uhr.jpg

Alles außer Turmuhren

Landkreis Bautzen 10.01.2020
Radebergs einziger Uhrmacher Frieder Nitzsche kann nicht aufhören. Zu ihm kommen ganz bestimmte Kunden.

Vermutlich würde Frieder Nitzsche ohne das Geräusch nicht zurechtkommen. Das Ticken der Uhren. Zumindest würde ihm etwas Wichtiges fehlen, wie dem Musiker die Musik vielleicht. Es war in seinem Geschäft zu hören. Genauso ist das in seiner Werkstatt. Ende Oktober schloss er sein Geschäft an der Hauptstraße, jetzt betreibt er eine Werkstatt an der Ecke Kirchstraße/Hauptstraße. Zweimal die Woche, am Montag und Donnerstag, ist geöffnet. Der Laden sei ein Glücksfall, sagt er, günstig gelegen, nicht zu groß, gerade ausreichend für seine Zwecke. Lange hat er danach gesucht. Mit Lupe und Pinzette nimmt er hier Uhrwerke auseinander und setzt sie wieder zusammen. Mit 72 Jahren.

Über fehlende Arbeit kann Frieder Nitzsche nicht klagen. „Momentan kommen viele zu mir mit großen Regulatoren, also Wand- oder Standuhren, teilweise mit Pendel“, sagt er. Bei den Uhren, die oft aus der Zeit um 1900 stammen, sind meist die Lager ausgeschlagen oder die Räder abgenutzt. „Diese Teile kann ich bestellen oder ich fertige sie selbst an. Die nötigen Maschinen stehen in meiner Werkstatt.“ Außerdem hat er viele Kunden, die im Internet Uhren kaufen und wenn die dann kaputtgehen, mit der Reparatur alleine gelassen werden. „Da versuche ich, die nötigen Teile zu bestellen.“ Auch Armbanduhren oder Wecker werden von ihm wieder zum Leben erweckt. „Ich mache alles außer Turmuhren. Die sind zu groß.“

Frieder Nitzsche ist eine Institution in Radeberg. Mittlerweile ist der einzige Uhrmacher in der Stadt und einer der wenigen, die es noch in Sachsen gibt. „Vor zehn Jahren waren wir noch 104, jetzt sind wir nur noch 34“, sagt er. Über 33 Jahre ist Nitzsche nun in der Bierstadt, verkauft und repariert Uhren. Geboren und aufgewachsen ist er in Zwickau. Sein Traumberuf war damals Rundfunkmechaniker. Doch in der DDR gab es klare Berufsempfehlungen. Es wurde festgeschrieben, wer welchen Beruf erlernen durfte und wer nicht. „In der Schule lag eine Liste aus, dort musste man sich eintragen. Es stand nur ein Beruf darauf: Dreher.“ Nach einem Besuch in einer örtlichen Fabrik fasste Nitzsche aber den folgenreichen Entschluss: „Dreher wirst du nicht.“ Dennoch benötigte er einen Ausbildungsplatz, und der war gar nicht so einfach zu bekommen.

Vergeblich auf Nachwuchssuche

An eine weiterführende Schule durfte er nicht gehen: „Ich war kein Arbeiterkind. Damit war das Thema erledigt.“ Ein Bekannter von Nitzsches Opa fand eine Lehrstelle bei dem Zwickauer Uhren- und Juweliergeschäft Alexander Neubert und Sohn. Doch diese auch antreten zu dürfen, war die nächste Hürde, die der damals 15-Jährige überwinden musste. Denn in der DDR galt der Uhrenmacher als Frauenberuf. Nitzsche durfte den Beruf also gar nicht erlernen. „Wir kämpften ein Jahr gegen die Behörden. 1963 durfte ich dann meine Ausbildung zum Uhrmacher beginnen“, erzählt er heute. 1966 beendete er diese Ausbildung und machte 1972 seinen Meister. 1976 kam er nach Dresden, eröffnete ein Uhrengeschäft der „Produktionsgenossenschaft des Handwerks“ am Weißen Hirsch. 1986 verschlug ihn der Zufall nach Radeberg. Er übernahm eine Uhrenreparaturwerkstatt in der Nähe des heutigen Geschäftes. Nach der Wende zog er in den Laden an der Hauptstraße und führte das Geschäft mithilfe seiner Frau erfolgreich. Aus Altersgründen konzentriert sich der Senior jetzt auf die Werkstatt.

Mehr als ein Jahr hatte er nach einem Nachfolger für das Geschäft gesucht. „Doch es gibt einfach keine fähigen Uhrmacher mehr. Die meisten Menschen, die den Beruf erlernen wollen, gehen nach Glashütte und werden dort Industrieuhrmacher.“ Nitzsche bedauert, dass dagegen nichts unternommen wird. Selber einen Nachfolger anzulernen, dafür fehle ihm die Zeit, sagt er. „Dann komme ich ja nicht mehr zu den Reparaturen.“

 

Von Thomas Drendel

Foto: © Steffen Unger

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Großinvestition bei Radeberger trotz Corona

Großinvestition bei Radeberger trotz Corona

Die Radeberger Brauerei nimmt eine neue Abfüllanlage in Betrieb. Die passt geradeso in eine Halle. Was das Besondere an der Anlage ist.

Der vernetzte Weinberg

Der vernetzte Weinberg

Forscher zeigen im Weingut Schloss Proschwitz, wie Sachsens Landwirtschaft durch Mobilfunk, virtuelle Realität und Drohnen revolutioniert werden könnte.

Wirtschaft klagt übers Görlitzer Rathaus

Wirtschaft klagt übers Görlitzer Rathaus

Mehr als ein Jahr nach der Wahl ist die Zufriedenheit mit OB Octavian Ursu hoch. Doch jetzt gibt es erstmals auch Kritik.

Dresdner Händler kritisieren Prager Straße

Dresdner Händler kritisieren Prager Straße

Aufdringliche Buden, viel Werbung: Die Einkaufsmeile sehe "verramscht" aus. Wie die Stadt das ändern will und was Händler und Gastronomen fordern.