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Autozulieferer TDDK investiert Millionen in Sachsen

20.09.2022
In Straßgräbchen bei Kamenz soll Europas größtes Werk für E-Klimatechnik entstehen. Fast 1.000 Arbeitsplätze hängen an der Entscheidung.

Von Reiner Hanke

Bernsdorf-Straßgräbchen. Sogar Gründungs-Geschäftsführer Nobuyuki Araki flog vor wenigen Tagen aus Japan ein: Im Gepäck hatte er die vermutlich wichtigste Entscheidung zur Zukunft des Autozulieferers TD Deutsche Klimakompressor (TDDK) seit dem Start des Unternehmens Ende der 1990er Jahre. Im Bernsdorfer Ortsteil Straßgräbchen soll Europas größter Hersteller für E-Klimakompressoren entstehen – also Klimatechnik für Elektroautos. Das entschied jetzt der Vorstand der japanischen Muttergesellschaft Toyota Industries.

Auf die Entscheidung hatte man in Sachsen zwar gehofft, und sie gut vorbereitet, sicher war sie aber nicht. Jetzt ist das Aufatmen groß, denn alles andere hätte über kurz oder lange ein Auslaufen der Produktion bedeutet. Denn der Standort in der Nähe von Kamenz ist bislang auf die Ausrüstung klassischer Verbrenner-Fahrzeuge spezialisiert.

TDDK hat Kunden von Toyota bis Mercedes

Die Kompressoren, Verdichter für Kältemittel, sind das Herzstück einer jeden Autoklimaanlage . Die aus Straßgräbchen sind besonders häufig auf den europäischen Straßen unterwegs. Der Weltmarktführer hat in Europa einen Marktanteil von etwa 40 Prozent. So rüstet TDDK schon seit vielen Jahren die Pkws namhafter Hersteller wie VW, Mercedes, BMW, Volvo, Toyota, Renault oder Peugeot aus.

Und das soll mit der Entscheidung aus Japan auch im Zeitalter der Elektromobilität so bleiben. Ende der Vorwoche beschloss das japanische Mutterhaus den Bau einer ersten Montagelinie für die Elektrokompressoren. Dazu kommt das Druckgießen der Aluminiumgehäuse der Verdichter und die maschinelle Bearbeitung der Gehäuse.

Die Maschinen sollen im kommenden Jahr in Japan gebaut und zu TDDK verschifft werden, erklärt TDDK-Vizepräsident Ronald Juhnke. Sie werden dann im bestehenden Werk aufgebaut, um erste Musterstücke produzieren zu können.

Technische Unterschiede erheblich

Die technischen Unterschiede zum traditionellen Kompressor sind erheblich. So ist der E-Kompressor sogar etwas größer. Das hat mit dem Antrieb zu tun. Die Verbrenner-Modelle treibt ein Keilriemen über den Automotor an. Die E-Modelle habe einen eigenen kleinen Elektromotor.

Bis Ende 2024 sollen diese Muster von den Autoherstellern auf Herz und Nieren geprüft werden. Voraussichtlich Anfang 2025 erwartet TDDK dann das Okay der Kunden für den Start der Massenproduktion. Damit soll die Kapazität des Werks von sechs auf acht Millionen Klimakompressoren jährlich steigen.

Um das zu erreichen, werde das bestehende Werk erweitert. Seit 1998 komme damit die sechste Ausbaustufe in Straßgräbchen. Mehrere hundert Millionen Euro sind bereits in den Standort bei Kamenz geflossen. In welcher Höhe nun erneut investiert wird, lasse sich noch gar nicht beziffern, sagt der Vizepräsident.

Baustart für neues TDDK-Werk im kommenden Jahr

Mit dem Landratsamt Bautzen und der Stadt Bernsdorf soll schon im November über die Voraussetzungen für einen zügigen Genehmigungsprozess gesprochen werden. Mit beiden Partnern und Ex-Chef Araki an ihrer Seite stellten der neue TDDK-Geschäftsführer Yoichi Terao und Vizepräsident Juhnke das Großprojekt am Montag auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vor.

Angesichts des Kriegs in der Ukraine, einer drohenden Gasknappheit und einer möglichen Wirtschaftskrise im kommenden Winter sei die Vorstandsentscheidung in Japan alles andere als ein Selbstläufer gewesen, sagt Ronald Juhnke. Der Politik gibt das Unternehmen deshalb ernste Worte mit auf den Weg: So würden die japanischen Investoren auf Dauer nur mit Vertrauen in eine stabile und bezahlbare Gas- und Energieversorgung eine solche Zukunftsinvestition wagen können.

Mit der Baugenehmigung für den ersten Bauabschnitt, damals 1998, hatte es innerhalb von sechs Wochen geklappt, erinnert sich der Vizepräsident. Das werde diesmal wohl kaum machbar sein, schätzt er ein. Aber ein erster Spatenstich noch im kommenden Jahr erscheine doch realistisch. Dann könnte die Werkserweiterung nach etwa anderthalbjähriger Bauzeit bis 2025 stehen.

Verbrenner-Technik ist Auslaufmodell

Derzeit hat das Unternehmen rund 950 Mitarbeiter. Langfristiges Ziel sei es, eine Mitarbeiterzahl von etwa 1.000 Beschäftigten zu halten. Denn so wie die Produktion der E-Kompressoren steige, sinke die der Verbrenner-Modelle. Mit dem Wendepunkt in der Produktion rechnet Ronald Juhnke gegen Ende des Jahrzehnts. Etwa 2028 könnten die E-Kompressoren das Übergewicht haben. Voraussichtlich würde die Produktion von Hybrid- und vollelektrischen Autos in Europa dann erstmals die der Verbrenner überflügeln. Darauf bereite sich TDDK jetzt vor.

Den japanischen Gründungsgeschäftsführer Noboyuki Araki würdigt das Unternehmen mit einem eigenen Straßennamen auf der Zufahrt zum TDDK-Areal.

Den japanischen Gründungsgeschäftsführer Noboyuki Araki würdigt das Unternehmen mit einem eigenen Straßennamen auf der Zufahrt zum TDDK-Areal. © Matthias Schumann

In der aktuellen Produktion seien die Vor-Corona-Zahlen von etwa sechs Millionen Kompressoren jährlich noch nicht ganz wieder erreicht. Das hänge damit zusammen, dass auch die Automobilindustrie noch nicht auf dem entsprechenden Niveau sei.

Allerdings ist TDDK bereits seit dem Vorjahr bereits Versandstandort für Elektrokompressoren "Made in Japan". In diesem Jahr rechnet das Unternehmen mit einer Stückzahl von einer halben Million. Damit würden 2022 insgesamt sechs Millionen Verdichter für Kältemittel zu den Kunden gehen. Und das E-Modell habe immerhin schon einen Anteil von acht Prozent.

Für den Vizepräsidenten ist am wichtigsten: dass die Investition nun tatsächlich beschlossen ist. Damit werde die Zukunft „dieses industriellen Leuchtturms in der vom Kohleausstieg betroffenen Lausitz gesichert“.

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