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1.550 Meter vom Fichtelberg hinab ins Tal

11.09.2019
In Oberwiesenthal drängen sich die Besucher um die längste Flyline Europas. Um Wartezeiten zu minimieren, kommt modernste Technik zum Einsatz.

1.550 Meter vom Fichtelberg hinab ins Tal
In Oberwiesenthal drängen sich die Besucher um die längste Flyline Europas. Um Wartezeiten zu minimieren, kommt modernste Technik zum Einsatz.


Zehn Minuten Bedenkzeit. So lange dauert die Fahrt mit dem Sessellift hoch auf den Fichtelberg. Das Paar aus Hoyerswerda genießt die Aussicht und schaut hinab auf die Baumwipfel unter seinen Füßen. Die sind erstaunlich grün nach den vielen Wochen ohne Regen. Am Gipfel angekommen, wartet die mit 1550 Metern längste Flyline Europas auf die beiden Sachsen. Im Sommerurlaub 2018 haben sie die neueste Attraktion Oberwiesenthals noch als Baustelle erlebt. „Schon damals war klar, dass wir die ungewöhnliche Bahn ausprobieren werden“, sagen sie.

Auf der Bergstation angekommen, wird als Erstes ein orangefarbener Helm aufgesetzt. Er schützt vor den Ästen während der Fahrt und wird sich im Ziel als hilfreich erweisen. Dann werden schwarze Westen angezogen. Sie sind fein säuberlich sortiert: S/M, L oder XXL. Das Schließen der Schnallen überlässt das Personal nicht den Flyline-Besuchern. Die Weste gilt als sicherheitsrelevant und darf nur vom Personal verschlossen werden. Sind alle Gurte fest, geht es unter das silberglänzende Edelstahlrohr. Dort wartet direkt über dem Kopf des Fahrgastes der gut zwölf Kilogramm schwere Schlitten, der mit Rollen ausgestattet ist. Er erinnert an Inlineskates. Im Inneren des Schlittens befindet sich eine Fliehkraftbremse. Sie sorgt dafür, dass die Geschwindigkeit bei der Talfahrt zwölf Stundenkilometer nicht überschreitet.

Die Karabiner klicken, und der Fahrgast darf sich in das Unterteil seiner Weste fallen lassen. Er hängt jetzt in den Seilen, ähnlich wie ein Flugschüler beim Tandemgleitschirmsprung. Mit dem freundlichen Hinweis, am Ende der Bahn die Beine anzuheben, schickt das Personal der Flyline seine Passagiere auf die Reise ins Tal.

Es kribbelt kurz im Bauch, wenn das Startpodest weicht und man scheinbar schwerelos über einen Weg gleitet. Die Bahn wird im oberen Teil von Pfeilern getragen, die auch im Liftbau zum Einsatz kommen. Man schwebt über den Oberwiesenthaler Wald, das Fichtelberghaus im Rücken, und kann einen wunderschönen Ausblick ins Tal genießen. Der verschwindet im zweiten Drittel der Strecke. Dann taucht die Flyline in die Baumwipfel ein. Äste huschen nur wenige Zentimeter entfernt vorbei. Es riecht nach Holz und Nadelwerk. Die Rollen surren gleichmäßig.

Keine Unterstützung für neue Attraktion

Die Flyline ist in diesem Streckenabschnitt mit Dutzenden Stahlseilen an Bäumen fixiert, die allesamt schwammartige Baumschoner besitzen. „Wir haben uns sehr bemüht, die Eingriffe in die Natur so gering wie möglich zu halten“, erklärt Nadine Rauscher. Sie ist eine von vier Geschäftsführern der Liftgesellschaft Oberwiesenthal GmbH.

Die hat im vorigen Jahr 1,5 Millionen Euro investiert – ohne Unterstützung der Kommune –, um eine neue Attraktion in dem Kurort zu schaffen, die Urlauber außerhalb der Wintersaison begeistert und gleichzeitig die Auslastung der Lifte steigert. Die Idee zu der Flyline hat Mario Graupner, ebenfalls Geschäftsführer der Liftgesellschaft, aus einem Urlaub in Costa Rica mitgebracht. Er folgte einer Gruppe von Leuten in den Urwald und fand dort eine Zip-Line, eine schnurgerade Schwebebahn zwischen zwei Felsen. Eine Zip-Line wäre deutlich preisgünstiger, allerdings fehlen in Oberwiesenthal die geologischen Voraussetzungen für die Befestigung der Seile im Gestein. Also hat man sich für die Flyline entschieden und in der Tiroler Firma Hochkant einen Partner gefunden, der das Patent auf diese außergewöhnliche Schwebebahn besitzt.

Drei Jahre vergingen zwischen den ersten Planungen und dem Bau. Die Flyline führt über das Gelände des Sachsenforsts. Die Bäume sind alle kartiert und untersucht. Jeden Morgen geht ein Mitarbeiter des Teams die Strecke am Boden ab, ein zweiter folgt am Seil. Er kann durch einen besonders umgebauten Schlitten die Seile nach einem Gewitterguss auch trockenfahren. Im nassen Zustand würde die Fliehkraftbremse nicht richtig funktionieren.

Die Flyline ist von Mai bis Oktober in Betrieb. Da die Fahrgäste mit gut 45 Sekunden Abstand starten, können etwa 60 Passagiere pro Stunde transportiert werden. In diesem Jahr haben schon weit über 10.000 Gäste die Flyline genutzt. Viele mehrfach, so wie ein 87-jähriger Besucher. Der ehemalige Ingenieur buchte nach der ersten gleich seine zweite Talabfahrt und konnte dabei aus der Vogelperspektive den Bau des 120 Meter langen Personen- und Rettungstunnels beobachten, der in Vorbereitung der Junioren-Weltmeisterschaft 2020 gerade unterhalb der Seilbahn entsteht. Er soll die sichere Querung der FIS-Rennstrecke ermöglichen.

Alle Wartezeiten werden koordiniert

Der Wanderrucksack kann problemlos mit ins Tal genommen werden. Wichtiger ist festes Schuhwerk. Und wer Bilder von der Talabfahrt machen möchte, sollte Kamera oder Handy extra sichern. Die Passagiere scheinen aber sehr gut auf ihre Ausrüstung aufzupassen. Außer einer verlorenen Sonnenbrille haben die Mitarbeiter der Flyline noch keine Gegenstände bei ihren Kontrollgängen gefunden.

Bis zu zehn Angestellte sind in Hochzeiten nötig, um den reibungslosen Ablauf zu garantieren. Drei davon stehen am Fuß des Bergers. Sie helfen dem fliegenden Passagier wieder auf die Beine und lösen die Schlaufen der Sicherheitsweste, kontrollieren dabei gleichzeitig ihre Funktionstüchtigkeit. Den Helm gibt der Gast als Letztes ab, verhindert er doch beim Ausstieg die unsanfte Berührung mit dem Fahrgestell.

Die Helme und Westen werden sortiert und in orangefarbene Kisten wieder auf den Gipfel gebracht. Der Mitarbeiter, der die Schlitten auf die Flyline setzt, hebt gut zwei Tonnen pro Tag. Bei dieser und allen anderen Positionen rotieren die Mitarbeiter des Flyline-Teams.

Das Ehepaar aus Hoyerswerda ist mittlerweile im Tal angekommen. Die Westen sind abgeschnallt und die Helme zurückgegeben. Es war, sind sich beide einig, ein tolles Erlebnis. Und weil die Nachfrage so hoch ist, arbeitet die Flyline mit modernster Technik. Ein Computerprogramm meldet der Tal- und der Bergstation zeitgleich, wie viele Tickets für ein Zeitfenster von zehn Minuten verkauft worden sind. Online erworbene Fahrscheine werden dabei berücksichtigt und beim Einlass vom Handydisplay abgescannt. Das alles verkürzt die Wartezeiten .

Der Traum der Menschheit vom Fliegen ist uralt, die in Oberwiesenthal eingesetzte Technik dagegen brandneu.

 

So teuer ist das Fliegen mit der Flyline
Flyline kostet für Erwachsene inklusive Liftfahrt 18 Euro. Kinder bis 16 Jahre zahlen 15 Euro. Das Mindestgewicht für die Benutzung der Flyline liegt bei 20 Kilo. Das Höchstgewicht bei 120 Kilo.

 

Von Ines Mallek-Klein

Foto: © Thomas Kretschel

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