Dresden. Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Sachsen kommt voran, aber langsamer als in vielen anderen Bundesländern. Vor allem die Solarenergie wächst deutlich. Bei der Windenergie gibt es dagegen Nachholbedarf. Zwar wurden zuletzt mehr neue Windräder genehmigt als in den Jahren zuvor. Tatsächlich gebaut werden sie aber oft erst mit Verzögerung, unter anderem wegen langer Planungsverfahren und lokaler Widerstände. Dabei müsste der Freistaat beim Windkraftausbau deutlich schneller werden, um seine Energie- und Klimaziele zu erreichen.
Die Naturkraft GmbH, die Erneuerbaren-Tochter der Sachsen-Energie, Ostdeutschlands größtem Kommunalversorger, hat ihr langfristiges Ausbauziel halbiert und setzt sich nun realistischere Zwischenziele. Wie diese erreicht werden sollen und worauf es dabei ankommt, darüber hat sächsische.de mit Jens-Patric Hirtz gesprochen. Er ist seit Juni 2024 Bereichsleiter des Geschäftsfelds Naturkraft bei der Sachsen-Energie AG. Zuvor war er in leitenden Funktionen in der Energiebranche tätig, unter anderem bei Unlimited Energy und den Stadtwerken München. Er studierte an der Universität Stuttgart.
Naturkraft ist 2024 an den Start gegangen und hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2040 vier bis fünf Terrawatt erneuerbare Energien zu erzeugen pro Jahr. Wo stehen Sie jetzt nach gut zwei Jahren?
Wir haben unser Ziel inzwischen angepasst und auf zwei Terrawattstunden konkretisiert. Auf dem Weg dorthin haben wir uns ein Zwischenziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 rund 700 bis 740 Gigawattstunden aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Derzeit erreichen wir knapp 200 und sind damit auf einem guten Weg.
Wie wollen Sie das schaffen? Wie viele Ausbauprojekte gibt es momentan?
Es sind etliche Projekte in der Pipeline. Derzeit bauen wir in Reinsdorf und Mannichswalde bei Crimmitschau acht Windenergieanlagen. Insgesamt werden es zehn Anlagen, da für die zweite Ausbaustufe in Reinsdorf schon die Investitionsentscheidung vorliegt. Darüber hinaus sind noch zehn bis zwölf technologieübergreifende Projekte im Genehmigungsverfahren. Das ist eine solide und realistische Ausgangsbasis für unseren weiteren Ausbau.

Was sind bei der Planung der Windkraftanlagen die größten Herausforderungen, Akzeptanz oder Genehmigungsverfahren erfolgreich zum Abschluss zu bringen?
Wir sehen eine deutliche Verbesserung und Professionalisierung. Mit der zentralen Anlaufstelle in den Landkreisen ist Sachsen einen großen Schritt vorangekommen. Besonders hilfreich ist, dass Nachfragen und Nachforderungen inzwischen stärker gebündelt werden. Jetzt können die Träger öffentlicher Belange sich einmal umfassend zu den eingereichten Unterlagen äußern und ihre Nachforderungen stellen. Das macht den Prozess planbarer.
Die Behörden in Sachsen weisen regelmäßig darauf hin, wie schnell sie bei Genehmigungen für die Chipindustrie sind. Wünschen Sie sich eine ähnliche Aufmerksamkeit für die Energiewirtschaft?
Eine vergleichbare Aufmerksamkeit für den Ausbau der erneuerbaren Energien wie für den Ausbau von Chipfabriken wäre wünschenswert. Aber noch mehr kommt es darauf an, das Thema positiv und selbstbewusst zu kommunizieren. Daran mangelt es nicht nur in Sachsen, sondern bundesweit. Es braucht mehr Bereitschaft, nach vorn zu gehen und zu fragen, wie schaffen wir es, den Ausbau von Windenergie in Sachsen zu beschleunigen und voranzubringen.
Sie wünschen sich also mehr Mut?
Ja. Die negativen Stimmen vor Ort sind oft die laute Minderheit. In repräsentativen Umfragen wird deutlich, dass die grundsätzliche Abneigung gar nicht so groß ist, wie sie oft wahrgenommen wird. Gleichzeitig müssen wir die Perspektiven aller Beteiligten wahrnehmen. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister fühlen sich in diesem Prozess recht machtlos. Deshalb suchen wir – wo möglich – das Einvernehmen mit den Kommunen. In Mannichswalde funktioniert das. In anderen Orten ist es schwieriger. Bürgermeister und Ratsmitglieder müssen deshalb besser unterstützt werden. Es wäre ein wichtiges Signal, wenn Genehmigungsbehörden auch öffentlich hervorheben würden, eine Windkraftanlage schnell genehmigt zu haben, weil das den Wirtschaftsstandort Sachsen stärkt.
Viele Bürger wünschen sich eine bessere Beteiligung. Ist das sinnvoll?
Beteiligung besteht aus zwei Dimensionen: Mitgestaltung und wirtschaftliche Teilhabe. Letztere konzipieren wir für jedes Projekt individuell. In Reinsdorf etwa haben wir jüngst ein Crowdfunding-Modell erfolgreich beendet, bei dem die Bewohner der umliegenden Orte direkt in den Windpark investieren konnten.
Und was ist mit der Mitgestaltung?
Da setzen wir auf das sogenannte Marktplatzmodell, bei dem wir das Projekt in einzelne Themenfelder aufbrechen und die Planungen in kleineren Gruppen erläutern. So wird der Dialog intensiver. Das heißt nicht, dass wir alle Sorgen und Nöte gleich widerlegen können. Wir verstehen den einzelnen Bürger, aber wir können nicht alle Individualinteressen berücksichtigen. Es war nicht glücklich, das Flächenausbauziel in Sachsen wieder von 2,0 auf 1,3 Prozent zu reduzieren. Das erschwert auch den Dialog.

Sie finden die Rücknahme des Flächenziels einen Fehler?
Alsderjenige, der für den Ausbau der erneuerbaren Energien bei Sachsen-Energie verantwortlich ist, ja. Damit wird eine Grundlage geschwächt. Und aus volkswirtschaftlicher Sicht kann der härtere Wettbewerb um Flächen zu höheren Pachtpreisen führen. Das reduziert die Wirtschaftlichkeit neuer Projekte und schmälert letztlich auch die finanziellen Mittel, die an die Kommunen zur Stärkung der Akzeptanz weitergegeben werden können.
Das klingt nach einem gebremsten Ausbau. Wie wollen Sie dann ihr Zwischenziel von 740 Gigawatt bis 2029 erreichen?
Unser Zwischenziel ist trotz des reduzierten Flächenausbauziels nicht infrage gestellt. Für die langfristige Entwicklung kommt es auf das tatsächliche Flächenangebot und den regulatorischen Rahmen an. Bei den Flächenpachten sehen wir die Notwendigkeit, nachzusteuern. In den Zeiten hoher Zuschlagswerte waren hohe Pachten möglich. Da sich das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bei der Förderung noch einmal verändert, gehen wir davon aus, dass sich dieses Niveau nicht halten lässt.
Ihr Vorstandschef Frank Brinkmann hat vor elf Monaten im Interview mit der SZ gesagt, dass der ungebremste Solarausbau ein Ende haben muss. Wie hat Naturkraft in diesem Geschäftsfeld umgesteuert?
Wir konzentrieren uns auf Projekte mit kombinierter Speicherlösung,wie in Neudorf-Zeithain. Zu den starken Verwerfungen am Energiemarkt ist es auch gekommen, weil die Speicherlösungen nicht im gleichen Maß mitgedacht wurden. Deshalb ist für Naturkraft eine intelligente Verknüpfung von Technologien so wichtig. Wir schauen uns Cluster an, wo wir Erzeugung und Batteriespeicher an den gleichen Netzverknüpfungspunkt bekommen, denn wenn der Wind weht, scheint meistens keine Sonne. Eine Überbauung Wind und PV eins zu eins ist möglich. Dann braucht es fast keine Abregelung im Jahr. Das ist eine intelligente Nutzung. Wir haben Aufstellungsbeschlüsse für große Projekte, doch sie werden immer in Verbindung mit entstehenden Umspannwerken und Batteriespeichern verfolgt.
Wie viele Großprojekte haben Sie denn in der Pipeline und lassen sie sich regional verorten?
Das Osterzgebirge stellt eine besondere Herausforderung dar. Darüber hinaus sind wir in ganz Sachsen wie auch in Südbrandenburg und Thüringen aktiv. Großprojekt ist eine Definitionsfrage. Bei uns sind alle Windenergieprojekte mindestens drei Windenergieanlagen groß. Wären es weniger, wäre die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben.
Werden wir in fünf Jahren immer noch die Überschriften lesen, Sachsen ist bei Windkraft Schlusslicht, hinkt bei erneuerbaren Energien hinterher?
Ich gehe davon aus, dass Sachsen Fortschritte machen wird, allerdings nicht in dem Maß, das notwendig wäre. Es ist mehr Kontinuität und Planungssicherheit notwendig. Ziele, die man sich als Bundesland gesetzt hat, müssen auch von der Politik auf Bundes- wie Landesebene unterstützt werden, auch nach dem Ende von Legislaturperioden. Wenn das EEG den gesetzlichen Rahmen vorgibt, sind zusätzliche landesspezifische Regelungen oft unnötig komplex, etwa bei Akzeptanz-Maßnahmen. Eine einheitliche, bundesweit verbindliche Regelung würde den Ausbau erheblich erleichtern.



