Görlitz. Treffen sich ein Informatiker, ein Metallbauer und ein Physiotherapeut in der Küche. So könnte ein Witz anfangen – und tatsächlich wird viel gelacht und gescherzt, wenn Felix Große, Vincent Nicht und Peter Jentsch aufeinandertreffen. „Was wir hier machen? Das wissen wir manchmal selbst nicht so genau“, ulkt einer, als sie sich für das Foto zurechtstellen. Das jedoch ist nicht nur ein Witz, es ist eine grobe Untertreibung – man merkt es, wenn man die drei nach ihrer Tätigkeit fragt, dann erweist sich jeder Einzelne mit seiner Fachkenntnis als sprichwörtliches wandelndes Lexikon für das, was hier im Mittelpunkt ihres Tuns steht: Speisepilze.
Auf der Zubereitungsfläche liegen die mit Pilzen gefüllten Teigtaschen, auf dem Schneidebrett gleich daneben die Zutaten für einen Burger: Tomate, Salat, Zwiebeln und ein Pattie − fleischlos, hergestellt aus Seitlingen, auch Austernpilze genannt. Vincent Nicht, Peter Jentsch und Felix Große haben die Ärmel ihrer Pullover hochgekrempelt, hantieren mit den Zutaten, sind fleißig beim Zubereiten. Die Küche des Coworking-Orts „Go Be“ an der Peterstraße in der Görlitzer Altstadt ist neuerdings Produktionsstätte für ihr eigens gegründetes Unternehmen „Neisse Natur“. Die drei Freunde haben, wie gesagt, jeweils andere Hauptberufe. Sie lernten sich vor ein paar Jahren über ihre jeweiligen Partnerinnen kennen. Dann wuchs die Idee, gemeinsam regionale Spezialitäten herzustellen.
Ursprünglich planten sie eine Frühgemüseaufzucht. „Microgreens“ (englisch für „kleines Grün“) heißt die Technik, bei der Keimpflanzen wenige Wochen lang im Wasser gezüchtet und dann noch im Sämlingsstadium geerntet werden. „Dadurch haben sie einen besonderen Geschmack und es ist nachhaltiger“, erklärt Peter Jentsch. Sie rechneten ihre Geschäftsidee durch – und waren schnell ernüchtert; die Investitionen, die sie hätten tätigen müssen, hätten sie im Zuge eines nebenberuflichen Projekts nicht so schnell wieder hereinbekommen. Außerdem gibt es mit Jörg Daubner, dem Inhaber des Restaurants Obermühle, bereits jemanden, der ein solches Microgreen-Projekt erfolgreich bespielt.
Waldspaziergangs-Idee mit Folgen
Doch der Einfall, ein vergleichbares Vorhaben hochzuziehen, ließ die drei nicht los. „Komm, wir gehen im Wald spazieren, vielleicht haben wir dort eine Idee“, sagte einer. Noch bevor sie den Marsch antraten, hatten sie gleich die Assoziation: Wie wäre es, wenn wir Pilze direkt selbst züchten, dann müssen wir dafür nicht mehr in den Wald? Alle drei sind begeisterte Pilzsammler. Auf Champignons zu setzen, schien ihnen zu profan. Mit Seitling und Igelstachelbart sollte es feine Speisepilze sein, die nicht so bekannt sind, sich aber zu vielem verarbeiten lassen. So wuchsen erst die Idee und dann die Fungi: Sie besorgten sich Zuchtsets, im Fachjargon Bags (englisch für: Taschen) genannt, und legten los.

Quelle: Martin Schneider
„Vincent ist sofort im Internet in Fachforen versunken, hat geschaut, wie das funktioniert, und uns im Minutentakt auf dem Laufenden gehalten“, sagt Peter Jentsch. Die drei Freunde schrieben Präsentationstafeln voll, gründeten einen WhatsApp-Kanal und tauschten ihre Ideen aus und planten. „Das waren nach kurzer Zeit mehr Nachrichten, als man in zwei Jahren mit der Frau geschrieben hatte.“
Alle drei Firmengründer sind Rückkehrer
Es folgten erste Versuche – zunächst wollte es nicht gelingen, die Pilze schimmelten. Die nächsten Versuche wurden besser und besser. „Mittlerweile schaffen wir 99 Prozent Reinheitsgrad.“ Um die letzten Keime abzutöten, sterilisieren sie jetzt jeden Pilz. Anfangs nutzten sie dafür einen kleinen Schnellkoch-Topf. Mittlerweile haben sie den Prozess professionalisiert und sich einen gasdicht verschließbaren Druckbehälternamens Autoklavzugelegt. Darin werden die Pilze etwa 90 bis 120 Minuten lang bei 121 Grad von Konkurrenzorganismen befreit.

Quelle: privat
Außer der Faszination für Pilze und ihrer Freundschaft eint die drei Männer noch etwas: Sie stammen aus Görlitz und Umgebung, haben ihr Glück eine Zeit lang woanders gesucht und sind nun Rückkehrer.
Felix Große (41) ist der Bezug zu Wald und Natur nicht fremd. Er bezeichnet sich selbst als „Dorfkind“, wuchs auf in Meuselwitz, einem Ortsteil der Stadt Reichenbach. Den gelernten Physiotherapeuten zog es nach der Schullaufbahn zunächst nach Süddeutschland. In Stuttgart genoss er eine Ausbildung an einer Sportschule, kehrte dann zurück in seine Heimat und betreibt jetzt eine eigene Praxis an der Berliner Straße in Görlitz. Ganz in der Nähe fanden die drei Jungunternehmer auch den Standort, um ihr Zelt für die Anzucht aufzubauen.
Vincent ist sofort in Fachforen versunken und hat uns im Minutentakt auf dem Laufenden gehalten. – Felix Große, Mitbegründer Neisse Natur
Vincent Nicht (35) hat in Hagenwerder einen Metallbau-Beruf gelernt, dort seine Frau kennengelernt und ist dann „sesshaft geworden“. Er wohnt in Großröhrsdorf und arbeitet in der Brauerei Radeberger als Meister für die Sortierung, also in der Abfallwirtschaft. Nicht ist gebürtiger Görlitzer; das verbindet ihn mit dem Dritten im Bunde, Peter Jentsch (36). Diesen zog es nach dem Abitur nach Rathenau, wo er medizinische Informatik studierte, erst Bachelor, dann Master im selben Fach. Er arbeitete in diesem Beruf eine Weile in Dresden, bevor es ihn wieder zurück in die Heimat zog. Nun wohnt er mit seiner Frau im Haus im ländlichen Klingewalde, das einst seiner Großmutter gehörte – und das mit großem Garten viel Platz für regionalen Anbau bietet.

Quelle: Martin Schneider
So wurden aus den drei Freunden Geschäftspartner, deren Frauen wurden zu den ersten Test-Essern für die neuen Produkte – manch eine könne mittlerweile fast keine Pilze mehr sehen, scherzen sie. Die drei Männer selbst schon. Sie verkaufen die Produkte an die Gastronomie, in der „Obermühle“ etwa finden die Pilzprodukte Verwendung. Auf dem Frühlingsfest in Markersdorf standen sie bereits mit einem Imbiss-Wagen, es gab Pilz-Schaschlik und Teigtaschen mit Pilzen.
In Görlitz unterstützen sie den Förderverein des Straßentheaterfests ViaThea bei seiner Spendenaktion, und auch beim Festival selbst werden sie einen Imbissstand aufbauen. Weitere Einsätze sind angeleiert, vom Rothenburger Sommerfest bis hin zur Whiskey-Messe in Dresden. Langfristig arbeiten sie darauf hin, auch das Pilzsubstrat nach der Zucht weiterzuverwenden – als Tierfutter beispielsweise. „Die Idee ist, dass wir von der ersten bis zur letzten Sekunde alles verwenden. So gut wie keine Mülltonne mehr zu brauchen, könnte das Ziel sein.“ Die Ideen, was sie mit den Pilzen noch alles Leckeres anstellen könnten, sind schier endlos: süße Waffeln mit Pilzen, eine Pilz-Bratwurst, gefüllte Germknödel, und, und, und. Auch ein Pils mit Pilz wäre denkbar – mindestens einer der drei Männer verfügt da ja über beste Brauerei-Kontakte.
SZ


