Görlitz. Ein halbes Leben für eine Tankstelle. So könnte man das bisherige berufliche Wirken von Steffen Behner zusammenfassen. Wenn es nach dem 42-jährigen Görlitzer geht, dann soll sogar ein ganzes Leben daraus werden. Seit seiner Schulzeit kennen die Kunden der Aral-Tankstelle an der Reichenbacher Straße 89 im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde sein Gesicht. Seit wenigen Wochen ist er der neue Chef – und will das bis zur Rente bleiben.
„Ich habe als Aushilfe bei Aral begonnen, ich habe damals einfach zugegriffen und dann hat es mich nicht mehr losgelassen“, sagt er.
Aufgewachsen ist er im Görlitzer Norden. Nach dem Abitur am heute nicht mehr bestehenden Gymnasium 4 in Königshufen folgte eine Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel für Tankstellenwesen an einer anderen Aral-Tankstelle in Kodersdorf beim damaligen Pächter Heinz-Dieter Schönach. „Der hat mich danach nicht übernehmen können“, sagt Steffen Behner. So jobbte er rund ein Jahr lang auf Baustellen sowie in einem Internetcafé an der Schulstraße – und dann ging es auch schon wieder zurück an die alte Wirkungsstätte.
2005 übernahm Steffen Behners Vorgängerin Kerstin Martin die Rauschwalder Aral-Tankstelle. Ein Jahr später stellte sie den jetzigen Chef als Kassierer an. „Später wurde ich ihr Stellvertreter, erhielt Einblick in die Büroarbeit hier“, berichtet er. Steffen Behner hat sich dabei immer wohl gefühlt. Seine Schwester zog nach München, viele seiner besten Freunde leben mittlerweile in Dresden. „Klassentreffen organisieren ist inzwischen schwierig“, sagt er.
Behner zog aus privaten Gründen immer mal wieder innerhalb der Neißestadt um, sagt von sich selbst, er habe mittlerweile fast jeden Stadtteil mal durch, jetzt lebt er wieder im Norden. Aber er blieb. Weiter weg scheint nie wirklich zur Debatte gestanden zu haben: „Görlitz ist und bleibt meine Heimat und die liebe ich. Es kann ja nicht jeder wegziehen, auch wenn die wirtschaftliche Lage nicht immer einfach ist.“ Er hält die Stellung, vor allem der Familie wegen. Die Eltern leben hier, er selbst ist Vater zweier Kinder.
Neue Verträge mit Firma aus Hannover und mit Aral
All die Jahre unter Kerstin Martin war die Tankstelle eigentümergeführt. Zuletzt hat Aral Kerstin Martin vor die Wahl gestellt: den Vertrag entweder weiter verlängern, um fünf oder zehn Jahre – oder beenden. So lange wollte die Chefin nicht mehr arbeiten, sondern lieber ihren Ruhestand antreten. „Also wurde die Tankstelle verkauft an die Firma Framework.“ Dahinter verbirgt sich ein mittelständisches deutsches Mineralölunternehmen mit Sitz in Isernhagen bei Hannover.
Eine Tankstelle ohne Shop wäre für den Pächter oder Eigentümer heute nicht überlebensfähig. Kaffee, Bistro und Co. sind für die Umsätze schon enorm wichtig. – Steffen Behner, Neuer Pächter der Aral-Tankstelle Rauschwalde
Laut eigenen Angaben unterhielt Framework bislang bundesweit 34 Tankstellen, unter anderem in Dresden, Goslar, Hannover, Braunschweig, Bitterfeld sowie in Schwarzenberg im Erzgebirge. Großteils handelt es sich dabei um Aral-Tankstellen, zweimal ist aber auch die Marke Shell dabei und einmal die Marke HEM.
Jetzt kommt mit dem Görlitzer Standort Tankstelle Nummer 35 hinzu. „Ich habe einen Pachtvertrag mit Framework und einen Liefervertrag über den Kraftstoff mit Aral“, sagt Behner. Das blaue Logo vornedran bleibt also, nach außen hin ändert sich für den Kunden kaum etwas. Zumindest kurzfristig.
Shop soll umgerüstet und modernisiert werden
Langfristig möchte der neue Chef hier und dort ein paar Änderungen vornehmen, er will den Shop modernisieren, eine neue Eistruhe soll kommen, bei der Warenauswahl will er eine eigene Handschrift wagen, etwas näher dran an der Jugend, wie er sagt. Durch seine beiden heranwachsenden Kinder habe er soziale Medien wie Instagram und Facebook gut im Blick und achtet dort auf Trends – den neusten Energy-Drink, die neuste E-Zigaretten-Marke.
„Wenn die ganzen Influencer etwas herausbringen, muss es natürlich am nächsten Tag gleich an der Tankstelle stehen. Und zwei Wochen später ist es schon wieder out“, sagt er und lacht.

Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de
In Zeiten der heutigen Benzinpreise spiele das Nebengeschäft ohnehin eine immer größere Rolle. „Ich sage mal so: Eine Tankstelle ohne Shop wäre für den Pächter oder Eigentümer heute nicht überlebensfähig. Kaffee, Bistro und Co. sind für die Umsätze schon enorm wichtig.“ Die beiden anderen, schon länger pächtergeführten Aral-Tankstellen in Görlitz Königshufen an der Nieskyer Straße und in Kodersdorf haben bereits vor reichlich drei Jahren ihre jeweiligen Shops grundlegend erneuert. Beide wurden zu „Rewe to Go“-Filialen umgerüstet. So macht Aral das seit einigen Jahren an den Tankstellenstandorten, an denen der Konzern selbst das Sagen hat.
Im Tankbereich will Steffen Behner gerne eine Ad-Blue-Zapfsäule installieren lassen. „Das wünschen sich die Kunden schon länger.“
Fotografieren und Tätowieren in der Freizeit
Sein Wunschberuf sei Tankstellen-Pächter zwar nicht immer gewesen. Zwischendurch habe er durchaus auch andere Ideen für die Karriere gehabt, bewarb sich bei Bombardier als Industriekaufmann. Er tätowierte hobbymäßig – zunächst sich selbst, bei den Knien angefangen, meldete diese kreative Freizeitbeschäftigung als Gewerbe an, war kurzzeitig als mobiler Tätowierer ohne festes Studio tätig – inzwischen sei dieses Gewerbe aber wieder abgemeldet. Als private Leidenschaft blieb das Interesse für die Körperbemalungen, das sieht man mit einem Blick auf seine Arme und Beine.
Zudem fotografiert er gerne, „Landschaften, alles Mögliche“. Doch auch beim Leiten einer Tankstelle könne er sich kreativ ausleben, sagt Steffen Behner. Der Beruf sei vielfältiger, als man vielleicht meinen würde. Nach und nach sei das Ziel in ihm gewachsen, genau diese Tankstelle übernehmen zu wollen. Den Wunsch teilte er seiner damaligen Chefin genauso mit.

Quelle: SZ-Archiv / Paul Glaser
Das Ziel hat er nun erreicht und möchte es gerne bis zur Rente so durchziehen. Für vier Festangestellte, einen Hausmeister und zwei Aushilfen wird er in seiner neuen Rolle als Chef künftig Verantwortung tragen.
An dem Beruf gefalle ihm vieles: das handwerkliche Mitanpacken, der Kontakt zu den Kunden „vom Bürgergeldempfänger bis zum Anwalt“, die Vielfältigkeit. Selbst Stress-Situationen seien schön, dann werde es nicht langweilig.
„Diese Tankstelle gehört zu mir. Ohne geht es nicht“, sagt er. So sehr, dass sie sogar irgendwann unter die Haut gehen wird. Eines Tages möchte er sich gerne selbst ein Tattoo stechen, das mit seiner Arbeitsstätte zu tun hat. Ein Aral-Logo soll es zwar nicht werden, sagt er, sondern „wahrscheinlich die Umrisse dieser Tankstelle. Ein wenig Zeit, mir das zu überlegen, habe ich ja noch.“
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