerade deshalb sagt der Geschäftsführer: „Unsere Investitionen sind auf Langfristigkeit ausgelegt, mit denen wir die Zukunft vorbereiten wollen.“
Fotovoltaik und neue Heizanlage
So produzieren die Nieskyer mit rund 17.000 Tonnen Stahl Teile für eine Anlage in Dillingen, die dort komplett neu gebaut wird. Der Auftrag ist festgezurrt. „Da geht es um grünen Stahl“, sagt Philipp Hänel. Also um wasserstoffbasierte Herstellung des Materials. Wasserstoff zur Stahlproduktion führe dazu, unabhängiger zu werden, so der Geschäftsführer. Das in Dillingen produzierte Stahlblech soll dann unter anderem auch in Niesky im Leichtbau Verwendung finden.
In Niesky vor Ort wird nicht mit Wasserstoff produziert werden. Regenerative Energien spielen dennoch eine Rolle, um Kosten zu sparen und beim Strom unabhängiger zu sein. Mittlerweile sind fünf Solaranlagen installiert. Und es gibt eine neue Heizungsanlage für die Schwerbaukonservierung, die „viel effektiver“ sei. „Das waren sehr gute Investitionsentscheidungen“, schätzt Hänel ein.

Quelle: Martin Schneider
Das junge Unternehmen knüpft an eine lange Standort-Tradition an. Der Stahlbrückenbau in Niesky begann im Jahre 1869, damals unter dem Namen Maschinenfabrik J. E. Christoph.
In der DDR wurde das Unternehmen zu einem Volkseigenen Betrieb (VEB). „Bis zu 3000 Arbeiter gab es damals hier“, sagt Fertigungsleiter Kühne, der sich mit der Historie beschäftigt hat.
Standort mit Geschichte
Auf dem etwa 50.000 Quadratmeter großen Gelände sind die steinernen Zeitzeugen von damals noch zu sehen: Rote Ziegelsteingebäude, die früher den Bürotrakt bildeten und heute unter Denkmalschutz – aber leer – stehen. „Es gab eine Sanitätsstation, und das Bürgerhaus war die Kantine für den Betrieb“, berichtet der 43-jährige Nieskyer. Die Namen des Unternehmens und ihre Eigentümer wechselten im Lauf von über 150 Jahren mehrfach.
Die Nieskyer bauten unter anderem in den 1950er-Jahren die Fähranlage in Saßnitz, später die S-Bahn-Brücke am Adlergestell in Berlin. Nach der Privatisierung 1997 entstanden Brücken für das Autobahndreieck Spreeau, Nieskyer wirkten am Bau der Kanalbrücke Magdeburg, der größten ihrer Art in Europa, mit. Dann kam das Aus für die Stahlbauer. Der Betrieb hatte mit Außenständen zu kämpfen und musste letztlich Insolvenz anmelden.
Das neue Unternehmen unter Philipp Hänels Federführung hat die Stahlbau-Tradition am Leben erhalten. Kürzlich flatterte der nächste Großauftrag für die Verarbeitung von 7000 Tonnen Stahl in Wolgast für Niesky ein. Der Geschäftsführer freut sich: „Wir sind Teil der Arbeitsgemeinschaft Peenebrücke und bauen da an der Bundesstraßenumfahrung mit.“
SZ


