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Bahn bildet im Nahverkehr keine Schaffner mehr aus

10.09.2020
Crashkurse sollen ab 2021 drei Jahre Lehre ersetzen. Das spart Geld – und empört nicht nur die Gewerkschaften.

Von Michael Rothe

Also doch: Die Deutsche Bahn (DB) stellt 2021 auch in der Region Südost die Schaffner-Ausbildung für den Nahverkehr ein. Der Konzern bestätigt, was sich seit Wochen in der Gerüchteküche hält: „DB Regio Südost wird als letzter Bereich im Konzern die Berufsausbildung für die KiN aussetzen und wie alle anderen Regionen die KiN über eine Funktionsausbildung rekrutieren“, heißt es auf SZ-Anfrage. KiN steht für„Kundenbetreuer im Nahverkehr“, kurz: den/die Schaffner/in.

Damit schlachtet die Bahn eine heilige Kuh, hatte sie doch immer die eigene Ausbildungsleistung herausgestellt und der Konkurrenz, die ihr im Nahverkehr Strecken abjagt, Selbstbedienungsmentalität unter den Absolventen unterstellt oder deren Crashkurse für Seiteneinsteiger gerügt. Schließlich sei es ein verantwortungsvoller Beruf.

Und er ist beliebt bei DB Regio Südost. Die Konzerntochter ist für den Nahverkehr in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständig. Ihr Hauptgeschäft sind die Regionalbahn- und Express-Linien und die Dresdner S-Bahn. 2018/19 war der Ausbildungszweig nach dem zum Fahrdienstleiter der beliebteste Lehrberuf. In ihm „betreust Du unsere Kunden in Reisezentren, Servicebereichen oder Zügen“, wirbt die DB-Website. Man brauche sowohl kaufmännisches als auch kundenorientiertes Denken, einen Schulabschluss und gute Fremdsprachenkenntnisse.

„Der Beruf des Kundenbetreuers im Nahverkehr hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, insbesondere sind viele früher betrieblich notwendige Aufgaben heute entfallen“, argumentiert eine Bahnsprecherin. Der hohe kaufmännische Anteil der Ausbildung, wie ihn die Berufsausbildungsordnung von 1997 vorsieht, entspreche nicht dem heutigen Berufsbild. DB Regio Südost brauche pro Jahr rund 50 solcher Mitarbeiter. Durch Funktionsausbildung „geben wir auch Arbeitssuchenden und Menschen, die sich im Berufsleben umorientieren wollen, eine Chance“, sagt die Sprecherin. Das habe sich 2012 in allen Regionen sehr gut bewährt.

Kritik an Funktionsausbildung

„Es ist unfassbar, wie die DB ihre Kernberufe beschneidet“, echauffiert sich Klaus-Peter Schölzke von der Lokführergewerkschaft GDL. So erreiche der Konzern seine Klimaziele nie, schimpft der stellvertretende GDL-Chef für Mitteldeutschland. Auch bei Lokführern sei die Ausbildung zurückgefahren worden, böten alle Bahnunternehmen Umschulungen von neun bis elf Monaten an – mit hoher Fluktuation und Durchfallerquote. „Aber bei drei Jahren Lehre sind 90 Prozent bahnaffin und bleiben im Beruf“, so Schölzke.

Schuld am Rückzug sei der Ausschreibungsdruck, sagt der Gewerkschafter. Im Nahverkehr gewinne nur der billigste Anbieter. Und mit dem Ostthüringer Dieselnetz sowie dem Mitteldeutschen S-Bahn-Netz stehen lukrative Vergaben an. Die DB-Sprecherin geht davon aus, „dass sich DB Regio an beiden Ausschreibungen beteiligen wird“. Nach GDL-Informationen spart DB Regio Südost durch den Ausbildungsverzicht jährlich rund eine Million Euro ein.

Auch bei der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist die Empörung groß.

„Das geht gar nicht“, reagiert der überraschte Geschäftsstellenleiter Südost Volker Linke. „Als könnte man einen solchen Job nach kurzer Einweisung machen!“ Eine EVG-Abordnung hatte sich vorige Woche mit Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) zum Nahverkehr im Freistaat verständigt und eine Ausbildungsquote in den Vergabebedingungen verlangt. Es dürften „nicht diejenigen Unternehmen begünstigt werden, die die Ausbildung anderen überlassen, um selbst Kosten zu sparen“, heißt es im Positionspapier und: „Wichtig ist, dass sich die Ausbildungsquote nicht auf Funktionsausbildungen beschränkt, sondern die echte Berufsausbildung vorschreibt.“ GDL-Mann Schölzke will sogar einen Ausbildungsgipfel mit Sachsens Verkehrsverbünden einberufen. Ziel: eine Selbstverpflichtung jener Besteller des Nahverkehrs.

Anders als andere Unternehmen halte die Deutsche Bahn an ihrer Ausbildungsoffensive fest und stelle 2020 rund 4.700 Azubis ein, versichert die Konzernsprecherin. Das sei „Rekordniveau“.

2016 hätten in Mitteldeutschland 412 junge Menschen eine Ausbildung begonnen, in diesem Jahr über 550. Für Gewerkschafter Schölzke steht das geringe Plus in krassem Missverhältnis zur ausufernden Funktionsausbildung.

Die Umschulungen hätten um 70 Prozent zugelegt. „Für Fahrgäste ist wichtig, dass sie im Zug eine Ansprechperson haben, die ihnen zu Tarifen, Anschlussverbindungen und im Verspätungsfall weiterhilft“, sagt Anja Schmotz von Pro Bahn. Auch wenn der Vizevorsitzenden des Fahrgastverbands für Mitteldeutschland keine Verschlechterung durch Quereinsteiger aufgefallen sei, hat sie „Zweifel, dass bei einer stark verkürzten Ausbildung ausreichend betriebliches Wissen vermittelt wird, um im Störungsfall etwa Probleme beim Kuppeln beheben zu können“. Funktionsausbildung sollte nicht zur Standardlösung werden, warnt Schmotz.

„Wir bilden massiv selbst aus und kümmern uns noch stärker um eigenen Nachwuchs“, hatte DB-Personalvorstand Martin Seiler noch im vergangenen Jahr erklärt und: „Unsere Azubis sind eine tragende Säule der neuen Strategie Starke Schiene.“ Immerhin verspricht die Deutsche Bahn: Alle 25 Schaffner-Azubis, die ihre Lehre gerade begonnen haben, können sie auch beenden.

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