Dresden. Wasser ist Leben – doch sauberes Wasser wird weltweit immer knapper. Flüsse verschmutzen, Grundwasserspiegel sinken und die Suche nach Lösungen drängt. Thomas Grischek beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema Wasser. Als junger Mann arbeitete er als Maschinist im Zwischenpumpwerk Lindenberg nordöstlich von Berlin, das zur Trinkwasserversorgung der Hauptstadt beiträgt. Später studierte er Wasserwirtschaft an der TU Dresden und promovierte. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden lehrt er seit 2003 als Professor für Wasserwesen und sucht dort Antworten auf die drängenden Fragen.
Thomas Grischek schaut von oben auf die kleine Öffnung, ein Blick ins Innere. Im Rohr ist es stockfinster. Es reicht weit in den Boden hinein. Der Wissenschaftler platziert die Kamera, langsam fährt sie hinunter. In acht Metern Tiefe trifft sie auf Grundwasser. Für diese Bilder, die er auf einem kleinen Bildschirm verfolgt, muss Grischek nicht nach draußen. Er bleibt einfach im Labor.
Der Brunnen steht im neuen Lehr- und Forschungsgebäude der HTW, das 2024 eingeweiht wurde. Die Idee, ihn direkt ins Haus zu integrieren, war ein logistisches Meisterstück. „Der Brunnen wurde zuerst gebohrt, dann das Gebäude darum gebaut“, erklärt Grischek. Das Ergebnis ist einzigartig: Wie Unterwasserpumpen funktionieren, wie die Inspektion mit Brunnenkameras erfolgt – all das lernen Studierende direkt vor Ort. Ohne aufwändige Geländearbeiten oder wetterbedingte Verzögerungen. „Das ist ein absoluter Vorteil“, sagt der Professor.
Brunnenbau am Nil
Wasser wird in seiner Reinheit immer kostbarer. Genau hier setzt Thomas Grischek an: Er ist ein Experte für die Uferfiltration, eine Methode, die Wasser auf natürliche Weise reinigt. Die Technik ist einfach und wirkungsvoll. Brunnen nahe einem Fluss fördern Wasser, das durch sandige oder kiesige Bodenschichten sickert. Dieser natürliche Filter entfernt Schadstoffe, Bakterien und Viren. In Deutschland wird die Methode seit 1870 genutzt, auch an der Elbe. 1875 nahm das Wasserwerk Saloppe als eines der ersten Trinkwasserwerke des Landes den Betrieb auf. „Diese natürliche Voraufbereitung wird oft unterschätzt“, sagt er.
Gerade in Ländern mit begrenztem Zugang zu sauberem Trinkwasser kann sie helfen. Die HTW-Forscher machen die Methode weltweit bekannt – von Ägypten über Indien bis Jordanien. Dort bietet die Uferfiltration eine kostengünstige und effektive Lösung, um die Wasserqualität zu verbessern. „In vielen Regionen, wo Menschen direkt aus dem Fluss trinken, sorgt sie für eine drastische Verbesserung“, erklärt er. „Wir sind zum Beispiel mitverantwortlich dafür, dass jetzt entlang des Nils viele Brunnen entstehen“, fügt er hinzu. In Jordanien testen die Dresdner die Methode für Bewässerungswasser, um die Landwirtschaft in der wasserarmen Region zu unterstützen.

Quelle: SZ/ Veit Hengst
Auch in Europa bleibt das Thema relevant. Grischek arbeitete an einem EU-Projekt mit, das Spurenstoffe wie Arzneimittelrückstände untersuchte. „In Hosterwitz haben wir gezeigt, dass die Kombination aus Uferfiltration und moderner Aufbereitung selbst anspruchsvolle Schadstoffe sicher entfernt“, erklärt er. Von 60 relevanten Stoffen lagen am Ende alle deutlich unter den Grenzwerten für Trinkwasser.
Den kleinsten Partikeln auf der Spur
Seit Jahren forschen Wissenschaftler der HTW Dresden zum Thema Mikroplastik in Gewässern. Die winzigsten Teilchen davon bereiten Experten derzeit Kopfzerbrechen. „Die kleinsten Partikel sind oft gefährlicher als die großen“, sagt Grischek. Der Grund: Nanoplastik lässt sich schwer nachweisen und kann möglicherweise tiefer in lebende Organismen eindringen als sichtbares Mikroplastik. Die EU reagiert darauf. Künftig soll Nanoplastik in die Trinkwassermonitoring-Verordnung aufgenommen werden. Ein wichtiger Schritt, der jedoch solide wissenschaftliche Grundlagen erfordert.
Grischek und seine Kollegen entwickeln aktuell Analyseverfahren, um Nanoplastik im Wasser aufzuspüren. Dabei arbeiten sie nicht mit kleinen Proben. „Wir holen 500 Liter Trinkwasser aus dem Wasserwerk und konzentrieren das auf 200 Milliliter“, erklärt Grischek. So lassen sich selbst winzige Partikel nachweisen. Um die Zuverlässigkeit der Technik zu prüfen, setzen die Wissenschaftler gezielt Nanoplastik in Wasserproben ein und testen, ob sie es wiederfinden. Ihr Ziel: die Nachweisgrenzen weiter zu senken und zu zeigen, dass im Trinkwasser keine gefährlichen Mengen enthalten sind. „Es ist wichtig, auch den Negativbeweis zu erbringen“, betont Grischek.
Wasser für Dresdens Chip-Industrie
Ein weiteres Forschungsfeld ist die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn, bei der es um die Entwässerung von Bahnanlagen geht. Eine Versuchsanlage simuliert die Bedingungen im Gleisbett und untersucht, wie Herbizide und Schwermetalle im Bahnkörper zurückgehalten werden können. Die Wissenschaftler widmen sich außerdem intensiv dem Regenwassermanagement. Gemeinsam mit der Stadt Dresden und der Stadtentwässerung entwickeln sie Konzepte zur Wassernutzung.

Quelle: SZ/Veit Hengst
Im modernen Labor der HTW Dresden beschäftigt sich Master-Studentin Biji Sara gerade in Versuchen mit Flockungsmitteln. Die werden verwendet, um kleine, umherschwebende Teilchen im Wasser zu größeren Einheiten zusammenzuballen. Dann hätten die Filter im Flusswasserwerk später leichteres Spiel.
Nah am Puls der Stadt Dresden ist das Team aktuell auch in einer anderen Angelegenheit. Bis 2030 soll ein neues Flusswasserwerk entstehen. Es wird Wasser aus der Elbe zu den Chip-Fabriken pumpen. Dort nutzen die Fabriken das Wasser in ihren Prozessen, bevor es über die Kanalisation zur Stadtentwässerung gelangt. Diese reinigt das Wasser in unmittelbarer Nähe der neuen Anlage und leitet es zurück in die Elbe. Etwa 90 Prozent des genutzten Wassers soll so wieder in den Fluss fließen. Dank des kontinuierlich laufenden Kreislaufsystems bleibt die tatsächlich entnommene Wassermenge gering. Denn Wasser ist Leben, und sauberes Wasser kostbar.
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