Görlitz. Eine Sache haben Stefan Schulz und die Figur Carrie Bradshaw aus der Serie „Sex an the City“ gemeinsam – die Leidenschaft für Schuhe. Nur bei der Art der Schuhe gibt es einen Unterschied: Stefan Schulz ist Birkenstock-Fan, um die 40 Paar hat er zu Hause, erzählt er. Dazu kommen zum Beispiel noch Laufschuhe.
Stefan Schulz ist der Leiter von Birkenstock in Görlitz. Mehrere 10.000 Paar Fußbetten und damit letztlich auch Sandalen entstehen hier täglich, gerade wird noch weiter ausgebaut. Rund 1.900 Mitarbeiter hat das Görlitzer Werk inzwischen. „Damals, als ich angefangen habe, waren wir 350″, erzählt Schulz.
2015 begann er bei Birkenstock zu arbeiten, „ich wollte gerne zurück nach Görlitz“, in die Stadt, aus der er stammt. Sein Abitur machte der heute 37-Jährige am Joliot-Curie-Gymnasium, bei verschiedenen Vereinen spielte er früher Fußball: bei Germania Görlitz, Empor Görlitz, Post Görlitz. Auch am Städtischen Klinikum könnten manche ihn noch kennen: Dort absolvierte er vor knapp 20 Jahren seinen Zivildienst, bevor er an der TU Dresden Maschinenbau studierte.
Rückkehr nach Görlitz
Automobilindustrie, Forschung − viele Wege hätte Stefan Schulz danach einschlagen können. „Birkenstock Görlitz stand damals am Beginn der Transformation zum größten Standort des Unternehmens”, erinnert er sich. „Ich bin hier geboren, hier zur Schule gegangen. Mir liegt die Region am Herzen, ich wollte das deshalb gerne mit voranbringen.“ Und dazu kam auch die private Birkenstock-Leidenschaft. Nicht alle, aber viele der Herren-Modelle besitzt er.
2015 begann er zunächst als Verantwortlicher für die damalige Modernisierung des Waren- und Wirtschaftssystems des Görlitzer Werkes. 2019 wurde er Produktionsleiter im Bereich der Endmontage, 2022 Gesamtproduktionsleiter. Und 2023 übernahm der die Nachfolge von Richard Cesar, der im Sommer 2022 die Geschäftsführung von Birkenstock Görlitz übernahm, ein Jahr später aber bereits die Stadt wieder verließ und Vize-Chef aller Produktionsstandorte wurde.
Größter Importeur sind die USA
Wie sehr sich das Werk in den vergangenen zehn Jahren verändert hat, sieht man schon an der Nummerierung der Lagerregale im Logistikzentrum: Die 1 ist in der Mitte. Als irgendwann auf der einen Seite kein Platz mehr für Erweiterungen war, dehnten sich die Reihen auf die andere Seite aus.
Egal, wo man in der Welt Birkenstock-Schuhe sieht, „die Chancen sind hoch, dass sie hier bei uns produziert wurden”, sagt Schulz. Größter Abnehmer sind, wie schon seit einiger Zeit, die USA, der am schnellsten wachsende Markt ist der asiatische, erklärt er.

Quelle: Birkenstock
Neben den Lager-Regalen liegen Säcke mit Kork, der aus Portugal angeliefert wird. Weiter geht es, vorbei an Latex-Tanks, zur Fußbett-Produktion, wo der Kork mit Hitze und Druck zur Grundlage der Schuhe wird. „Hier haben wir einen vergleichsweise hohen handwerklichen Anteil“, sagt Schulz. Es gibt einiges zu beachten, dass zum Beispiel keine “Korkrisse” entstehen.
Weiter zur Trockenkammer, zur Beschichtungsanlage und dann zur Endmontage. Die Leder-Schäfte für die Schuhe kommen aus dem Werk in Bernstadt. Gerade laufen Birkenstocks mit dunkelblauem Rauleder und Fell durch die Hände der Mitarbeiterinnen in der Endmontage. „Wir sind schon in der Produktion für die Winterkollektion“, erklärt Schulz.
Solche Rundgänge durchs Werk gehören zu seiner Routine. Nachdem er morgens seine Kinder in die Kita und Schule gebracht hat, beginnt sein Arbeitstag meist mit einem Werks-Rundgang, „einfach, um zu schauen, was ist gerade los, läuft alles?“ Danach kommt er mit den Abteilungsleitern des Görlitzer Werkes zusammen, „wir sprechen wir beispielsweise über aktuelle Fragen, aber auch über die Weiterentwicklung des Standortes.“
In den vergangenen Monaten sind rund 20 Maschinen dazugekommen, „wir haben eigentlich in jeder Abteilungen Erweiterungen.“ Hintergrund ist der Auszug der Kunststoff-Linie. Früher hat Birkenstock in Görlitz auch Sandalen aus EVA, Ethylenvinylacetat, und dem Kunstharz PU, Polyurethanemit hergestellt. Aus Kapazitätsgründen, Personalgründen und auch strategischen Gründen – in Görlitz sollte die Kork-Linie konzentriert werden – entstand in Pasewalk ein neues Werk, wo Ende 2023 die Produktion der Kunststoff-Sandalen begann.

Quelle: Pawel Sosnowski/80studio.net
Görlitzer Werk wird ausgebaut
Mancher befürchtete damals, dass das neue Werk einen schrittweisen Rückzug des Unternehmens aus Görlitz bedeuten könnte. Aber es kam anders, es kam der Ausbau der Kork-Linie. Stefan Schulz führt in eine Halle, in der gerade gar nichts produziert wird. Baustellenband ist hier und da zu sehen. Erste Stromschränke und Regale sind aufgebaut, eine Maschine, die bei der Produktion entstehenden Staub absaugt, wurde schon geliefert. „Hier renovieren und modernisieren wir komplett“, erklärt Schulz. Voraussichtlich noch einmal knapp 20 Anlagen werden hier letztlich stehen, zum einen für die Fußbett-Beschichtung, zum anderen für die Endmontage.
Es gab in den vergangenen Monaten weitere Neuerungen. Neben dem eigentlichen Werk, beim Birkenstock-Outlet, baute das Unternehmen voriges Jahr eine Energiezentrale. In einer etwas kleineren, flachen Halle daneben werden seit einem Jahr die Sohlen produziert, die früher vom Werk in St. Katharinen nach Görlitz geliefert wurden.
Was all das gekostet hat, teilt das Unternehmen nicht mit. Laut Stefan Schulz sei in den zurückliegenden Jahren ein zweistelliger Millionenbetrag jährlich in das Görlitzer Werk geflossen.
Angst, dass das alles zu viel, zu schnell sein könnte, habe er nicht. „Die globale Nachfrage in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, im Grunde haben wir die Produktionskapazitäten an den Bedarf angepasst. Ich denke, mit dem Stand, den wir jetzt haben, werden wir in den kommenden Jahren gut zurechtkommen.“
Noch immer auf Görlitzer Fußballplätzen unterwegs
Wieder anderes ist geblieben, wie es stets war. Langjähriger Standortleiter bis 2022 war Hilmar Knoll. Er war privat begeisterter Läufer und engagierte sich beim Europamarathon Görlitz/Zgorzelec. „Irgendwann hatte er unter uns Mitarbeitern gefragt, ob wir auch mitmachen möchten“, erinnert sich Stefan Schulz. „Ich bin seither meistens die Zehn-Kilometer-Strecke mitgelaufen“, und fand Spaß daran. Im Moment läuft Schulz zwar wegen einer Verletzung nicht, beim Europamarathon vor ein paar Wochen war er dennoch dabei, eröffnete den Kinder-Lauf.
Daran, Görlitz in höhere Birkenstock-Sphären zu verlassen, denke er derzeit nicht. „Ich wollte eigentlich immer hier sein. Und ich habe es bis heute nicht bereut.“ Inzwischen gehört er dem Vorstand des Unternehmerverbandes Görlitz an. An den Wochenenden ist er bis heute auf den Fußballplätzen der Region zu finden − um seine Kinder zu begleiten. Schulz selbst hat sich derweil auf Schach verlegt. „Langweilig wird mir nicht, glaube ich.“
SZ


