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"Bei Bosch sind Mensch und Maschine ein Team"

08.06.2021
Im Interview mit Sächsische.de erklärt Harald Kröger, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, warum das Werk in Dresden zu den modernsten weltweit gehört.

Herr Kröger, was bedeutet der Tag der Eröffnung des Halbleiterwerks in Dresden für Sie persönlich. Haben Sie immer daran geglaubt, dass das Werk trotz der Corona-Pandemie planmäßig starten kann?

Der Tag bedeutet für mich große Freude, weil das Team vor Ort in Dresden – auch im Schulterschluss mit unserm Halbleiterwerk in Reutlingen – hier Großes geleistet hat. Genau vier Jahre nach der offiziellen Bekanntgabe unseres Bauvorhabens im Juni 2017 können wir sagen, dass erste Chips für Elektrowerkzeuge von Bosch noch im Juli die Fertigung in Dresden verlassen – ein halbes Jahr früher als geplant. Darauf sind wir alle bei Bosch sehr stolz.

Das Ziel war, eine der modernsten Halbleiterproduktionen weltweit aufzubauen. Ist dieses Ziel erreicht worden und woran lässt sich dies erkennen?

Maschinen, die mitdenken; Wartungen aus 9.000 Kilometern Distanz; Brillen mit eingebauten Kameras – hier in Dresden entsteht eines der modernsten Halbleiterwerke der Welt. Was die Fabrik so besonders macht, ist das Zusammenspiel von zwei technologischen Ansätzen: künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge. Basis dafür ist, dass jede der rund 100 Maschinen und Anlagen im 10.000 Quadratmeter großen Reinraum elektronisch miteinander und mit der komplexen Gebäudeinfrastruktur über eine Datenzentrale vernetzt ist. Diese zentralisierte Datenarchitektur in unserer Waferfab ist eine ihrer größten Stärken. Mit Methoden der künstlichen Intelligenz lernen selbstoptimierende Algorithmen, aus den Daten der Maschinen Vorhersagen zu treffen. So lassen sich Vorgänge in Echtzeit analysieren, ohne die empfindlichen Fertigungsprozesse zu stören.

Gibt es noch andere Merkmale?

Weitere Besonderheiten im neuen Bosch-Werk sind die Arbeit mit smarten Datenbrillen und dass das es sogar zweimal existiert – einmal in der realen Welt und einmal in der digitalen. Man spricht hier vom „digitalen Zwilling“. Damit lassen sich beispielsweise Prozessoptimierungen, aber auch Umbauarbeiten simulieren, ohne in die laufende Fertigung einzugreifen.

Derzeit arbeiten in Dresden rund 250 Mitarbeitender geplant sind 700. Angesichts dieser fast komplett automatisierten Produktion fragt man sich, ob wirklich 700 Arbeitsplätze entstehen. Bis wann soll dies erreicht sein?

In der Chipfabrik von Bosch sind Mensch und Maschine ein Team. Das war uns bereits bei Baubeginn wichtig. Im Reinraum geschieht zunächst fast alles automatisiert: ein Transportsystem bringt die Wafer von einem Bearbeitungsschritt zum nächsten, Roboterarme tauchen sie in Flüssigkeiten und riesige Mikroskope untersuchen sie am Ende selbstständig. Ein KI-Algorithmus erkennt dabei selbst kleinste Fehler, die durch spezifische Fehlerbilder, sogenannte Signaturen, auf dem Wafer sichtbar werden. Wird er fündig, greifen unsere Mitarbeiter ein: Sie analysieren die Ursache und treffen eine Entscheidung, wie der Fehler behoben wird. Denn egal, wie fortgeschritten die Technik ist – am Ende zählt immer noch der Faktor Mensch.

Aber brauchen Sie dafür 700 Beschäftigte?

Die Mannstärke von 700 Mitarbeitern planen wir für den Endausbau der Fabrik unter voller Auslastung. Aktuell konzentrieren wir uns darauf, die Produktion der ersten Technologien in Dresden zu starten, hochzufahren und in den nächsten Monaten erste Kunden mit Chips aus unserer Fabrik zu beliefern. Wann weitere Schritte zum Ausbau erfolgen, folgt zu gegebener Zeit.

Kann die Chipfabrik in Dresden zur Entlastung auf dem weltweiten Halbleitermarkt beitragen?

Jeder Chip, der aktuell mehr produziert wird, hilft. Mit unserer neuen Waferfab in Dresden erweitern wir unsere Fertigungskapazitäten für die immer größeren Anwendungsfelder von Halbleitern. Die Produktion in Dresden startet bereits im Juli – ein halbes Jahr früher als geplant. Ab dann kommen die im neuen Werk produzierten Halbleiter in Bosch-Elektrowerkzeugen zum Einsatz. Für den Bedarf der Automobilindustrie beginnt die Chip-Produktion im September und damit ein Vierteljahr früher als geplant.

Europa liegt im Wettbewerb mit Asien und den USA zurück. Die EU-Kommission will eine europäische Halbleiterallianz schmieden. Welche Perspektiven sehen Sie für den Standort Dresden?

Europa muss mit anderen Weltregionen technologisch auf Augenhöhe bleiben und für die Digitalisierung konsequenter denn je in resilienten Wertschöpfungsketten denken und handeln, das hat uns gerade auch Corona gezeigt. Eine souveräne Fertigungsstrategie zählt ebenso dazu wie Technologieoffenheit und schützenswerte Innovationen. Das „Silicon Saxony“ ist Europas größter Mikroelektronik-Standort und der fünftgrößte weltweit. Jeder dritte in Europa produzierte Chip wird hier gefertigt. Dafür bietet die Region optimale Bedingungen und über eine gute Infrastruktur mit kurzen Wegen und guten Anbindungen. Bosch hat sich daher bewusst entschieden, die größte Einzelinvestition in seiner mehr als 130-jährigen Geschichte hier in der Region zu tätigen.

Das Gespräch führte Nora Miehtke

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