Görlitz. Oben im Dachgeschoss des einstigen Bullenstalls im Görlitzer Ortsteil Schlauroth kommt ein großes Bullauge in die Giebelwand, zwei Meter im Durchmesser. Darauf freut sich Eigentümer Philipp Boegershausen jetzt schon. Es wird viel Licht in seinen künftigen Wohnbereich bringen – und ihn an die sechs Jahre von 2011 bis 2017 erinnern, die er als Tontechniker auf Kreuzfahrtschiffen verbracht und in denen er die Welt mehrfach gesehen hat.
„Aber nach sechs Jahren war ich an dem Punkt, an dem es nichts Neues mehr gab und ich mich nicht mehr weiterentwickeln konnte“, sagt der 36-Jährige. Das war für ihn der Moment, in die Heimat zurückzukehren – und sich auf seinen einstigen Ausbildungsbetrieb in Görlitz zu besinnen: Bei Christian Günzel und seiner Firma Concerts hatte er von 2008 bis 2011 den Beruf des Veranstaltungstechnikers gelernt.

Quelle: Martin Schneider
Nach den Jahren auf dem Schiff fragte er seinen Ex-Chef, ob er einen Unternehmensnachfolger suche. Mit Erfolg: Zum 1. Februar 2018 konnte er Concerts übernehmen. Christian Günzel ging in Rente, Philipp Boegershausen machte allein weiter. Der Firmensitz am Gewerbering im Gewerbegebiet Ebersbach war für ihn allein jedoch zu groß, also zog er um in die Landeskronstraße 36. Dort hatte er sein Büro im Vorderhaus und das Techniklager im nicht beheizbaren Hinterhaus.
Und dann ging alles ganz schnell. „Wir haben uns einen guten Namen erarbeitet, konnten in Technik investieren und Mitarbeiter einstellen“, berichtet Philipp Boegershausen: „Wir platzten in der Landeskronstraße aus allen Nähten.“ Wenn er von „wir“ spricht, dann meint er auch seine Mutter Annekathrin, Schwester Julia und Bruder Alexander. Die drei unterstützen ihn, wo sie können, beispielsweise beim Bürokram. „Ohne meine Familie wäre das alles hier überhaupt nicht möglich“, sagt er voller Dankbarkeit. Zudem bildet er auch aus: Zwei Azubis haben ihre Lehre bei ihm bereits abgeschlossen, die Dritte steckt mitten in ihrer Ausbildung.
Hier war ich nach der ersten Besichtigung sofort begeistert und wusste, dass in dem alten Bullenstall Potenzial steckt. – Philipp Boegershausen, Inhaber Concerts
Die Suche nach einem neuen Standort begann schon 2022. Immer wieder haben sich die Boegershausens Gebäude angeschaut. Gemeinsam fiel auch irgendwann die Entscheidung, nicht noch einmal mieten zu wollen, sondern ein Objekt zu kaufen. In Schlauroth wurden sie fündig. „Hier war ich nach der ersten Besichtigung sofort begeistert und wusste, dass in dem alten Bullenstall Potenzial steckt“, sagt Philipp Boegershausen.
Hinzu kam: Das Grundstück an der Dorfstraße ist rund 5000 Quadratmeter groß. Neben dem um 1900 gebauten Stall, der nicht unter Denkmalschutz steht, gibt es auch eine denkmalgeschützte Scheune aus der Zeit zwischen 1850 und 1870. Das ganze Grundstück war einst Teil des benachbarten Rittergutes. Philipp Boegershausen brauchte eine Weile, um sich mit dem Vorbesitzer über den Kaufpreis zu einigen – und unterschrieb den Kaufvertrag am 30. September 2024.

Quelle: privat
Der Vorbesitzer hatte den Stall als Lager genutzt. In der Mitte stand eine hölzerne Trennwand, ansonsten existierten keinerlei Innenwände. Auch Wasser und Abwasser gab es nicht. „Nachdem wir die Holzwand rausgenommen hatten, bestand das komplette Untergeschoss aus einem einzigen großen Raum“, sagt der 36-Jährige. Hinzu kam das nicht ausgebaute Dachgeschoss. Nun standen ihm alle Möglichkeiten offen. Mit seiner Familie und dem Holtendorfer Baugeschäft Voigt machte er sich an die Arbeit.
Heute gibt es unten immer noch einen großen Raum: das Lager für die gesamte Veranstaltungstechnik. Doch an der Seite hat die Baufirma Mauern hochgezogen und so ein paar kleine Räume abgetrennt. Dort hat Philipp Boegershausen ein Büro, eine Küche, eine Toilette und einen Aufenthaltsraum mit Ofen eingerichtet sowie Anschlüsse für Wasser und Abwasser verlegt. „Schon Ende 2024 konnten wir einziehen“, berichtet er.

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Im nächsten Schritt wird nun ab März das Dachgeschoss ausgebaut. Auf der einen Seite entstehen 130 Quadratmeter Bürofläche für die Firma, auf der anderen Seite ein Wohnbereich, den er mit seiner zweieinhalbjährigen Tochter beziehen möchte. Auch sie soll sich hier richtig wohlfühlen. Auf dem großen Grundstück wird sie auf jeden Fall Platz haben, um sich auszutoben. Ihrem Papa gefällt das dörfliche Umfeld: „Die Leute hier sind so nett und hilfsbereit.“ Schon nach zwei Wochen sei er mit den ersten Nachbarn beim „Du“ gewesen.
Die Scheune werde ich vielleicht in ein paar Jahren sanieren und dann einen Teil als Kaltlager für Traversen und Kabelbrücken nutzen. – Philipp Boegershausen – Inhaber Concerts
Und es erinnert ihn auch an seine eigenen Wurzeln. Geboren in Görlitz, ist er im dörflichen Hähnichen aufgewachsen, wo die Familie bis zu seinem 12. oder 13. Lebensjahr gewohnt hat: „Dann sind wir nach Sohland am Rotstein umgezogen.“ Dort blieb er bis zu seinem 30. Geburtstag – abgesehen von der Zeit auf den Kreuzfahrtschiffen. Mit 30 zog er schließlich nach Görlitz – und wenn alles klappt, wird er Ende 2026 raus nach Schlauroth ins bis dahin ausgebaute Dachgeschoss ziehen.
Den Firmenumzug aus der Innenstadt raus aufs Dorf hat er nicht bereut. Das Lager ist im Gegensatz zur Landeskronstraße beheizbar – ein großer Vorteil. Zudem kann er auch nach einer Veranstaltung mitten in der Nacht die Technik ausladen, ohne dass es Nachbarn gäbe, die er stört. Und: Falls das Lager irgendwann wieder aus allen Nähten platzt, gibt es noch die denkmalgeschützte Scheune: „Die werde ich vielleicht in ein paar Jahren sanieren und dann einen Teil als Kaltlager für Traversen und Kabelbrücken nutzen.“
Auch mit dem Portfolio seiner Firma hat sich Philipp Boegershausen in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Wie der Firmenname schon sagt, hat das 1990 von Christian Günzel gegründete Unternehmen einst vor allem bei Konzerten für Ton und Licht gesorgt – vom Campus Open Air über das Landskron Braufest bis zum Altstadtfest. „Manche Veranstaltungen gibt es heute nicht mehr, andere wie die Jazztage betreuen wir bis heute“, sagt der Chef.

Quelle: Martin Schneider
Inzwischen aber hat er auch andere Schwerpunkte gesetzt. Dazu gehören unter anderem Gala-Veranstaltungen, Messe- und Industrieveranstaltungen sowie Kongresse jeder Art. Zudem kann Philipp Boegershausen auch Konferenzräume ausstatten, also dort Technik installieren. Und er hat wahnsinnig viel Technik vorrätig, die er auf Anfrage auch verleiht.
Wir fahren in große Kongresszentren und machen klassische Konferenzbetreuung. – Philipp Boegershausen, Inhaber Concerts
All die Technik bringt ihm europaweit Aufträge als Subunternehmer für ein anderes Unternehmen ein: „Da fahren wir in große Kongresszentren und machen klassische Konferenzbetreuung.“ Concerts werde eingekauft, weil das Unternehmen 70 drahtlose Konferenzsprechstellen besitzt. „Das hat im Umfeld von 150 Kilometern keiner“, sagt der Chef. Zudem besitzt er als Einziger weit und breit Abstimmungssoftware für Tagungen – die Technik, die auch bei Gipfeltreffen zum Einsatz kommt. Dorthin fährt er freilich nicht. Stattdessen nutzt er sie für die Görlitzer Kreistagssitzungen.
Trotz allem: 95 bis 98 Prozent seiner Aufträge erhält er in Görlitz und Umgebung. Im Ausland ist er zwei- bis dreimal pro Jahr – das nächste Mal im Mai im südkroatischen Dubrovnik. Großveranstaltungen gibt es auch in der Heimat.
Etwa acht bis zehn betreut er im Jahr, zuletzt den Sparkassen-Jahresauftakt in der Löbauer Messehalle. Sein Team für all das ist seit August deutlich geschrumpft, von sechs auf drei Kollegen: „Wir haben aber einen Pool von fünf bis zehn freien Technikern, auf die wir bei größeren Veranstaltungen zurückkommen können.“
Er will auch wieder neue Leute einstellen. Zwei Stellen sind derzeit ausgeschrieben – eine Facharbeiter- und eine Ausbildungsstelle, jeweils als Fachkraft für Veranstaltungstechnik. Platz genug für alle kann er in Schlauroth anbieten. Nur einen Raum mit Bullauge nicht: Dieser Raum wird sein privates Zuhause.
SZ


