Die Stimme am Telefon bebt. „Die Zahlen, die Sie da verkünden …“ – die Frau braucht erst einmal ein paar Sekunden Pause. Dann bricht es aus ihr heraus: „Wissen Sie, meine Tochter arbeitet in einem Pflegeheim. Sie sind dort auf der Station ständig unterbesetzt und häufen Überstunden an. Meine Tochter ist gereizt, kommt kaum noch zur Ruhe.“ DAS, so sagt die Frau, sei der Alltag in der Pflegebranche. „Und nicht die Zahlen, die Sie verkünden! Die können nicht stimmen.“
Doch, sie stimmen schon – rein statistisch gesehen. Das Sächsische Sozialministerium hatte sie im Oktober zum Pflegedialog mit nach Schmochtitz gebracht. Diesen Zahlen zufolge sind im Landkreis Bautzen 14 300 Menschen pflegebedürftig. Eine ambulante Pflegekraft ist für drei Bedürftige da. In stationären Pflegeeinrichtungen, also Heimen, ist im Landkreis Bautzen ein Beschäftigter für 1,9 Bedürftige da. Und jetzt folgt das große Aber: Diese Statistik berücksichtigt nicht, dass beispielsweise in den Verwaltungen der Pflegedienste und -heime viele Beschäftigte keinen direkten Kontakt zu Bedürftigen haben.
Die Tochter der empörten Anruferin schlägt das Angebot aus, der WiS ihren Arbeitsalltag zu schildern. Das sieht Claudia Schmidt anders: „Die Öffentlichkeit soll ruhig wissen, wie es wirklich aussieht.“ Claudia Schmidt arbeitet in einem anderen Pflegeheim im Landkreis Bautzen. Die WiS kennt sowohl die Arbeitsstätte als auch den richtigen Namen der Frau, der aber nicht in der Zeitung stehen soll.
Auf eines legt Claudia Schmidt vorab Wert: Sie macht ihre Arbeit gern, fühlt sich gebraucht. Ehe sie vor einigen Jahren im Heim anfing, hat sie in der ambulanten Pflege gearbeitet. Im Heim herrscht Drei-Schicht-Betrieb. Am besten besetzt ist der Frühdienst, da sind sie zu fünft für eine Etage da.
Auf jeder Etage sind mehr als 40 betagte Frauen und Männer zu betreuen. Im Nachtdienst sind die Pflegekräfte Einzelkämpfer auf ihrer Etage. „Aber nachts ist auch die einzige Gelegenheit, mal mit jemandem ein paar Sätze zu reden. Und viele von den Heimbewohnern brauchen doch mal jemanden zum Reden“, weiß Claudia Schmidt
Tagsüber sei dafür kaum Zeit. Und wenn doch, dann gibt es schon auch mal Eifersüchteleien unter den Bewohnern: Der im Nachbarzimmer hat drei Minuten mehr gekriegt als ich … „Ich versuche es eben immer so zu organisieren, dass jeder mal der Erste ist, beim Waschen wie beim Reden“, sagt Claudia Schmidt. Oder auch, wenn jemand klingelt und Hilfe braucht. Manchmal klingeln mehrere Bewohner gleichzeitig. „Da muss dann eben jemand warten.“
Es sei oft wie Fließbandarbeit – aber nicht an einer Maschine, sondern mit Menschen. Und natürlich komme viel Unplanbares dazu. Mal stürzt jemand. „Wir haben auch Bewohner, die sind körperlich noch topfit. Aber sie wissen nicht mehr und müssen deshalb ständig erklärt bekommen, warum sie hier sind.“ Es herrsche eben ständig Zeitdruck, sagt die Pflegerin. Mehr Helfer wären gut, aber die Träger der Heime stellen keine oder zu wenig ein. Die Folge: Die vorhandenen Leute arbeiten länger, als sie es bezahlt bekommen.
Ständiger Zeitdruck
Claudia Schmidt schiebt selbst mehr als 60 Überstunden vor sich her, aber sie war auch schon mal bei über 300. Und sie kennt Leute, die einen Berg von mehr als 400 Überstunden haben. „Das ist gängige Praxis. Die meisten sind für weniger Stunden angestellt, als sie wirklich arbeiten“, sagt die Oberlausitzerin, die aus eigener Erfahrung nach zwischenzeitlicher Arbeit im Westen weiß: „Was hier eine Arbeitskraft schaffen muss, machen dort zwei. Für deutlich mehr Geld als hier.“
Claudia Schmidt weiß, dass sie solche Sätze im Namen von Tausenden sagt. Eine aktuelle Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gibt ihr Recht. Demnach klagen drei von vier Pflegekräften über ständigen Zeitdruck. Ein angemessenes Einkommen vermissen 73 Prozent der Pflegekräfte. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bringt es auf den Punkt: „Die Personaldecke in der Alten- und Krankenpflege ist viel zu knapp, die Entlohnung gerade in der Altenpflege bescheiden und die Arbeitsbedingungen belastend.“
Von Tilo Berger
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