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"20 Uhr schließen zu müssen, ist eine Katastrophe"

23.11.2021
Dresdner Gastwirte müssen jetzt abwarten, wie die Gäste auf die neuen Corona-Regeln reagieren. Große Feiern sind schon lange abgesagt worden.

Von Kay Haufe & Julia Vollmer 

Dresden. Nur noch bis 20 Uhr offen und ausschließlich unter 2G-Bedingungen: Für die Dresdner Gastronomen gelten seit Montag wieder neue Regeln. Die Beschränkungen aufgrund der explodierenden Corona-Neuinfektionen treffen die Wirte hart.

"Eigentlich haben wir es alle geahnt. Wisst ihr was: Ich habe keine Lust mehr. Keine Motivation und schon gleich gar keine Idee, was hier werden soll", schreibt Frank Ollhof, Wirt aus dem Petit Frank in Pieschen, in einem Facebook-Posting vom Freitag. Er habe sich impfen lassen, Luftreinhaltegeräte installiert und die Gäste hätten Abstände eingehalten. "Wir haben Impfausweise kontrolliert. Wir haben Kontakte gespeichert. Wir haben desinfiziert. Wir haben getestet. Und genau das wollten wir eigentlich genauso weiter machen", schreibt er.

Jetzt müssen er und sein Team sich wieder neu organisieren. "Wir dürfen weiterhin öffnen. Jedoch nur bis 20 Uhr. Damit wir Euch trotzdem einen entspannten 'Abend' bieten können, öffnen wir ab sofort bereits um 16 Uhr. Letzte Reservierungszeit ist 17 Uhr." Alle, die schon reserviert haben, würden persönlich kontaktiert. Ab Dezember gibt es wieder Menüs zum Mitnehmen.

Gäste sind verunsichert

Stefan Flügge aus dem Trompeter in Bühlau berichtet von leeren Tischen und vielen Absagen. "Weihnachtsfeiern sind alle abgesagt und auch von großen Gruppen kommen Stornierungen", sagt er. Er habe deutlich weniger Umsatz seit 2G.

"Die Bedingung, die Gastronomie nur noch bis 20 Uhr öffnen zu dürfen, ist katastrophal. Wir müssen mit Umsatzeinbußen rechnen, wollen aber unseren Mitarbeitern eine gute berufliche Perspektive in der Gastronomie bieten. Diesen Spagat zu meistern grenzt schon fast an ein Wunder und wird leider sehr oft vergessen", sagt auch Matteo Böhme aus dem Bräustübel. Er werde das Bräustübel am Körnerplatz ab sofort täglich mittags ab 12 Uhr zum Mittagstisch öffnen; angefangen mit "BoWu im Wintermantel dazu Treberbrot oder Kartoffelsalat" werden jeden Tag andere Tagesgerichte angeboten.

Für sein Restaurant "Zum Gerücht - Die letzte Kaschemme" wird es noch schwerer, seit knapp 30 Jahren öffnet es immer erst 19 Uhr. "Das macht jetzt keinen Sinn für nur eine Stunde. Wir probieren ab diesem Mittwoch bis Freitag, ab 17 Uhr zu öffnen und Samstag/ Sonntag schon ab Mittag, aber auch hier müssen wir um 20 Uhr schließen", so Böhme.

Viele Gastwirte warten jetzt ab, wie sich die Lage entwickelt, immerhin gelten die Regeln erst seit Montag. "Die großen Feiern wurde schon lange vorher abgesagt. Mal sehen, ob jemand bereit ist, zu einem schönen Abendessen auch schon mal 17 oder 18 Uhr zu kommen und spätestens 20 Uhr wieder gehen zu müssen", sagt Andreas Wünsche vom Elbegarten am Blauen Wunder. "20 Uhr schließen zu müssen, ist für mich eine Katastrophe. Ich hätte es besser gefunden, wenn sich Sachsen am bayrischen Modell orientiert hätte, wo 22 Uhr geschlossen werden muss." Nun müssten alle Kunden angerufen werden, die eine Reservierung für eine spätere Zeit hatten.

Auch für Wünsches Mitarbeiter steht damit wieder Kurzarbeit an. Dazu fallen der Striezelmarkt und der Loschwitzer Weihnachtsmarkt aus. Wünsches Firma WOK wollte dort einen Glühwein- und zwei Bratwurststände betreiben. "Es ist schon so schwer Personal zu finden, und jetzt kurz vor der Eröffnung abzusagen, ist unsäglich", findet der Gastronom. Die Politiker hätten ein Jahr Zeit gehabt, sich auf die erneute Corona-Lage vorzubereiten, passiert sei aber nichts. Noch weiß Wünsche nicht, ob er an seiner Eisstockbahn im Freien Glühwein ausschenken kann, denn eine städtische Verordnung gebe es noch nicht. "Alle sind verunsichert."

Kontrolliert wird die 2G-Regel im Elbegarten genau, sagt der Betreiber. "Wir lassen uns von jedem Gast den Impfnachweis zeigen, das ziehe ich durch." In der vergangenen Woche habe es bereits eine amtliche Kontrolle des Hygienekonzeptes und seiner Anwendung gegeben.

Unterstützung für Wirte und Hoteliers nicht geklärt

Dass er weiter um seine Gäste kämpfen will, macht Jürgen Sommer schon auf der Startseite seiner Homepage klar. Er habe die Karte von Sommers Wirtshaus im Volkshaus Laubegast reduziert und entsprechend den Lieblingsgerichten seiner Gäste angepasst. "Aber in der Woche kommt jetzt schon kaum noch ein Gast. Jetzt setzen wir wieder verstärkt auf Abholung", sagt der Wirt.

Seine Mitarbeiter sind erneut in Kurzarbeit, die Köche nur jeweils drei Stunden zu Mittag oder abends im Einsatz. Es sei eine extrem schwere Situation. Auch Gerd Kastenmeier gibt nicht auf und verlängert im Restaurant "Kastenmeiers" seine Öffnungszeiten und lädt in der Woche ab 16 Uhr bis 20 Uhr zum Essen. Samstag und Sonntag ist von 12 bis 20 Uhr durchgehend geöffnet.

Außerdem kann man in der Sushi- und Austernbar von Dienstag bis Samstag zwischen 17 und 20 Uhr Sushi abholen. Das Palais Bistro öffnet von Montag bis Freitag von 16 bis 20 Uhr und am Wochenende ab Mittag. Wer mag, kann die "Gans to go" oder auch "Gans ohne Stress" für vier Personen abholen und daheim essen.

Die geltenden Corona-Regeln müssten jetzt dringend rechtlich geprüft werden, fordert Jens Ellinger, Vizepräsident der Dehoga Sachsen. "Immer wieder stehen wir ohne Beweis als Pandemietreiber am Pranger! Was ist der Unterschied zwischen einer beruflichen oder touristischen Übernachtung? Wir haben als eine der wenigen Branchen bereits 2G bzw. 2G plus und trotzdem sollen wir geschlossen werden." Die Gastronomie darf nur bis 20 Uhr öffnen. Für Unternehmen, die nur Abendgeschäft haben, sei dieser Zeitraum viel zu gering, um wirtschaftlich zu arbeiten. "Wenn sie schließen, ist nicht eindeutig geklärt, welche Unterstützung in welcher Höhe sie für ihre Mitarbeiter und ihre eigenen Ausfälle bekommen."

Ordnungsamt kontrolliert auch in Zivil

Seit dem 8. November wurden aufgrund von Verstößen im Zusammenhang mit gastronomischen Einrichtungen etwa 43 Anzeigen durch die Kontrollteams vom Ordnungsamt aufgenommen, teilt die Stadt mit. Dafür werde in der Regel ein Bußgeld entsprechend dem jeweils aktuellen Bußgeldkatalog fällig. Die Höhe richte sich nach dem konkreten Verstoß und dem jeweils aktuellen Bußgeldkatalog. Der Bußgeldrahmen für Verstöße liege bei 100 bis 3.000 Euro.

Kontrollen finden sowohl in Uniform als auch in Zivil statt. "Bei den zivilen Kontrollen in Gaststätten treten die Mitarbeitenden zunächst wie Gäste auf und überprüfen dabei, ob die Vorschriften eingehalten werden. Das weitere Vorgehen richtet sich nach den Umständen des Einzelfalles", so die Stadt.

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