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Bauern geben Amt die Schuld für weniger Blühwiesen

22.07.2020
Das sächsische Agrarministerium hat Umweltschutz-Ideen, der Bauernpräsident gibt sich frustriert.

Von Georg Moeritz

Der Mais steht gut auf den Feldern der Agrargenossenschaft Marbach in Leubsdorf: hohe grüne Halme in Sichtweite von Schloss Augustusburg. Vorstandschef Uwe Matthes hat nach zwei trockenen Sommern in diesem Jahr mehr Regen gemessen und rechnet nun mit einer besseren Ernte und mehr Futter für seine 450 Milchkühe. Der Landwirt aus Mittelsachsen zeigt auch gerne seine Weide am Waldrand vor, auf der Glockenblumen und Schafgarbe blühen. Schließlich kennt Matthes den Vorwurf, dass sich Monokulturen breitmachten. Auf seinen Feldern, sagt er, nehme Mais nur ein Viertel der Fläche ein.

Matthes hat voriges Jahr eine Grasmischung säen lassen, wo vorher Gerste wuchs, und seit Jahren nimmt er am Programm „Artenreiche Grünlandbewirtschaftung“ teil. Doch den Aufwand möchte er auch künftig bezahlt bekommen, und darin unterstützte ihn am Montag Sachsens Bauernpräsident Torsten Krawczyk. Bei einem Pressetermin auf der Weide kritisierte der Landesbauernverband einen Entwurf des sächsischen Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums für die künftige Vergabe von Subventionen.

Das Ministerium hat laut Landesbauernverband 53 Maßnahmen aufgelistet und Bedingungen formuliert, unter denen es künftig Extra-Zuschüsse geben kann – von der „Biotoppflegemahd mit Erschwernis“ bis zum „Schwarzbrachestreifen am Feldrand“. Aus Sicht des Landwirts Matthes ist das Konzept „unübersichtlich“. Er könne keinen roten Faden erkennen. Er sehe die Anforderungen steigen und wisse nicht, welche er davon in einigen Jahren noch erfüllen könne. Werden irgendwann Prüfer seine Blühpflanzen nachzählen und ihm die Schuld geben, wenn eine Pflanzenart weniger als verlangt auf der Weide wächst? Das könne auch durch Trockenheit oder Frost passieren.

Laut Bauernverband stehen im Entwurf des Ministeriums zum Teil höhere Anforderungen an die Bauern, als sie bisher sogar für Bio-Landwirtschaft vorgegeben waren. Präsident Krawczyk hält es daher für möglich, dass sich künftig weniger Bauern an den Agrarumweltprogrammen beteiligen – wenn es sich nicht mehr lohne. Dabei sah Krawczyk den Umwelt-Einsatz seiner Kollegen gerade auf gutem Weg: Nach vielen Demonstrationen und Forderungen zu Tierschutz und Vermeidung von Nitrat und Pflanzenschutzmitteln sagt er, dass viele sächsische Bauern gerne „ökologisch attraktiver werden“ wollten.

Was hat die Lerche davon?

Krawczyk wurde voriges Jahr zum sächsischen Bauernpräsidenten gewählt, auch der Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) kam neu ins Amt. Nach ersten Gesprächen betonten beide, dass sie gut und sachlich zusammenarbeiten. Doch nun äußerte sich Krawczyk „frustriert“. Die Kritik an den Landwirten werde nicht weniger, sie wollten aber in ihren Bemühungen ernst genommen werden.

Laut Krawczyk ist der Entwurf aus dem Ministerium ein „Riesen-Blumenstrauß an sehr speziellen Maßnahmen“. Manche gut gemeinte Vorschrift bringe sogar Nachteile für die Umwelt – die Düngeverordnung zum Schutz des Wassers könne dazu führen, dass weniger Humus gebildet werde. Krawczyk betont: „Wenn man in der Natur etwas bewegen will, muss eine Strategie dahinterstehen und Nachhaltigkeit.“

Der Bauernverband klagt, seine eigenen Vorschläge von vor einem Jahr seien zunächst gar nicht berücksichtigt worden. Ministeriumssprecher Robert Schimke dagegen sagte der Sächsischen Zeitung auf Nachfrage, grundsätzlich fänden alle Stellungnahmen Berücksichtigung. Die kritisierte Liste mit Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen sei ausdrücklich ein „Entwurf“. Der Bauernverband wie andere Verbände hätten Stellungnahmen eingereicht, man sei im Gespräch. Noch wisse niemand, wie viel Geld der EU künftig verteilt werden könne und welche Öko-Vorgaben Brüssel mache („Green Deal“).

Der Bauernverband kritisiert beispielsweise, starre Terminvorgaben in dem Entwurf berücksichtigten nicht, dass in Nordsachsen früher geerntet werde als im Erzgebirge. Laut Ministerium sind dabei „hohe Kontrollanforderungen“ der EU zu berücksichtigen, doch man spreche über praktikable Lösungen. Ausführlich diskutiert worden sei auch schon die Kritik der Bauern an der Förderung von „Feldlerchenfenstern“. Damit ist ein Stück Wildwuchs inmitten eines Getreidefeldes gemeint. Laut Bauernverband haben die Lerchen nichts davon, laut Ministerium wird darüber noch gesprochen.

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