Von Jens Rometsch
Leipzig. Wer heute in Grünau die Dusche aufdreht, nutzt für sein heißes Wasser überwiegend Sonnenenergie. Ganz in der Nähe haben die Leipziger Stadtwerke am Mittwoch die größte Solarthermie-Anlage Deutschlands in Betrieb genommen. Erstmals wird ein Teil der Fernwärme ganz ohne Abgase erzeugt – nur aus der Kraft von Sonnenstrahlen.
Die 40 Millionen Euro teure Anlage steht auf einem ehemaligen Feld in Lausen. Wer sich das Werk ansehen will, tippt Gerhard-Ellrodt-Straße 144 in sein Navi. Fußgänger und Radfahrer erreichen das Ziel meist über die Schweinfurter Straße in der Siedlung Grünau.
Grünau wird gleich direkt versorgt
Kurz vor dem 14 Hektar großen Areal müssen sie aber eine Fernwärmetrasse unterqueren. Das ist die Lebensader des Projekts. „In 13.200 Vakuumröhren gewinnen wir Wärme und leiten sie über diese Trasse zum Speicherturm am Heizkraftwerk Süd“, erklärte Stadtwerke-Projektleiter Erik Jelinek bei einem Rundgang. Ein Teil der Energie versorge direkt die Haushalte in Grünau.
Noch arbeite die Anlage mit halber Kraft. Bis Ende Juli 2026 sollen alle Kollektoren gefüllt sein. Dann steigt die Leistung auf 21 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr. Im Winter sinkt der Ertrag naturgemäß, doch im Sommer sei der Nutzen deutlich messbar.

Quelle: Jens Rometsch
„Im Sommer decken wir bis zu 20 Prozent des Wärmeverbrauchs klimaneutral ab“, sagte Stadtwerke-Geschäftsführer Karsten Rogall. Heißes Wasser brauche man in allen Jahreszeiten: nicht nur zum Duschen, sondern beispielsweise in der Wirtschaft auch zum Kühlen von Räumen.
In zwei Jahren werde Leipzig bereits 40 Prozent seiner Fernwärme klimaneutral erhalten. Das werde möglich durch eine neue Trasse nach Leuna, die bisher ungenutzte Abwärme aus dem Chemiepark in die Stadt bringt. Für die Kunden zahlt sich das aus: Auf grüne Wärme entfällt keine CO₂-Steuer, so Rogall. Voraussichtlich schon 2027 würden die Stadtwerke einen neuen Wärmetarif auf den Markt bringen, der die Ökokomponente berücksichtige.
Ein Fuchsbau wurde schon entdeckt
Für Mensch und Natur bringe die neue Anlage unmittelbar spürbare Verbesserungen, hieß es weiter. Zwar seien nun 6,5 Hektar mit Kollektoren bedeckt, deren Glas die Sonnenstrahlen bündelt und Wasser (unter Druck) auf bis zu 110 Grad erhitzen kann. Doch die Träger dafür wurden 20 Zentimeter höher angelegt als üblich, sagte Guido Wimmer, Projektleiter beim Hersteller Ritter Solar.
Das begünstige natürliches Pflanzenwachstum. Nur 0,01 Prozent der Fläche seien durch Trägerstangen und Technikgebäude versiegelt. In den nächsten 50 Jahren bleibe das nun eingezäunte Feld weitgehend der Natur überlassen. Der Zaun sei durchlässig für Tiere. „Einen Fuchsbau haben wir drinnen schon entdeckt.“

Quelle: Jens Rometsch
Im Herbst 2026 werden Mischhecken, Blühwiesen, eine Allee und eine Streuobstwiese außerhalb des Zauns angelegt. „Das passiert so, dass kein Schatten auf die Kollektoren fällt“, sagte Jelinek. Die Vakuumröhren seien so effektiv, dass sie im Winter kein Frostschutzmittel brauchen. Ihre Funktionsweise sei ähnlich wie bei einer Thermoskanne: innen heiß, außen kalt.
Die Pflanzen werden durch eine Schafherde gekürzt. „Für Spaziergänger richten wir noch einen neuen Fußweg her. Sie haben hier künftig keinen Staub, keinen Lärm, keinen Geruch nach Gülle.“ Solche Vorteile und mehrere Info-Veranstaltungen hätten sicherlich dazu beigetragen, dass das Anwohner-Echo recht positiv ausfiel.
Weltweit die viertgrößte Anlage
Von der Größe her liegt das Kollektorfeld in Lausen weltweit auf Platz 4, sagte Moritz Ritter, Beiratschef beim Hersteller Ritter Solar. „Wir sind natürlich sehr stolz, dass wir in Leipzig die bisher größte Solarthermie-Anlage in Deutschland errichten durften. Es ginge aber auch noch deutlich größer.“
Bei dieser Technik liege die Energieausbeute pro Quadratmeter dreimal so hoch wie bei Photovoltaik (Strom aus Sonnenlicht). „Gegenüber Biosprit – zum Beispiel aus Maisanbau – beträgt der Effizienzfaktor sogar 40“, erläuterte Ritter.
Wegen Kosten für die Transportwege rechne sich die Wärmeerzeugung aus Sternenlicht bisher finanziell nur, wenn die Flächen nah an großen Städten liegen, räumte Stadtwerke-Chef Rogall ein. Und auch das nur, wenn Fördermittel helfen. In Lausen habe der Bund über die Kreditanstalt für Wiederaufbau 16 Millionen Euro beigesteuert.
„Es ist der erste konkret wirksame Schritt, um Leipzigs neuen Wärmeplan zu verwirklichen“, freute sich Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal (Linke). „Wir haben hier in echt eine funktionstüchtige Anlage, die klimaneutral Fernwärme erzeugt. Das ist die Überschrift des Tages.“


