Von Nora Miethke
Frau Peterhänsel, warum sind erfolgreiche Fußballerinnen heute sichtbarer als Ingenieurinnen oder Managerinnen in der Automobilindustrie?
Peterhänsel: Ich denke, das hat viel mit Sichtbarkeit und Medien zu tun. Sport – insbesondere Fußball – steht oft stärker im Fokus der Öffentlichkeit als wirtschaftliche Themen. In der Wirtschaft gibt es aber durchaus erfolgreiche Frauen, die sichtbar sind. Es gibt zum Beispiel spezielle Automobilforen, in denen Frauen in der Branche vorgestellt werden. Ich selbst war vor zwei oder drei Jahren auch Teil eines solchen Forums. Letztlich hängt es stark davon ab, worauf der Fokus gelegt wird: Wenn der Fokus auf Sport liegt, sind dort Frauen sichtbarer. Wenn er auf der Wirtschaft liegt, findet man auch dort entsprechende Beispiele.
Frau Starke, wie wichtig sind weibliche Vorbilder für junge Frauen?
Starke: Extrem wichtig. Zu meiner Zeit gab es tatsächlich kaum Vorbilder. Das hat sich erst später entwickelt, zum Beispiel mit Spielerinnen wie Birgit Prinz im Fußball. Heute merke ich, dass ich selbst immer mehr zum Vorbild für jüngere Generationen werde. Das ist eine große Verantwortung, aber auch etwas sehr Positives. Wenn junge Frauen sehen, dass andere Frauen erfolgreich sind – egal ob im Sport oder in Führungspositionen – erkennen sie, dass auch ihre eigenen Ziele erreichbar sind.
Wie würden Sie Ihre Führungsrolle in der Mannschaft beschreiben?
Starke: Wir sind eine sehr junge Mannschaft. Man merkt das, wenn es mal nicht so gut läuft. Als erfahrene Spielerin ist es sehr wichtig, voranzugehen und das große Ganze zu sehen – und nicht nach einem Spiel den Kopf in den Sand zu stecken. Da helfen Kommunikation, die Mitspielerinnen zu motivieren, und auch vorzuleben, dass man mal Fehler begehen kann. Wir haben einen Prozess vor uns, wollen irgendwann oben mitspielen. Derzeit erleben wir eine gute Entwicklung und vertrauen unserem Weg.
Und wie sieht es mit den Role Models in der Automobilindustrie aus?
Peterhänsel: Sichtbarkeit ist dabei entscheidend. Diese entsteht aber nicht nur, wenn Frauen darüber sprechen, sondern auch, wenn Männer das Thema aufgreifen. Ich habe selbst erlebt, wie es ist, die erste oder einzige Frau in einer Führungsposition zu sein. Damals hatte ich kaum jemanden, mit dem ich mich austauschen konnte. Deshalb versuche ich heute, andere zu unterstützen.
Im Werk in Leipzig habe ich zum Beispiel ein Frauennetzwerk gegründet, in dem sich Mitarbeiterinnen aus der Produktion bis hin zur Führungsebene austauschen können. Außerdem betreue ich mehrere Mentorinnen- und Mentorenprogramme – hauptsächlich für Frauen, aber auch für einige Männer –, um sie auf ihrem Karriereweg zu unterstützen. Dabei erzähle ich auch meine eigene Geschichte und zeige: Wenn man es möchte, kann man diesen Weg gehen.
Muss man Frauen stärker ermutigen, Führungsrollen zu übernehmen – im Unternehmen oder auf dem Spielfeld?
Peterhänsel: Ja, ich denke schon. Frauen sind oft zurückhaltender und hinterfragen stärker, ob sie sich etwas zutrauen. Männer sind häufig mutiger und gehen schneller einen Schritt nach vorne. Deshalb ist es wichtig, Frauen gezielt zu unterstützen und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen. Kommunikation spielt dabei eine zentrale Rolle. Auch die Medien entscheiden mit darüber, welche Themen im Fokus stehen.
Starke: Kommunikation ist auch im Fußball sehr wichtig. Wenn Vereine Frauenmannschaften stärker einbeziehen und über sie berichten, erhöht das automatisch die Sichtbarkeit. Viele Männervereine haben inzwischen auch Frauenmannschaften, und dadurch wächst der Frauenfußball insgesamt. Mehr Mädchen beginnen zu spielen, und das Ansehen steigt.
Was können Autohersteller von der Nachwuchsarbeit im Frauenfußball lernen, um junge Frauen für Technik und Mobilität zu begeistern?
Peterhänsel: Ich würde das eher allgemein betrachten. Egal ob im Sport oder in der Wirtschaft: Man braucht eine klare Strategie, wenn man ein Ziel erreichen will. Dazu gehören Qualifikation, Weiterbildung und persönliche Entwicklung. Diese Parallelen sehe ich in beiden Bereichen. Im Fußball spielen zusätzlich körperliche und mentale Faktoren eine große Rolle.
Starke: Ich denke auch, dass Leidenschaft ein entscheidender Faktor ist. Wenn man für etwas brennt, steigert das die Chancen auf Erfolg. Im Frauenfußball haben wir klare Ziele, für die wir als Team kämpfen. Dabei erleben wir auch Rückschläge – etwa Verletzungen oder weniger Einsatzzeit. Der Umgang mit solchen Herausforderungen ist sehr wichtig und hilft bei der persönlichen Weiterentwicklung. Das gilt genauso für andere Berufsfelder.
Kann der Wandel in der Automobilindustrie – etwa durch Elektromobilität und Digitalisierung – neue Chancen für Frauen schaffen?
Peterhänsel: Ja, das denke ich. Natürlich wünscht man sich noch mehr Interesse an technischen Berufen und an MINT-Fächern. Aber beim Thema Digitalisierung haben wir bei BMW schon viele Frauen, die sehr sichtbar sind bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Da ist auch Interesse. Trotzdem gilt: Mehr geht immer.
Gibt es Bereiche, in denen man genauer hinschauen sollte, um Frauen stärker für die Automobilindustrie zu begeistern?
Peterhänsel: Ein großes Problem ist die Einteilung von Berufen in „typische Männer-“ und „typische Frauenberufe“. Wenn man an einen Ingenieur denkt, wird häufig automatisch ein Mann vorgestellt. Diese Denkweise sollten wir überwinden. Außerdem ist es wichtig, schon in der Schule das Interesse an Technik zu fördern und sichtbarer zu machen.
Gilt das auch für den Fußball? Frauenfußball wird immer populärer, reicht das schon?
Starke: Auf jeden Fall. Im Frauenfußball gibt es noch nicht überall die gleichen Strukturen wie im Männerbereich, zum Beispiel Internate oder umfassende Nachwuchsprogramme. Dennoch entwickelt sich vieles positiv. In Ländern wie England sieht man bereits sehr gute Bedingungen. In Deutschland holen wir langsam auf.
Auch bei der Bezahlung, bei der Infrastruktur und bei der Anzahl der Fans gibt es noch Entwicklungspotenzial. Gleichzeitig kommen immer mehr Zuschauer in die Stadien. Das zeigt, dass der Frauenfußball wächst und immer mehr Anerkennung erhält.
Wie viel Innovationskraft würde verloren gehen, wenn Frauen weiterhin seltener Zugang zu Ressourcen, Netzwerken oder Führungspositionen hätten?
Peterhänsel: Es ist gut, in einer vermeintlichen Männerdomäne divers zu sein. Vielfalt bezieht sich bei uns nicht nur auf die Fahrzeugflotte: Zwölf Prozent unserer Mitarbeitenden in der Produktion sind Frauen, in der Verwaltung sind es deutlich mehr. Zudem arbeiten in unserem Werk 79 verschiedene Nationen zusammen. Unterschiedliche Perspektiven bringen uns Know-how und eine großartige Unterstützungskultur im Team. Das ist wichtig für Innovation und Weiterentwicklung.
Starke: Auch im Fußball merkt man, wie bereichernd unterschiedliche Perspektiven sind. Obwohl wir als Frauenmannschaft spielen, arbeiten wir eng mit Männern im Trainer- und Betreuerstab zusammen. Beide Seiten lernen voneinander.
Wann sehen wir eine Vereinsvorsitzende bei RB Leipzig?
Starke: Mit Tatjana Haenni haben wir seit Anfang Januar schon mal einen weiblichen CEO. Sie ist die erste Frau, die diese Position in der Bundesliga besetzt.


