Suche
Suche

Höchster Windturm der Welt: Sachsen drehen das ganz große Rad

In Südbrandenburg, nahe der Grenze zu Sachsen, wächst der höchste Windturm der Welt - das zweithöchste Gebäude Deutschlands. Mit ihm wollen die Dresdner Schöpfer Geschichte schreiben. Und so entsteht er.

Lesedauer: 8 Minuten

Michael Rothe

Dresden. Der Bürgermeister von Schipkau besitzt einen ganz besonderen Schatz: eine Goldene Schallplatte von Karat. Die Kultband hatte sie 1983 für „Der blaue Planet” erhalten, eines der auch im Westen meistverkauften DDR-Alben. Klaus Prietzel hat das gerahmte Kleinod vom Liedtexter geschenkt bekommen. Jetzt steht es auf einem Schrank in seinem Büro. Ein Zeichen der Sorge um die Welt, die in Zeiten von Kriegen und Klimawandel erneut mit sich selbst im Fieber tanzt, wie es im Song heißt.

Die Trophäe passt zur vergoldeten Friedenstaube daneben und zum mannshohen Modell eines Windrads in der Ecke. Derlei Originale gibt’s zuhauf in der Westlausitz – 63 allein rund um den Ort an der Autobahn 13 zwischen Dresden und Berlin. Auf dem Tisch liegt das Amtsblatt. Sein Titel ein Statement: „Gemeinde Schipkau voller Energie“.

Schipkaus Bürgermeister steht auf Windkraft. Das Gemeindewappen (r.) zeigt Symbole für den Bergbau, die Motorsportstrecke Lausitzring und einem Hagebuttenzweig, der für die sechs Ortsteile steht.
Quelle: Thomas Kretschel

Schipkaus Bürgermeister steht auf Windkraft. Das Gemeindewappen (r.) zeigt Symbole für den Bergbau, die Motorsportstrecke Lausitzring und einem Hagebuttenzweig, der für die sechs Ortsteile steht.

Wenn der 58-jährige, ein Kind der Region, im Dachgeschoss aus dem Fenster schaut, wandelt sein Blick zwischen Welten. Links am Horizont markiert der letzte verbliebene Schornstein des DDR-Braunkohlebergbaus am „Kraftwerk Sonne” die Vergangenheit. Zentral steht das knapp 200 Meter hohe Windrad am Lausitzring für die Gegenwart. Und ganz rechts im Süden wächst in den nächsten Monaten die Zukunft: der mit 365 Metern höchste Windturm der Welt.

Für den Bau des Windturms sind gigantische Kräne nötig.
Quelle: Thomas Kretschel
Für den Bau des Windturms sind gigantische Kräne nötig.

Spätestens 2038 ist Schicht im Schacht

Der gelernte Schlosser für Tagebaugroßgeräte ist seit 15 Jahren Gemeindeoberhaupt – und elektrisiert, wenn ihn Besucher darauf ansprechen. Sie sitzen dann, wie an jenem Augusttag der Reporter, im Beratungsraum vor einer wandbreiten Landkarte „Elbe-Elster/Oberspreewald-Lausitz”. Eine Region im Umbruch. Eine Region im Aufbruch!

Spätestens 2038 ist auch in der Lausitz Schicht im Schacht. Schon jetzt sind nur noch drei Braunkohletagebaue in Betrieb - darunter dieser in Welzow-Süd.
Quelle: Thomas Kretschel
Spätestens 2038 ist auch in der Lausitz Schicht im Schacht. Schon jetzt sind nur noch drei Braunkohletagebaue in Betrieb – darunter dieser in Welzow-Süd.

Zu DDR-Zeiten bestimmten rauchende Schlote und Kohlebagger das Landschaftsbild. Doch von einst mehr als 30 Tagebauen im Lausitzer Revier sind mit Nochten, Reichwalde und Welzow-Süd nur noch drei aktiv. Und spätestens 2038 ist mit Deutschlands Kohleausstieg auch dort Schicht im Schacht. Stattdessen drehen sich immer mehr Windräder.

Schipkau kann mit den oft verteufelten Riesen nicht nur leben, der Ort profitiert sogar von ihnen. „Die Hälfte unserer Gewerbesteuern kommt aus erneuerbarer Energie“, sagt Bürgermeister Prietzel. „Wir sind die einzige Gemeinde im Umkreis, die ohne Steuererhöhung auskommt und dennoch schwarze Zahlen schreibt.“ Aus dem Stegreif nennt er Projekte, die sich die Kommune jüngst habe leisten können: Kita, Schulmensa, Feuerwehrgerätehaus. Über ein Bürgerstrommodell werden alle zwei Jahre 450.000 Euro an alle 6577 Einwohner ausgeschüttet. „Die Kommune wächst“, sagt Prietzel.

„Mit dem Höhenwindturm schreiben wir Geschichte“

Plötzlich peitschen Regen und Sturm an die Fenster. „Jetzt kommt Geld in die Kasse“, freut sich Prietzel – und grinst.

Mit dem Höhenwindturm könnte es noch mehr werden. Die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH, zuständig für den Strukturwandel, hatte vor vier Jahren den entscheidenden Kontakt vermittelt. „Ein durchgeknallter Professor aus Dresden hat da eine verrückte Idee“, hieß es. Prietzel war begeistert von Jochen Großmanns Plänen. „Mit dem Höhenwindturm schreiben wir Geschichte“, habe ihm der Geschäftsführer des Dresdner Ingenieurdienstleisters Gicon versichert. Seitdem schlägt der Visionär fast wöchentlich in Schipkau auf – und seit der Grundsteinlegung im vorigen Herbst auch am Bauplatz.

Jochen Großmann promovierte in den 1980ern an der TU Dresden und gründete 1994 Gicon. Heute ist der Ingenieurdienstleister mit rund 700 Beschäftigten weltweit unterwegs.
Quelle: Thomas Kretschel
Jochen Großmann promovierte in den 1980ern an der TU Dresden und gründete 1994 Gicon. Heute ist der Ingenieurdienstleister mit rund 700 Beschäftigten weltweit unterwegs.

Eine Tafel an der Landstraße 60 kündigt den Superlativ an. „Wir erzeugen grüne Energie – für Familien, Kommunen und Unternehmen“, heißt es unter einem Bild mit Solarpark und Windrädern. Dazwischen grüßen bereits drei neuartige Riesen aus der 2. Etage – dank Fotomontage.

Ein durchgeknallter Professor aus Dresden hat da eine verrückte Idee.

Wirtschaftsregion Lausitz GmbH bei der Kontaktvermittlung zwischen Gicon und der Gemeinde Schipkaus

In der Realität geht es nicht so schnell, auch bei der Zufahrt auf holprigem Schotter. Wegweiser gibt es nicht. Schließlich soll die Baustelle kein Wallfahrtsort werden. Wie aus dem Nichts taucht eine umzäunte und videoüberwachte Lichtung auf: rund 30.000 Quadratmeter, die Fläche von vier Fußballfeldern. Darauf fünf mobile Montagekräne, diverse Baufahrzeuge, Stapel von gewaltigen Stahlstreben und im Zentrum ein etwa 50 Meter hoher Turm.

Deutschlands zweithöchstes Bauwerk

„Das ist nur die innere Verschiebeeinheit, die beim Bau des äußeren Turms mitwächst“, erklärt Gicon-Chef Großmann dem staunenden Besucher. „Weil es keinen Kran gibt, der in 300 Metern Höhe eine Turbine installieren kann, haben wir eine Teleskopbauweise entwickelt und zum Patent angemeldet.“ So wird das 230 Tonnen schwere Teil mit herkömmlichen Kränen auf die obere Hälfte des Turmes gesetzt, während diese noch am Boden ist. Die untere Hälfte dient dann als Teleskopvorrichtung und schiebt die andere bis zur endgültigen Nabenhöhe.

Gicon-Chef Jochen Großmann (l.) schaut fast jede Woche auf der Baustelle vorbei. Er weiß das Projekt bei seinem Bauleiter Ingolf Harig (r.) in guten Händen. Der Zeitverzug lässt das Duo kalt: "Sicherheit geht vor Schnelligkeit".
Quelle: Thomas Kretschel
Gicon-Chef Jochen Großmann (l.) schaut fast jede Woche auf der Baustelle vorbei. Er weiß das Projekt bei seinem Bauleiter Ingolf Harig (r.) in guten Händen. Der Zeitverzug lässt das Duo kalt: „Sicherheit geht vor Schnelligkeit“.

Im Ensemble der Riesen wirkt der Baucontainer am Rand fast verloren. Auf dem Tisch im Innern liegen ein Bauplan und einige gut faustgroße Schrauben, von denen über 82.000 zum Einsatz kommen. Das Modell vom Windturm in einer Vitrine zeigt das Ergebnis. Mit der sich verjüngenden eckigen Gitterstruktur erinnert es an einen übergroßen Hochspannungsmast oder den Pariser Eiffelturm. Die Konstruktion aus verzinktem Stahl sei in der Landschaft weniger auffällig als ein massiver Turm, sagt der Gicon-Boss.

Mit 365 Metern ragt der Höhenwindturm nach seiner Fertigstellung 2026 weit über die Baumkronen hinaus, wie in dieser Computersimulation ersichtlich.
Quelle: Gicon
Mit 365 Metern ragt der Höhenwindturm nach seiner Fertigstellung 2026 weit über die Baumkronen hinaus, wie in dieser Computersimulation ersichtlich.

Der Prototyp ist der erste von 1000 Türmen, die das Unternehmen bis 2030 in Serie bauen will. Weitere Standorte insbesondere in Bergbau-Folgelandschaften würden bereits geprüft, heißt es. Der Schipkauer Riese sei mit insgesamt 365 Metern das zweithöchste Bauwerk Deutschlands, nur drei Meter kleiner als der Berliner Fernsehturm.

„In dieser Höhe wehen konstante und stärkere Winde, und es werden auch auf dem Festland ähnliche Erträge wie von Anlagen auf offener See erreicht: gut doppelt so hoch wie bei herkömmlichen Windrädern und bei gleichem Rotordurchmesser“, erklärt Großmann. Die Annahmen habe unweit ein 300 Meter hoher Windmessmast bestätigt.

Das höchste Windrad der Welt im Höhenvergleich mit bekannten Bauwerken
Quelle: Gernot Grunwald
Das höchste Windrad der Welt im Höhenvergleich mit bekannten Bauwerken

Auch, dass dort viel weniger Fledermäuse und Vögel unterwegs sind, die Schaden nehmen könnten. Zudem sei die am Boden empfundene Lautstärke geringer. Der 67-Jährige spricht vom „Gamechanger“, einem radikalen Veränderer der Energieerzeugung.

In Sachsen herrscht bei Windkraft Flaute

So sorgt Sachsen-Knowhow im Nachbarbundesland für Furore. Die Grenze ist nur zwölf Kilometer entfernt, wirkt in Sachen Windkraft aber wie eine unsichtbare Wand. In Brandenburg wurden laut Agentur für erneuerbare Energien im vorigen Jahr 327 Megawatt zugebaut – das 36-fache der im Freistaat hinzugekommenen Leistung. In Sachsen hat Wind kaum fünf Prozent Anteil an der Stromerzeugung, in Brandenburg ist es ein Viertel.

„Windtürme sind nicht der einzige Wahnsinn, den wir treiben“, kokettiert Großmann. Sein Unternehmen habe zum Beispiel eine schwimmende Plattform für Windräder entwickelt, mit denen bisher ungenutzte Flächen im Meer erschlossen würden. Und auch in der Mikroalgenforschung sowie der Biogas-Technologie sei Gicon führend und ein gefragter Partner bei Batterie- und Chip-Großprojekten.

Unter Führung des Honorarprofessors entwickelte sich das 1994 von ihm gegründete Unternehmen vom 10-Mann-Büro zum global agierenden Konzern mit 60 Millionen Euro Jahresumsatz. An über 20 Standorten arbeiten rund 700 Menschen, davon gut ein Drittel in Sachsens Hauptstadt.

Ein Raupenkran aus Teilen von 100 Lkw-Fuhren

Nach zehn Jahren Planung fiel im September der erste Baum. „Dürre, minderwertige Kiefer“, sagt Bauleiter Ingolf Harig. Nach der Rodung sei das Baufeld verfüllt und verdichtet worden, auch mit gut 600 Säulen zur Stabilisierung, so der 59-jährige Dresdner. Schließlich stehe der rund 2000 Tonnen schwere Turm auf einer aufgeschütteten Kippe. Auch fünf Betonfundamente seien als Basis entstanden – je halb so groß wie ein Basketballfeld und fast drei Meter dick. „Als alles verfüllt war, sah es aus, als wäre nichts passiert“, ergänzt Großmann und lacht.

Seit Ende Juni tut sich bei dem Leuchtturmvorhaben der Energiewende auch oberirdisch was. Neben dem Container wurde in einer Waldschneise Europas größter Raupenkran vormontiert. Hakenhöhe: bis zu 220 Meter. Allein für den Transport seiner Einzelteile seien 100 Lkw-Fuhren nötig gewesen, verrät Bauingenieur Harig.

Kranfahrer Fabian Ueck bedient Europas größten Raupenkran. Der Gigant mit einer Hakenhöhe bis zu 220 Meter kann 1350 Tonnen heben.
Quelle: Thomas Kretschel
Kranfahrer Fabian Ueck bedient Europas größten Raupenkran. Der Gigant mit einer Hakenhöhe bis zu 220 Meter kann 1350 Tonnen heben.

Für Kranfahrer Fabian Ueck von der Firma Schmidbauer ist dieser Job ein Heimspiel. „Näher komme ich nicht an meine Heimat ran“, sagt der Berliner. Der 49-Jährige ist mit dem Riesen in ganz Europa unterwegs. Er nennt das Pilotprojekt „eine einzigartige Erfahrung”.

Türkische Spezialisten für ein Riesenpuzzle

Auf der Baustelle werkeln gut 30 Leute in neongelben Anzügen und orangefarbenen Westen. Noch sind es meist ebenerdige Schraubarbeiten, welche 17 türkische Monteure verrichten. „Keine Billigjobs wie beim Gurkenpflücken“, betont Ercan Kekik, Bauleiter der Firma IFM. Die Spezialisten aus Trabzon am Schwarzen Meer verdienten etwa 4500 Euro, so der 47-jährige Vorarbeiter, der selbst in Essen lebt.

Ercan Kekik ist Bauleiter der Firma IFM. Er und seine türkischen Landsleute montieren den Höhenwindturm mit 82.500 Schraubverbindungen.
Quelle: Thomas Kretschel
Ercan Kekik ist Bauleiter der Firma IFM. Er und seine türkischen Landsleute montieren den Höhenwindturm mit 82.500 Schraubverbindungen.

Mit 22.500 Einzelteilen ist der Turm ein gewaltiges Puzzle. Verbaut werden gängige Komponenten. „Das ermöglicht eine kosteneffiziente Serienfertigung sowie die Einbeziehung lokaler Firmen“, erklärt Bauleiter Harig. Und das erhöhe die Akzeptanz vor Ort enorm.

Erbauer des Windmessmastes kommen zurück

Es ist eine reine Männerveranstaltung. Vor zweieinhalb Jahren war das anders. Da „turnten“ unweit zwei junge Frauen in 300 Metern Höhe auf dem weltgrößten Windmessmast. Die Slowenin Tina Vekic und Emma Guidat aus Frankreich waren Teil eines Quintetts, dass die Anlage errichtete. Ihre Ergebnisse waren Basis für den Windturm. Das Team ist nun erneut eingeplant und soll in ein paar Monaten Kabel und Messtechnik installieren.

2023 erbaute ein internationales Quintett von Industriekletterern in Schipkau den mit 300 Metern höchsten Windmessmast. Die Werte waren Basis für den Höhenwindturm. Damals ganz oben: Tina Vekic aus Slowenien und Emma Guidat aus Frankreich.
Quelle: kairospress
2023 erbaute ein internationales Quintett von Industriekletterern in Schipkau den mit 300 Metern höchsten Windmessmast. Die Werte waren Basis für den Höhenwindturm. Damals ganz oben: Tina Vekic aus Slowenien und Emma Guidat aus Frankreich.

Der Zeitplan für den Turm, der jährlich 18 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen soll, genug für etwa 6000 Haushalte, wurde wiederholt gestreckt. Statt in Kürze soll er erst in einem Jahr in Betrieb gehen. Der Gicon-Chef nimmt das gelassen. „Bei Prototypen gibt es immer Restrisiken, Lerneffekte, Änderungen“, sagt er. „Sonst wäre es kein Forschungsvorhaben.“ Auftraggeber für das 25 Millionen Euro teure und aus Fördermitteln des Bundes bezahlte Projekt ist die Beventum GmbH, eine Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen.

Die vier Fußballfelder große Windturm-Baustelle aus der Vogelperspektive.
Quelle: Thomas Kretschel
Die vier Fußballfelder große Windturm-Baustelle aus der Vogelperspektive.

Potenzial von 4000 Anlagen – ohne neue Flächen

Solche Giganten sorgen nicht nur für mehr Ertrag, sie können auch als 2. Etage in klassischen Windparks errichtet werden. Gicon sieht ein Nachrüstpotenzial von 4000 Anlagen allein in Deutschland. Die dafür von der Leipziger Energiekonzepte Deutschland GmbH veranschlagten 40 Gigawatt könnten 28 Millionen Haushalte versorgen, ohne neue Flächen zu vereinnahmen. Planungen sind in Arbeit – auch für ein grünes Hybridkraftwerk: ein Höhenwindturm mit Photovoltaik und „normalen” Windrädern.

Schipkau geht nun den nächsten Schritt. Am Freitag wurde beim künftigen Windturm Europas größter Raupenkran für Lasten bis 1350 Tonnen aufgerichtet. Ein Superlativ für den Superlativ. Und ein neuer Blickfang für den Bürgermeister.

SZ

Das könnte Sie auch interessieren: