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Arevipharma Radebeul soll verkauft werden

10.09.2020
In der Stadt gibt es Befürchtungen, Interessenten aus China oder Indien könnten das Rennen machen.

Von Peter Redlich

Radebeul. In der wechselvollen Geschichte des letzten bedeutenden Pharmaunternehmens Radebeuls scheint ein neues, unruhiges Kapitel bevorzustehen. Hier, wo einst die Arzneimittelproduktion im Elbtal vor fast 150 Jahren mit von Heyden und später Madaus begann und in der DDR die Fabriken unter dem Namen Arzneimittelwerk Dresden (AWD) fortgeführt wurde, wackelt jetzt der letzte Leuchtturm erneut.

Dreimal wurde die Produktionsstätte von Arevipharma mit ihren Anlagen an der Meißner Straße 35 verkauft, stand sogar einmal unter der Degussa-Fahne vor dem Aus. In den letzten reichlich zehn Jahren haben die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann erst direkt und nach dem Hexal-Gesamtverkauf an Novartis weiter unter dem Dach einer Holding durchgehend Wirkstoffe herstellen lassen. Den 1950 geborenen Zwillingen gehört die letzte noch aus dem Arzneimittelwerk Dresden in Radebeul übrig gebliebene Fabrik an der Meißner Straße 35. Dank des Einsatzes von Werksmanagement und Mitarbeitern hat sich der Standort in den letzten Jahren gut entwickelt.

War vor sieben Jahren laut damaliger Geschäftsführung der Umsatz von 42 auf 30 Millionen Euro eingebrochen, die Belegschaft von weit über 200 Mitarbeitern auf 130 geschrumpft, so ging es seit 2014 wieder aufwärts. Aktuell sind 170 Mitarbeiter beschäftigt, der Umsatz steigt. Die Strüngmanns hielten - entgegen anderen, die in Krisensituationen verkauften - zur Stange.

Doch die beiden inzwischen im siebzigsten Lebensjahr befindlichen Milliardäre - der Hexal-Verkauf brachte 5,65 Milliarden Euro - und deren Nachkommen wollen sich, wie jetzt bekannt wurde, offenbar vom Radebeuler Werk trennen.In der Pharmaunternehmen-Holding der Strüngmanns ist Arevipharma Radebeul nur ein Standort von vielen, im Freistaat allerdings ein bedeutendes Unternehmen der Branche. Aktuell werden hier unter anderem Wirkstoffe gegen Herzkreislauf-Beschwerden, Narkotika und Psychopharmaka hergestellt. Auch Mittel gegen Krebs gehörten schon zur Produktpalette.

Ein Unternehmen, auf das ganz sicher auch die weltweit den Generika-Markt beherrschenden indischen und chinesischen Firmen aufmerksam geworden sind. Apothekerverbände, die Bundesregierung und auch die EU warnen allerdings spätestens seit Corona vor der Abhängigkeit und damit schon wiederholt aufgetretenen Engpässen in der Medikamentenversorgung in Deutschland sowie der Europäischen Union.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderte bereits im März im Bundestag, sich in Europa unabhängiger vom asiatischen Markt zu machen. In der EU gibt es Bestrebungen, dem Ausverkauf nach Asien Riegel vorzuschieben. Doch die Gesetzgebung in Brüssel dauert.Ein Zeitfenster, das Unternehmen aus Indien und China mit ihren europäischen Mittelsmännern gerade in diesen Monaten nutzen wollen und auf Einkaufstour gehen.

Dreimal wurde die Produktionsstätte von Arevipharma mit ihren Anlagen an der Meißner Straße 35 verkauft und stand sogar einmal vor dem Aus.
Dreimal wurde die Produktionsstätte von Arevipharma mit ihren Anlagen an der Meißner Straße 35 verkauft und stand sogar einmal vor dem Aus. © Arvid Müller

Ob das auch auf Radebeul zutrifft, wollte die hiesige Firmenführung nicht bestätigen. Auf die SZ-Nachfrage zum Thema Verkauf hieß es lediglich: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Marktspekulationen und Gerüchte nicht kommentieren. Diese gab es auch in der Vergangenheit schon häufiger.“

Immerhin: Betriebsratsvorsitzende Bärbel Starke, die die Turbulenzen der letzten Jahrzehnte miterlebt und für ihren Einsatz um den Erhalt der Arbeitsplätze den Radebeuler Couragepreis erhalten hat, bestätigt auf SZ-Nachfrage: „Ja, der Belegschaft wurde mitgeteilt, dass wir verkauft werden sollen.“ Starke betonte auch, dass dies grundsätzlich nichts Schlechtes sei, vor allem dann nicht, wenn es einen Käufer gäbe, der den Standort entwickeln und ordentlich investieren will. Auf die Frage, ob es ihr gleich sei, woher der Käufer komme - aus Asien oder Europa -, erklärte die Fachfrau: „Ein deutscher oder europäischer Investor würde sicher besser zu uns passen. Erst recht vor dem Hintergrund der Notwendigkeit, unabhängiger vom asiatischen Markt zu werden. Wir brauchen Wirkstoffhersteller in Europa.“

Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) schaut in Sachen Arevipharma ebenfalls über den Tellerrand und die Steuereinnahmen der Stadt hinaus. Nicht zuletzt auch als Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages. Wendsche: „In Zeiten von Corona, wo wir die hiesigen Pharmahersteller zu strategisch wichtigen Betrieben erklärt haben, gilt es, diese in europäischer, deutscher und eben auch Radebeuler Hand zu halten. Für den Standort wünsche ich mir einen Investor, der die Fabrik weiterentwickeln will. Einen Käufer, der Europa nur als Absatzmarkt sieht, brauchen wir nicht.“

Verkauft ist Arevipharma Radebeul bisher wohl noch nicht. Wer wirklich vor der Tür steht, darüber ließ sich die Unternehmensführung nichts entlocken. Offenbar sind die Besitzer jedoch fest entschlossen, sich vom Standort Radebeul zu trennen.

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