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Arbeitsvermittler klagt gegen Bundesagentur

08.07.2020
Die SZ sprach mit Thomas Proschwitz über den regionalen Arbeitsmarkt in Zeiten von Corona, eine Ungerechtigkeit und aktuelle Angebote.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia 

Herr Proschwitz, Sie führen eine private Arbeitsvermittlung in Großenhain. Wie schätzen Sie den regionalen Arbeitsmarkt nach dem Corona-Lockdown ein?

Die Angebote an Stellen sind im wesentlichen nicht zurückgegangen, doch es gibt Ausnahmen. Wurde bis März noch im Reisegewerbe gesucht, muss dieser Bereich sich jetzt erstmal wieder konsolidieren. Auch in der Gastronomie herrscht teilweise noch Kurzarbeit, dort ist die Gefahr nahe, dass Mitarbeiter artfremd abwandern. Weil die Wirtschaft stagniert, hat Corona zuerst die gering Qualifizierten in die Arbeitslosigkeit gerissen: die ohne Führerschein und ohne Facharbeiterabschluss. Wir merken, wie sich als Folgekrankheiten Lethargie, Alkoholismus und Drogensucht verstärken. 

Im Westen Deutschlands sind Massenentlassungen wie bei Airbus, Boing oder den Autobauern an der Tagesordnung. Ist das auch für die hiesige Wirtschaft durch Corona zu befürchten?  

Nein, denn es gibt hier kaum Großindustrie, sondern eher Kleinbetriebe. Die suchen nach wie vor Fachkräfte, es gibt ständig Anfragen von Unternehmen. Sie haben nach wie vor Hunderte offene Stellen, gesucht werden willige Arbeitskräfte. Ganze Bereiche wurden von der Corona-Pandemie aus unserer Sicht gar nicht berührt: der Reinigungssektor, Lageristik, der Wachschutz oder der Transportbereich und die Pflege. Es gibt nach wie vor genug Arbeit. Aber die Vermittlung macht uns Probleme. 

Inwiefern? 

In der Online-Jobbörse der Arbeitsagentur sind ein Viertel der freien Stellen weggefallen - weil die privaten Arbeitsvermittler seit August vorigen Jahres nicht mehr gleich behandelt werden. Uns finden Arbeitssuchende in der Jobbörse nur noch sehr eingeschränkt. Nehmen wir das Beispiel der aktuellen Angebote für Bürokauffrauen in Dresden. Sucht man nur bei der Arbeitsagentur, bekommt man 216 Stellen angezeigt. Sucht man zusätzlich auch bei privaten Arbeitsvermittlungen, die ja eigene Kunden, sprich Firmen mit Stellenangeboten, haben, sind es 307. Mit Hilfe eines Dresdner Anwaltsbüros klage ich im Auftrag unseres Bundesverbandes dagegen. Die Sache liegt beim Landessozialgericht in Chemnitz. Diese Ungleichbehandlung ist auch deshalb völlig unverständlich, weil wir privaten Vermittler jedes Jahr von staatlichen Stellen zertifiziert werden. Wir sind durch diese Zertifizierung Träger der Arbeitsförderung.

War Ihr Büro von den Corona-Beschränkungen eigentlich auch betroffen? 

Das Büro war immer offen, aber bis Ende Juni waren Mitarbeiter in Kurzarbeit. Durch die Kontaktbeschränkungen konnten wir auch kein Einzelcoaching machen. Vorher lag bei diesen Maßnahmen unsere Vermittlungsquote bei guten 50 Prozent. Zuletzt konnten wir aber nur noch die Hälfte der sonstigen Vermittlungen schaffen. Seit Juli deutet es sich an, dass es wieder aufwärts geht. 

In welchem regionalen Bereich vermitteln Sie? Was gibt es aktuell an guten Angeboten?   

Unser Einzugsbereich ist der von Tagespendlern, also bis Dresden und Südbrandenburg. Weitere private Arbeitsvermittler sitzen in Riesa, Meißen und Coswig. Gesucht werden derzeit zum Beispiel mehrere Operator im Hightech-Bereich oder Pflegepersonal. Im Amazon-Lager in Lampertswalde sucht man ab August Sortierer mit familienfreundlichen Arbeitszeiten von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Auch in der Zeitarbeit gibt es mehr Stellenangebote als Bewerber. Deshalb stellen Firmen sogar den Transport zur Arbeitsstelle und zurück, um Anreize zu schaffen. 

Warum mangelt es aus Ihrer Sicht trotz der Corona-Krise an Bewerbern? 

Zum geringen Teil könnte das daran liegen, dass durch Corona keine Einarbeitung möglich war. Zum größeren Teil ist es eine Frage der Arbeitsbereitschaft. Bei einem Gespräch mit dem Jobcenter wurde uns erklärt, dass Hartz-IV-Beziehern in der Krise kaum Jobangebote unterbreitet werden konnten und Sanktionen nicht stattfanden. Das fördert bei einer gewissen Bewölkungsschicht die Bequemlichkeit, sich nicht um Erwerbsarbeit zu bemühen. 

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