Görlitz. Pendler und andere, die täglich am Ortseingang im Görlitzer Norden ein- und ausfahren, bemerkten es nach und nach: In das mittelgroße Gebäude im Industriegebiet an der Gottlieb-Daimler-Straße 12 ist wieder Leben eingekehrt. Früher hatte dort der Hersteller Hyundai seine Wagen verkaufen lassen. Die südkoreanische Marke zog sich zurück, eine Zeit lang war die Zukunft von Hyundai am Standort Görlitz unklar, Leerstand folgte − und seit Juni wird die Halle wieder als Autohaus genutzt.
Xpeng laut der neue Markenname, der jetzt über dem Eingang prangt. Wieder sind es die Asiaten, die hier den Automarkt bedienen. Fahrzeuge der chinesischen, in Deutschland bislang noch nicht ganz so bekannten Marke Xpeng fahren ausschließlich mit Elektroantrieb. Hierzulande verkauft das Unternehmen Hedin Automotive mit Hauptsitz in Kaiserslautern ausschließlich die Marke Xpeng. Weitere Standorte hat Hedin in Saarlouis und Schwetzingen, zusätzliche Verkaufsorte sind angedacht.
Auto-Leidenschaft begann bei Einkauf mit Mutti
Luca Stütze kennt sich damit bestens aus. Der 23-Jährige ist Verkäufer am Görlitzer Standort. Momentan ist in dem neu belebten Autohaus allein, der viereckige Würfel und der anliegende Parkplatz mit den Schaumodellen sind sein Reich.
Kurz bevor Luca Stütze seinem Arbeitsalltag nachgeht, Kundenanfragen beantwortet, Termine bucht und mit seinem Verkaufsleiter spricht, macht er jeden Morgen seinen Kontrollgang über den Parkplatz. Dort schaut er, ob noch alle Wagen in ordnungsgemäßem Zustand sind − und setzt im Grunde konsequent seine Leidenschaft fort, die ihn bereits mit elf Jahren bewegte. Denn schon als Kind habe er damit begonnen, seine Autosammlung zu pflegen. Matchbox, Hot Wheels und Siku seien es damals gewesen, erzählt er − Modellautos also.

Quelle: Martin Schneider
„Als Kind durfte ich mir jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutti einkaufen war, ein Auto aussuchen – statt einer Süßigkeit. Heute bin ich froh darüber, ich hatte zu dieser Zeit sehr gute Zähne“, scherzt der junge Mann. Die Modellautos hat er heute noch, alle seien fein säuberlich aufbewahrt in Kisten, er schätzt die Sammlung auf etwa 300 bis 400 Stück, sagt er. Nicht nur die Modelle hat er behalten, sondern auch die Begeisterung „für alles, was Räder hat“ − die Leidenschaft zum Motorradfahren sei später hinzugekommen, er pflegt sie weiter, auch ein kleiner Unfall mit Schienbein-Bruch konnten ihm diese Begeisterung nicht nehmen.
Viele Freunde aus meiner Schulzeit sind noch in Reichenbach. Die Region ist schön, auch wenn manchmal nicht viel los ist für junge Menschen. – Luca Stütze, E-Auto-Verkäufer in Görlitz
Seine private und berufliche Auto-Begeisterung „hat sich irgendwie so entwickelt“, sagt Stütze. Von den Eltern hat er sie nicht geerbt, die Mutter ist in den Orthopädischen Werkstätten des Sanitätshauses Rosenkranz tätig, der jetzt nicht mehr berufstätige Vater war lange bei einem Elektrowerkzeuge-Hersteller im Außendienst tätig. Immerhin Elektro, aber dass er nun E-Autos verkauft und keine klassischen Benziner, habe sich eher zufällig ergeben, sagt der junge Mann. „Aufgewachsen bin ich ‚An den Feldhäusern‘, das liegt bei Reichenbach“, sagt er. Von Geburt an lebe er gern in seiner Heimat, bislang gab es nichts, das ihn langfristig wegzog, sagt er. Viele Freunde aus seiner Schulzeit seien noch da, „die Region ist schön“, meint er, auch wenn manchmal für junge Menschen „nicht viel los“ sei.
Work and Travel in Neuseeland – nur ohne Arbeit
Nach der Grundschulzeit und besagten Jugendjahren als Matchbox-Rennfahrer auf dem elterlichen Verkehrsteppich folgte die Schulzeit am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Löbau. Er machte Abitur, begann dann ein Maschinenbau-Studium in Zittau, brach es nach einem Semester ab, dann kam die Ausbildung zum Automobilkaufmann beim Autohaus Elitzsch in Zittau, die er im September 2021 begann und im Juni 2024 abschloss. Danach ging es für ihn nach Neuseeland. „Ein paar Monate lang Englisch lernen und die Welt sehen. Das wurde mir empfohlen, direkt nach dem Abi hatte ich das nicht geschafft“, sagt er. Es sei im Grund genommen „Work an Travel“ gewesen − „nur habe ich das Arbeiten weggelassen und bin mehr gereist“, erzählt er.
„Ich war viel auf der Nordinsel“, Jobs gesucht habe er schon, aber nichts gefunden „es gab nichts zu tun auf den Feldern, alle Ernten waren vorbei“, sagt er. Er bereiste das Land mit einem extra dafür gekauften Camper, „eine tolle Erfahrung“ sei das gewesen. In der Nähe einer warmen Quelle traf er sogar zufällig ein wanderndes Paar aus Sachsen − der Mann aus Pirna, die Frau aus Niesky – und freundete sich an.
Über Fahrzeuge auf dem Parkplatz zum Autohaus gekommen
„Wir wollten uns auf jeden Fall wieder treffen. Ist bisher noch nicht passiert, aber vielleicht lesen sie ja diesen Artikel hier“, sagt der E-Auto-Vertreter. In der neuseeländischen Natur mit ihren „schönen, satten Farben“ habe er auch über seine berufliche Zukunft nachgedacht und sei mit dem Entschluss zurückgekommen, weiterhin Autos verkaufen zu wollen.

Quelle: Jutta Grätz
Zurück in der Heimat habe er dann rund ein Jahr lang nach einer Stelle gesucht. Das sei leichter gesagt als getan gewesen. „Man hört immer vom Fachkräftemangel, bei meiner Suche habe ich mich gefragt: wo?“, sagt er. Auf Xpeng und seinen jetzigen Arbeitgeber Hedin Automotive wurde er schließlich aufmerksam, weil ihm die Fahrzeuge neben dem neueröffneten Autohaus auffielen.
„Interessantes Fahrzeug, schaue ich mir gleich mal an“, habe er sich gedacht − und dann gleich entdeckt, dass das Unternehmen einen neuen Verkäufer für den Standort entdeckte. Dann ging alles ganz schnell, jetzt ist er seit drei Monaten angestellt, Chef ist sein Verkaufsleiter in Kaiserslautern. Luca Stütze verkauft den Görlitzern aktuell drei verschiedene Modelle − zwei SUVs und eine Limousine, in verschiedenen Ausführungen. Alle Modelle sind emissionsfrei, und noch etwas haben sie gemeinsam: Die Fahrzeuge sind im „hochwertigen Segment“ angesiedelt, die Preisspanne liegt bei 50.000 bis 80.000 Euro.
SZ


