c3in1fgcu5faajf04hqu3oog1st6o5lq.jpg

4-Tage-Woche? So kommt der Vorschlag in Sachsen an

23.07.2020
Katja Kipping schlägt vor, an vier Tagen pro Woche zu arbeiten. Arbeitsmarktexperten halten das für unrealistisch, Gewerkschafter sehen das anders.

Von Nora Miethke

Katja Kipping hält die Corona-Krise für einen guten Zeitpunkt, um über die Einführung einer flächendeckenden Vier-Tage-Woche nachzudenken. Dies mache „Beschäftigte glücklicher, gesünder und produktiver“, glaubt die Parteivorsitzende der Linken. Zur Anschubfinanzierung schlägt sie ein neues Kurzarbeitergeld vor: Unternehmen, die die Arbeitszeit verringern, sollen ein Jahr lang einen Lohnzuschuss bekommen. 

Im Anschluss müsse die Höchstarbeitszeit von 30 Stunden in einem Tarifvertrag oder einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben werden, ohne weitere staatliche Finanzierung.Weniger arbeiten, mehr Freizeit und das bei fast gleichem Geld -– ist doch super. Das werden sich nicht Wenige gedacht haben, als sie den Vorschlag hörten. Doch können sich das Unternehmen und Gesellschaft angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels überhaupt leisten? 

Einerseits werden in Sachsen  wegen des demografischen Wandels bis zum Jahr 2030 rund 300.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte weniger tätig sein als heute. Andererseits besteht das Risiko, dass durch die voranschreitende Digitalisierung und Industrie 4.0 viele Arbeitsplätze verschwinden werden. Sächsische.de hat deshalb bei Arbeitsmarktexperten nachgefragt.

„Die Digitalisierung bedeutet zunächst einmal Produktivitätsfortschritte – aber nicht zwangsläufig den Verlust von Arbeitsplätzen“, sagt Joachim Ragnitz, Vize-Chef der Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Wenn das in Größenordnungen eintreten sollte, werde man darüber reden können, ob diese Produktivitätsfortschritte anstatt für Lohnsteigerungen für Arbeitszeitverkürzungen verwendet werden können, „aber eben auch erst dann – und die Entscheidung darüber obliegt den Tarifvertragsparteien. Der Staat sollte sich da tunlichst raushalten“, meint der Ökonom.

Schon heute sind viele in Teilzeit

Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sieht das ähnlich. „Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen technologischem Fortschritt und der Erwerbstätigkeit insgesamt“, sagt er. Während seit der industriellen Revolution ein trendmäßiger Produktivitätsfortschritt zu beobachten sei, weise die Arbeitslosenquote keinen solchen Trend auf.

Markus Schlimbach, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Sachsen, betont: „Digitalisierung und Automatisierung werden zahlreiche Arbeitsplätze gefährden, grundsätzlich verändern, aber auch neue zum Beispiel in Bildung und Pflege schaffen.“ Er verweist auf die sich verändernden Ansprüche von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Viele junge Menschen wollten mehr Zeit für die Familie haben, ältere müssten Pflegeaufgaben für Eltern oder Verwandte übernehmen. 

Das alles habe bereits dazu geführt, dass die tatsächlich vereinbarte Arbeitszeit sinkt und mehr Teilzeit vereinbart wird. „Entscheidend ist, ob man das sich bei den gegenwärtigen Löhnen in Sachsen leisten kann. Teilzeit bedeutet heutzutage Lohnverzicht“, so Schlimbach. Der Vorschlag von Katja Kipping sei da nur „ein Anschub, keine dauerhafte Lösung“.

Leisten kann sich dies auch nicht die sächsische Wirtschaft. Eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich würde bei unveränderter Produktivität zu einer Arbeitskostenerhöhung von 20 Prozent führen. „Das können sich die Unternehmen in Deutschland nicht leisten, und die in Sachsen erst recht nicht“, meint Ragnitz. 

Kein staatlicher Lohnzuschuss

Für IWH-Experte Holtemöller ist das keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. „Wenn der gesamtwirtschaftliche Arbeitseinsatz zurückgeht, dann sinkt das gesamtwirtschaftliche Einkommen. Insgesamt gehen also die Konsummöglichkeiten zurück. Es ist eine Abwägung zwischen Freizeit und Einkommen“, meint er.

Schlimbach glaubt nicht, dass sich eine flächendeckende Regelung durchsetzen lassen würde. Deshalb setzen die Gewerkschaften eher auf individuelle Wahlmöglichkeiten. So seien bei der Deutschen Bahn, in der Metallindustrie und in der Chemiebranche Tarifverträge abgeschlossen worden, bei denen sich die Beschäftigten zwischen mehr Entgelt oder mehr Freizeit durch verkürzte Wochenarbeitszeit oder weniger Urlaub entscheiden konnten.

Einigkeit besteht, dass die Anschubfinanzierung über einen einjährigen Lohnzuschuss nicht realistisch ist. Eine flächendeckende Vier-Tage-Woche mit Lohnzuschuss bedeute für den Staat Mehrkosten im dreistelligen Milliardenbereich, rechnet Ragnitz vor. Um das zu finanzieren, müssten die Steuern massiv erhöht werden mit negativen Effekten für die Wirtschaft. „Gesamtwirtschaftlich funktioniert das nicht“,so Holtemöller. 

Wenn weniger gearbeitet und weniger Einkommen erzielt wird, sinken die Steuereinnahmen. Der Lohnzuschuss müsste über höhere Steuersätze von den Beschäftigten bei gleichzeitig niedrigeren Bruttoeinkünften erwirtschaftet und dann umverteilt werden. Wenn die Arbeitszeit sinken soll, muss letztlich von der Gesellschaft auch ein Konsumverzicht geleistet werden, findet der IWH-Experte.

Die Lohnzuschüsse „sind gut gemeint, helfen aber nur ein Jahr“, sagt dagegen Schlimbach. Der Gewerkschafter hält es für zielführender, die Arbeitslosenversicherung in eine Arbeitsversicherung weiterzuentwickeln, die auch den Lohnausgleich bei zeitlich befristeter Arbeitszeitverkürzung finanziert. „Darin steckt mehr Potenzial, um auf die Veränderungen der Arbeitswelt in den nächsten Jahrzehnten zu reagieren.“

Weitere Artikel

Ein Zeppelin aus der Lausitz

Ein Zeppelin aus der Lausitz

Diplomat, Hersteller von Füllern und Kulis setzt auf urbanes Design und Luxus. Doch zurzeit muss die Firma aus Cunewalde vor allem die Krise durchstehen.

Drei Freunde und eine gute Idee

Drei Freunde und eine gute Idee

Sie wächst atemberaubend schnell und das aus eigener Kraft: Die Firma Appsfactory aus Leipzig ist zu "Sachsens Unternehmer des Jahres" gekürt worden.

Der digitale Sprung

Der digitale Sprung

Der Dresdner Logistikplaner Logsol operiert weltweit - und ist in der Krise besonders gefragt.

Herbsterwachen für Leipziger Messe

Herbsterwachen für Leipziger Messe

Die Veranstalter legen wieder los: mit Hygienekonzept und anderen Veränderungen.