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"Bauen ist erst auf den zweiten Blick sexy"

07.10.2019
Personalnot und Imageprobleme: Der Chef der sächsischen Baubranche Robert Momberg hat eine Idee, wie Jobs auf dem Bau wieder attraktiv werden können.

Früher konnte man seinen dummen Sohn problemlos zur Bau-Union schicken. So verhieß es ein Reim aus DDR-Zeiten. Nach dem Nachwende-Boom war das anders: Die Zahl der Bauarbeiter in Sachsen schrumpfte auf weniger als die Hälfte, rund 59.000. Seit Jahren brummt die Wirtschaft – und mit ihr das Geschäft am Bau. Doch es fehlt an gewerblichem Personal und an Nachwuchs. Die Sächsische Zeitung  sprach mit Robert Momberg, Chef des Bauindustrieverbandes Ost, Sprachrohr von 260 größeren Firmen in Sachsen, Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit rund 20.000 Beschäftigten.

Herr Momberg, alle Welt schreit, es fehle Personal. Ihr Verband nennt die Krise gar existenziell. Eine Übertreibung?

Wir spüren, dass nicht nur das Problem bei den Unternehmen angekommen ist, sondern auch das Bewusstsein, dass, wer sich jetzt nicht kümmert, allein durch dieses Thema unternehmerisch scheitern kann. Wenn Arbeitskräfte zum Engpass werden und deren Mangel zur Bremse für Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand, wird es existenziell.

War die Entwicklung nicht absehbar? Wo, wenn nicht bei der Bildung kann man angesichts der Geburten- und Absolventenzahlen langfristig planen?

Die Vorwarnung war tatsächlich da. Aber Bauen ist so komplex, dass viele Unternehmer oft selbst auf der Baustelle sind und sich im Tagesgeschäft nicht um strategische Fragen kümmern. Da bleiben langfristige Aufgaben liegen.

Erst recht, wenn das Geschäft seit fünf, sechs Jahren brummt und viele vor Lachen nicht in den Schlaf kommen.

Die Not ist so groß, dass jetzt gehandelt werden muss. Trotzdem haben im gewerblichen Bereich Unternehmen zeitig erkannt, dass sie sich mehr um Lehrlinge kümmern müssen. Aber wenn man sie nicht bekommt, ist es weniger hausgemacht. Die meisten Betriebe haben längst erkannt, dass sie sich nicht mehr von Azubi zu Azubi oder Fachkraft zu Fachkraft hangeln können, sondern dass es eine konzeptionelle Personalentwicklung braucht.

Ihr Verband schickt keinen Hilferuf an die Politik, sondern appelliert an die eigene Klientel, sich Work-Life-Balance, Digitalisierung und anderem zu stellen.

Sowohl als auch. Es gibt offenkundig betriebliche Defizite. Und es ist unsere Aufgabe, darauf zu verweisen. Aber eine Ausbildungsbefähigung, die für unsere Unternehmen ausreicht, muss die Gesellschaft schaffen, das kann ein Betrieb nicht leisten. Die Schulabgänger sind oft nicht in der Lage, sich in einem Bewerbungsgespräch, geschweige im Arbeitsprozess, einzubringen.

Angeblich konnte 2018 nur jeder zweite Betrieb seine Lehrstellen besetzen.

Es gibt einen leichten Trend nach oben, was auch mit wachsendem Problembewusstsein zusammenhängt. Es gibt dazu unter dem Namen Bau-Dein-Ding auch eine deutschlandweite Kampagne der Bauindustrie, die für die tollen Möglichkeiten am Bau werden soll.

Demnach stützt sich der fünfprozentige Zuwachs vor allem auf Zuwanderung.

Tatsächlich ist die Zahl noch gering, und auf kleiner Basis hören sich prozentuale Steigerungsraten gewaltig an. Aber als Fingerzeig ist es gar nicht so verkehrt, Asylbewerber als Alternative zu nutzen.

Das nährt gleich wieder den Verdacht, der Bau stürze sich bewusst auf billige Arbeitskräfte für Handlangerjobs statt in deutsche Lehrlinge zu investieren.

Das würde vielleicht in anderen Branchen funktionieren, nicht aber am Bau.

Warum nicht?

Weil die Kosten, sich mit Azubis aus Asylherkunftsländern zu befassen, relativ hoch sind: von der Suche nach geeigneten Leuten über Meldeformalitäten und andere Bürokratie bis hin zu Sprachkursen.

Werden solche Kurse nicht mit öffentlichen Geldern gefördert?

Ja, aber damit sind viele andere Probleme noch nicht gelöst – bis hin zur Bleibeperspektive. Unternehmen lassen sich nicht leichtgläubig auf Flüchtlinge ein, ehe alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Auch beim Arbeitsschutz geht keiner ein Risiko ein.

 

 

Weil sich Großbetriebe billigerer Subunternehmen bedienen, spricht aber dort maximal noch der Polier Deutsch.

Das kann vereinzelt bei großen Projekten so sein, auch das ist ein Resultat des Fachkräftemangels. Ein Betrieb, der Qualität abliefern muss, hat grundsätzlich kein Interesse an Billigarbeit.

Hat der Bau ein Imageproblem?

Das hat er dauerhaft. Die Auswirkungen der Baukrise sind hier immer noch zu spüren. Der Bau ist sichtbar, hörbar, dreckig, und meist draußen. Bauen ist erst auf den zweiten Blick sexy.

Wie wollen Sie die Jugend für Jobs begeistern, die nicht nur bei Hitze anstrengen und im Osten meist mit Mindest- statt Tariflohn abgegolten werden.

Man muss Bauen erklären. Man kann monoton bei Neonlicht in einer Fabrik stehen oder aber auch abwechslungsreich draußen einer zunehmend technisierten und digitalisierten Arbeit nachgehen. Außerdem: Geschaffene Werte werden noch Jahrzehnte später wahrgenommen und machen stolz. Zudem liegt der Bau-Mindestlohn um ein Drittel über dem gesetzlichen Mindestlohn, und die größeren Ost-Industriebetriebe zahlen meist den höheren Tariflohn ab 13,77 Euro.

Anders im Handwerk: Im Westen erhalten Fachleute mindestens 15,20 Euro, im Osten sind es drei Euro weniger.

Ich will nicht für das Baugewerbe reden, in der Industrie spielt die Untergrenze kaum eine Rolle. Es ist sicher eine Frage der Wertschätzung – aber auch der Produktivität.

Die Gewerkschaft fordert auch im Osten den Facharbeiter-Mindestlohn, die West-Arbeitgeber wollen ihn aber bei sich abschaffen.

Die Logik eines Mindestlohns muss es doch sein, eine Untergrenze zu bilden und nicht zwei. Abgesehen von dieser Plausibilität müssen die Arbeitskräfte nach Kriterien eingruppiert werden. Da sind die Grenzen so fließend, dass man bei Kontrollen oft Schwierigkeiten bekommt. Schon wegen der Bürokratie war es richtig, den Facharbeiter-Mindestlohn Ost abzuschaffen, und er sollte nicht wiederkommen.

Sachsens Bauazubis erhalten mit 705 Euro im ersten bis 1.270 Euro im vierten Lehrjahr weit mehr als die jüngst festgelegte Mindestausbildungsvergütung.

Die Tarifpartner vom Bau haben sich auf attraktive Entgelte geeinigt – ohne Einflussnahme der Politik. So sollte es sein. Nur zu fordern, ohne auf die Leistungsfähigkeit zu achten, kann nicht der richtige Weg sein.

Flexibilisierung nicht nur aus Arbeitgebersicht – Liebe statt Geld auch am Bau?

Work-Life-Balance macht natürlich vor dem Bau nicht halt. Jedoch sind die Möglichkeiten am projekt- und terminbezogenem Bau viel Logistik und Just-in-time-Anlieferung begrenzt. Das würden Bauherren aus Kostengründen auch nicht mitmachen.

Was halten Sie von Schlechtwettergeld bei zu schönem Wetter, sprich Hitze?

Am Ende muss alles finanziert werden. Ohne den Arbeitsschutz aus dem Blick zu verlieren, ist es wichtiger dass man die zwei, drei Monate Ausfallzeit im Winter gut abdeckt – denn der kommt, im Gegensatz zu Hitzeperioden von 35 oder 40 Grad, immer.

Ein Lustkiller ist auch die oft zu große Entfernung zu den Berufsschulen?

Ich kann nachvollziehen, wenn die Verantwortlichen Schulen auf dem Land mangels Schülern zusammenlegen. Aber das macht es noch schwieriger, junge Leute für eine Lehre zu begeistern. Diesen Mehraufwand kompensiert auch das jetzt auf den Weg gebrachte Azubiticket nicht. Die Kosten sind nur ein Teilaspekt. Man muss auch mal darüber nachdenken, ob man mit kleineren Klassen dennoch in der Fläche bleibt. Das ist eine politische Aufgabe für die Zukunft.

Wäre es nicht schlau gewesen, eine Werbekampagne wie „Bau Dein Ding“ gemeinsam mit der IG BAU zu machen und so die Strahlkraft zu erhöhen?

Für diese Imagekampagne gab es keine Absprachen. Wir haben sie von den Kollegen aus Baden-Württemberg übernommen. Mit der Gewerkschaft wäre die Strahlkraft nicht automatisch höher gewesen.

Letztlich geht es immer ums Geld. Nur die Hälfte der Ost-Bauleute bekommen Tariflohn. Sieht sich der Verband auch im Eigeninteresse in der Pflicht, etwas für eine höhere Tarifbindung zu tun?

Ein ganz klares Ja. Wir verteufeln keinen, der sich dagegen entscheidet, aber wir sind ein Tarifverband. Dazu stehen wir nicht nur, wir tun auch einiges dafür.

Nämlich was?

Zum Beispiel Firmen zu überzeugen, in unseren Verband zu kommen und sich der Tarifbindung anzuschließen. In Ostdeutschland gibt es noch immer eine gewisse Skepsis, sich an korporatistische Einrichtungen zu binden. Damit Tarifbindung sexy bleibt, müssen die Tarifparteien ihre Vorteile in den Vordergrund stellen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Tarifbindung nur für mehr Kosten steht. Aber auch hier sind die öffentlichen Auftraggeber in der Pflicht, nicht die billigsten, sondern die wirtschaftlichsten Angebote einzuholen.

 

Das Gespräch führte Michael Rothe.

Foto: © Slub/Deutsche Fotothek

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