Görlitz. In vielen Zimmern kleben noch Tapeten an den Wänden, an manchen Fenstern hängen Gardinen. Einst war der Görlitzer Hof auf der Berliner Straße ein großes Hotel, gebaut Ende der 1870er Jahre. Zimmernummern prangen noch an den Türen der einstigen Hotelräume.
Im Eingangsbereich blättert heute die Ockerfarbe von den Wänden, aber an der Decke zeugen noch immer Stuckverzierungen und Ornamente von alter Pracht. Wie es im Görlitzer Hof aussieht, kann sich nach über zehn Jahren jetzt jeder, der mag, selbst anschauen.
Görlitzer Hof ab März zugänglich
Seit 1992 steht der Görlitzer Hof leer, 2014 war das Gebäude zum Tag des offenen Denkmals zuletzt für die Öffentlichkeit begehbar. Mit diesem Jahr nun gehört ein Besuch in der Berliner Straße 43 mit zur Lost-Places-Tour des Vereins Goerlitz21. Dahinter steht der Historiker Daniel Breutmann. Er und andere Mitglieder führen zwischen März und Oktober regelmäßig zu verlassenen Industrieruinen, Handelshäusern, Hotels oder auch Privathäusern in Görlitz.
Tanzabende, andere Veranstaltungen, private Feierlichkeiten – viele alteingesessene Görlitzer haben eine Verbindung zum Görlitzer Hof. Bis 1992 war das Haus immerhin mehr als hundert Jahre lang ein Ort der Einkehr und Geselligkeit, sagt Daniel Breutmann. Dass er mit den Lost-Places-Touren jetzt hinein darf in den Görlitzer Hof, hat mit seinen guten Beziehungen zum neuen Besitzer zu tun.
Neuer Eigentümer hat bereits mehrere Häuser saniert
Den kennt man in Görlitz bereits. Es handelt sich um die Elsterix GmbH aus Radeburg, die in Görlitz schon mehrere Häuser saniert hat. Mit der Melanchthonstraße 47 in der Görlitzer Südstadt fing alles an, erzählte kürzlich Elsterix-Geschäftsführer Stefan Strauß. „Wir haben es 2021 oder 2022 gekauft und 2023 fertiggestellt.“
Es folgten Wohnhäuser auf der Löbauer Straße, der Gobbinstraße und der Lutherstraße. Bis zum Sommer wird derzeit die Leipziger Straße 18 gebaut. Und dann wird es auf der Berliner Straße weitergehen. Ziel ist es, das einstige Hotel „künftig wieder einer sinnvollen Nutzung zuzuführen und am Markt zu etablieren“.
Für das Objekt in Görlitz ist vorgesehen, es künftig wieder einer sinnvollen Nutzung zuzuführen und am Markt zu etablieren. – Stefan Strauß, Elsterix GmbH
Ob es wieder als Hotel öffnet oder etwas anderes geplant ist, verrät Strauß noch nicht. „Aktuell befinden wir uns noch in den laufenden Planungs- und Entwicklungsprozessen“, daher seien noch keine konkreteren Aussagen möglich.
Die bewegte Geschichte des Görlitzer Hofs
Der Bahnhof Görlitz am oberen Ende der heutigen Berliner Straße wurde 1847 eröffnet, schon damals ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Bald eröffneten Hotels in der Nähe – wie der Görlitzer Hof. Das Gebäude wurde direkt als Hotel gebaut. 1891 wechselte es erstmals den Besitzer und bekam zunächst den Namen Hotel Kaiserhof.
Daniel Breutmann kennt viele Details aus der Geschichte des Hauses. Neben dem Hotelbetrieb gab es von Beginn an ein Restaurant, Lese- und Billardräume, Säle für Vereins- und Familienfeste. Zeitgemäße Eleganz, moderne Dienstleistungen – das habe das Hotel einst ausgemacht. Den bis heute bekannten Namen „Görlitzer Hof“ erhielt das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg.

Quelle: Nikolai Schmidt
Letzter bekannter Eigentümer war der Dresdner Unternehmer Stephan Zimmer. Gekauft hatte er das Gebäude nie, sondern es war ungefähr 2005 durch eine Nachlassregelung in den Besitz einer Stiftung zur Förderung von Kirchenmusik übergegangen. Zimmer war Präsident dieser Stiftung. Er ließ das Gebäude, das von vielen Einbrüchen betroffen war, sichern und das Dach reparieren.
Zimmer hatte zunächst die Idee, Räume für Studierende einzurichten. Allerdings soll das Studentenwerk damals abgewinkt haben: kein Bedarf. 2018 führte Stephan Zimmer die SZ zuletzt durch den Görlitzer Hof. Er machte damals keinen Hehl daraus, dass er ihn gerne verkaufen würde, auch aus Altersgründen.
In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan rund um den Bahnhof und in der Nachbarschaft des Görlitzer Hofs. Mehrere Gebäude auf der Berliner Straße, direkt neben dem ehemaligen Hotel, hat der Landkreis in den vergangenen Jahren für die Erweiterung des Landratsamts sanieren lassen. Auf der Bahnhofstraße liegt der Bau des neuen Senckenberg-Campus in den letzten Zügen. Aber das Glück haben nicht alle historischen Gebäude in der Gegend.
Einstiges Prunkhotel verfällt weiter
Direkt gegenüber dem Bahnhof liegt, seit vielen Jahren verwaist, das Hotel Vier Jahreszeiten. Es entstand unmittelbar nach der Bahnhofseröffnung, und galt als das „erste Haus am Platze“. 1990 wurde das Hotel Vier Jahreszeiten geschlossen. Trotzdem war es noch einige Zeit bewohnt: Die einstige Eigentümerin Anneliese Grahn wohnte noch bis zu ihrem Tod in einer Wohnung in dem Hotel.

Quelle: Nikolai Schmidt
Später, 2013, hatten zwei russische Investoren das einstige Hotel gekauft. Sie seien zunächst sehr euphorisch gewesen, wollten das Haus sanieren, so erzählte es vor einigen Jahren ein Görlitzer Gebäudeverwalter gegenüber der SZ. Nötige Instandsetzungen hätten die Investoren auch immer bezahlt – aus der Sanierung wurde über reichlich zehn Jahre nichts.
Für Informationen zum Stand der Dinge ist der Gebäudeverwalter nicht erreichbar. SZ-Informationen nach sollen die russischen Investoren aber bis heute die Eigentümer des Hotels Vier Jahreszeiten sein. Gerüchteweise wollen sie das Gebäude verkaufen. In den gängigen Immobilienportalen ist es aber nicht zu finden.
Dafür findet man das einstige Hotel zur Post auf der Bahnhofstraße, das auch schon lange leersteht und für rund 230.000 Euro zu haben ist. Für deutlich mehr Geld, aber dafür deutlich weniger Arbeit ist das Hotel Silesia noch zu haben: Das Vier-Sterne-Haus in der Görlitzer Südstadt ist in Betrieb, seit einem knappen Jahr steht es zum Verkauf.
SZ


