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Görlitzer Stadthalle: Grundsteinlegung für den Anbau gibt Startschuss für 50-Millionen-Projekt

Auf den Tag genau vor 115 Jahren wurde die Stadthalle eröffnet, vor 20 Jahren geschlossen, war dann lange Zankapfel in der Lokalpolitik. Jetzt beschwören Oberbürgermeister und Ministerpräsident Einigkeit – und freuen sich, dass ein Meilenstein getan ist.

Lesedauer: 4 Minuten

Marc Hörcher

Görlitz. Fachkundig verteilt Thomas Leder den Mörtel mit der Maurerkelle am Grundstein des neuen Anbaus der Görlitzer Stadthalle. Ein paar Handgriffe, nachdem Oberbürgermeister Octavian Ursu und Ministerpräsident Michael Kretschmer kurz zuvor welche getan haben. Dann ist die Zeitkapsel im Grundstein einbetoniert. Sie enthält Tageszeitung, Amtsblatt, deutsche und polnische Münzen, alte Eintrittskarten sowie ein Grußwort des Stadthallen-Fördervereins.

Der Ministerpräsident macht eine ausladende Geste in Richtung Leder, schneidet einen Gesichtsausdruck, der anerkennend so etwas zu sagen scheint wie: Sehen Sie, der Mann kann’s. „Du hast das richtig gelernt“, sagt Kretschmer zu Thomas Leder, der vielen Görlitzern als Vorsitzender des Stadthallenfördervereins und als „Mister Stadthalle“ bekannt ist, der beruflich als Sachverständiger bebaute und unbebaute Grundstücke sowie Schäden an Gebäuden bewertet.

„Mister Stadthalle“ ist einfach zufrieden

Bis 2020 kämpfte er als Stadtratsmitglied für das Bauvorhaben, machte sich damit nicht immer nur Freunde. Nun darf er die Mörtelstriche setzen, beim Richtfest für das Millionenprojekt. „I feel good“ spielt das Orchester im Hintergrund – und was fühlt „Mister Stadthalle“ Thomas Leder in diesem Moment? „Einfach Zufriedenheit“, sagt er der SZ. Darüber, dass sich der große zeitliche Aufwand gelohnt habe, von ihm und vielen Vereinsmitgliedern. Eine alteingesessene Görlitzerin hat ihm kurz zuvor ein Mitgliedsantrag für den Stadthallenförderverein in die Hand gedrückt. Es seien diese kleinen Momente, die ihn froh stimmen, sagt er.

Die Bauarbeiten sind in vollem Gange, im Frühjahr haben sie begonnen. Die sanierte Stadthalle soll 2029 eröffnen, rund 51 Millionen Euro kosten Sanierung und Anbau. „Wir liegen im Zeit- und auch im Budgetplan“, sagt der Görlitzer Bürgermeister Benedikt Hummel. Zuletzt hatte es Fragen um das Vergabe-Verfahren für die Orgel im Großen Saal gegeben, diese seien geklärt. Die Konzertorgel in der Stadthalle ist das letzte Werk des berühmten Orgelbauers Wilhelm Sauer und die einzige original erhaltene Konzertorgel mit spätromantischer Klangfarbe. Während der Sanierung werde die Orgel teildemontiert, manche Bauteile werden während des Baus umhüllt.

Richtfest 115 Jahre nach dem Eröffnungskonzert

Rund 44 Millionen Euro steuern Bund und Freistaat Sachsen zu gleichen Teilen bei, der Rest kommt aus dem städtischen Haushalt. „Die Stadthalle war und ist kein reines Prestigeprojekt“, sagt Oberbürgermeister Octavian Ursu. Das Jugendstilprojekt solle ein lebendiger Ort der Begegnung werden, ein Zeichen der Internationalität der Europastadt, ein Ort nicht nur für Kultur, Musik und Feiern, sondern auch ein Ort für Wissenschaft, Innovation und Tagungen. Hierzu dient der Anbau, dessen Grundstein jetzt gelegt wurde. Das neue Betreiberkonzept sieht die Halle als Multifunktionshalle vor. Als Tagungszentrum soll der Veranstaltungsort Raum für Konferenzen der Großforschungszentren bieten, die in Görlitz im Aufbau sind. Dazu gehört das deutsch-polnische Forschungszentrum Casus sowie das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA), beides Großprojekte, gefördert aus Strukturwandel-Geldern.

Den Tag für die Grundsteinlegung haben die Verantwortlichen nicht dem Zufall überlassen: Er liegt genau 115 Jahre nach der Eröffnung der Stadthalle. In einem feierlichen Konzert erfüllten damals 600 Sänger und das Philharmonische Orchester Berlin die Stadthalle mit den Klängen von Johann Sebastian Bach. Lange war das Jugendstilgebäude Aushängeschild, 2005 wurde sie geschlossen − der Betrieb war nicht mehr wirtschaftlich, die Haushaltslage ließ keine Sanierung zu, die Stadt suchte lange nach Fördermöglichkeiten.

Darauf blickte Michael Kretschmer bei der Grundsteinlegung zurück. Die Zeit damals vor 20 Jahren sei geprägt gewesen von „Streit und Misstrauen“, das habe die Stadt geprägt. Er sei froh, dass man heute anders miteinander umgehe, mit Vertrauen und Wertschätzung. Sowohl Ursu als auch Kretschmer lobten den parteiübergreifenden Zusammenhalt, und dass es gelungen sei, Verbündete zu finden, um die Rolle der Europastadt positiv fortzuschreiben. Das drücke sich neben der Stadthalle auch in anderen Projekten aus, wie der Schaffung des gemeinsamen Fernwärme-Netzes mit Zgorzelec.

Die fertige Konzerthalle soll Platz für 1400 Gäste bieten, der kleine Saal fasst circa 250 Besucher, und die vier Gartensäle haben Platz für jeweils 40 bis 60 Gäste. Szenarien wie vor der Schließung der Stadthalle, als das Personal in dem riesigen Gebäude „Hunderte von Stühlen hin- und herwuchten“ musste, habe man in Erinnerung, referierte Benedikt Hummel. Man möchte solche logistischen Fehler nicht wiederholen, das neue erarbeitete Betriebskonzept enthalte deswegen 15 verschiedene Szenarien, dort sei berücksichtigt, „welchen Weg jede Jacke geht, und wohin sich welcher Kaffeelöffel bewegt“.

Das neue Gebäude wird barrierefrei angelegt, das beinhaltet nicht nur einen Zugang für körperlich eingeschränkte Menschen, sondern auch Aufzüge für den Catering-Service. Eine moderne Infrastruktur mit Tablet-Ladeplätzen in den Künstlergarderoben runde das Konzept ab. Zusätzlich wird bereits jetzt, bevor die Stadthalle fertiggestellt wird, an einem Marketingkonzept gearbeitet. Hierfür hat der Kulturservice Görlitz eine neue Stelle geschaffen; der für diese Aufgabe aus Köln nach Görlitz gezogene PR-Profi Sascha Lisicki ist seit Sommer damit beschäftigt.

Transparenzhinweis, 28. Oktober, 15.38 Uhr: In einer älteren Version dieses Artikels war fälschlicherweise zu lesen, dass die Stadt Görlitz am Montag den Startschuss für die Stadthalle mit einem Richtfest feierte. Richtig ist: Es handelte sich bei der Zeremonie um die Grundsteinlegung. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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