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1.000 Menschen auf 0,1 Quadratmeter

26.04.2021
Enrico Dreßler macht mit seinem Dresdner Unternehmen smartEvents Großveranstaltungen auch in Corona-Zeiten möglich.

Von Nora Miethke 

Dresden. Das Backoffice ist unscheinbar. In einer großen Lagerhalle im Dresdner Industriegelände, vollgestopft mit Kabeltrommeln und Metallkästen voller Technik, stehen mehrere Kabinen, in denen Männer vor Bildschirmen sitzen. Von hier aus wurde im Februar die virtuelle Menschenkette in Dresden gelenkt, während in der Nachbarkabine zeitgleich für den guten Ton auf einer virtuellen Karnevalssitzung gesorgt wurde.

300 Großveranstaltungen hat das Dresdner Unternehmen smartEvents seit Herbst ermöglicht. „Die durchschnittliche Laptop-Oberfläche ist 0,1 Quadratmeter groß, dazu Mikro und Webcam. Mehr braucht man für ein vollwertiges Event-Erlebnis mit anderen Menschen nicht“, erklärt Geschäftsführer Enrico Dreßler. Die größte Online-Veranstaltung hatte 5.000 virtuelle Event-Teilnehmer. Vorzeige-Referenz ist jedoch der Weltkongress der Nuklearmediziner. Da mussten 700 Referenten auf sechs verschiedenen Live-Bühnen gleichzeitig gemanagt werden, einschließlich wissenschaftlicher Postersessions – und das komplett in der amerikanischen Zeitzone und in Englisch. „Wir haben starkes Feedback mit überdurchschnittlicher Zufriedenheit erhalten“, freut sich der Dresdner Veranstaltungsprofi. Sein Techniker-Herz ging auf, als er Gäste von der US-Raumfahrtbehörde Nasa begrüßen durfte.

Keine reine Software-Agentur

Der Nuklearmediziner-Kongress war eine Ausnahme. In der Regel betreut smartEvents Veranstaltungen zwischen 100 und 2.000 Teilnehmern. Das sind klassische Mitgliederversammlungen, Kongresse und Tagungen und das so erfolgreich, dass die Dresdner im Ranking „Beste Mittelstandsdienstleister 2021“ vom Kölner Marktforschungsinstitut ServiceValue ziemlich weit oben auftauchen. „Wir werden geschätzt, weil wir keine reine Software-Agentur sind, sondern Praktiker, die die Technik verstehen und wissen, wie große Veranstaltungen ablaufen“, sagt Dreßler. Da ist Kommunikation auf Augenhöhe gefragt. Und so muss der 42-Jährige hin und wieder Vorstandschefs großer Konzerne selbstbewusst entgegentreten. Diese bekommen Sätze zu hören wie: „Sie wollen doch professionell herüberkommen ohne Pannen. Dann müssen Sie uns zuhören und das umsetzen, was wir Ihnen sagen.“ Mit dem Hinweis auf die Wirkung der Selbstdarstellung bekomme man die großen Alphatiere immer, hat er festgestellt.

Das Team ist seit April 2020 von zwei auf derzeit 25 Beschäftigte und drei Azubis angestiegen. Damit ist smartEvents gegen den Branchentrend ein wachsender Arbeitgeber. Dass dies gelang, verdankt das Unternehmen Dreßlers Gabe, schnell auf die Corona-Krise zu reagieren und dabei auch ins Risiko zu gehen. Denn smartEvents ist ein Ableger der Dresdner Veranstaltungsagentur PMS professional media service GmbH, die Dreßler 2003 gegründet und zu einem der größten Spezialdienstleister für Veranstaltungen im B2B-Bereich aufgebaut hatte. Als mehr Anfragen nach interaktiven Lösungen kam, erfand Dreßler 2018 die Marke „smartEvents“. Und dann kam der März 2020. Die PMS musste Umsatzeinbußen von 90 Prozent verkraften. „Unser Vorteil war, dass smartEvents schon da war“, so Dreßler. In nur vier Tagen baute der studierte Akustiktechniker die Plattform „homeofficenow.de“ auf, um in Webinaren zu erklären, wie Videokonferenzen und digitale Zusammenarbeit funktioniert.

Erste Bewährungsprobe mit Stollenbäckern

Als absehbar wurde, dass Corona keine kurze Episode wird und klar war, dass Videokonferenzen über Webex, Zoom und Microsoft Teams auf Dauer nicht ausreichten, begab sich Dreßler auf die Suche nach umfassenderen Lösungen und stieß im April 2020 auf die britische Software-Plattform Hopin. Deren Ansatz eines kleinen virtuellen Kongresszentrums gefiel ihm, und er bewarb sich für ein Partnerschaftsprogramm. Dabei scheute er auch nicht davor zurück, eine fünfstellige Summe zu investieren. „Ich war so überzeugt von dem Produkt, und wir hatten schon die ersten Anfragen, dass ich sagte, wir wagen das jetzt“, so der smartEvents-Chef. Die erste Veranstaltung, die er über Hopin organisierte, war die Online-Mitgliederversammlung des Schutzverbandes Dresdner Stollen e. V. Es sei herzerfrischend gewesen, das mit Dresdner Bäckern umzusetzen. „Wir hatten viel Spaß“, betont Dreßler.

Vom eigenen Erfolg lahmgelegt, reichte Hopin den deutschen Markt fast komplett an den deutschen Partner weiter. Auf die Frage, warum Online-Tagungen von smartEvents organisiert, nicht ermüdend werden, zählt Dreßler ausführlich auf, mit welchen digitalen Modulen Event-Teilnehmer einen ganzen Tag vor dem Computerbildschirm gehalten werden, nebst Essenspaket mit Zutaten für die digitale Kochshow in der Mittagspause oder dem Cocktail für die Afterwork-Party.

Reale Treffen nur begrenzt ersetzbar

Ihm sind allerdings auch die Grenzen gegenüber realen Treffen bewusst und die liegen bei der Empathie. „Digitale Lösungen können nur begrenzt das soziale Netzwerken ersetzen, wenn man bei einem Gläschen Wein philosophiert“, sagt er. Herausforderungen seien auch die technische Ausstattung der Kunden einschließlich schwacher Internetverbindungen und die mangelnde Zahlungsbereitschaft.

Dennoch postete er zum Jahreswechsel den Satz: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Auch wenn nach dem Ende der Pandemie die Anzahl der digitalen Events zurückgehen werde, geht der gebürtige Oberlausitzer davon aus, dass es bei großen Veranstaltungen zum guten Ton gehören wird, einen digitalen Zwilling anzubieten.

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