asse.jpg

Bekommen Sachsens Sparkassenchefs zu viel Geld?

01.12.2019
Die AfD-Landtagsfraktion wirft den Vorständen exorbitante Gehälter vor. Ein Faktencheck.

Der Vorwurf kommt immer wieder: Schon vor sieben Jahren klagte SPD-Wahlkämpfer Peer Steinbrück, nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen erhalte mehr Geld als die Kanzlerin. Nun hat der sächsische AfD-Landtagsabgeordnete Rolf Weigand das Thema aufgegriffen und in einer Pressemitteilung geschrieben, die Jahresgehälter der sächsischen Sparkassenvorstände lägen zwischen 300.000 Euro im Muldental und 700.000 Euro bei der Ostsächsischen Sparkasse Dresden. Weigand schreibt, einfache Schalter-Angestellte würden mit kargem Lohn abgespeist, während die Vorstände „das Zwanzig- bis Dreißigfache“ kassierten. Zudem würden die Sparkassen überall in Sachsen ihre Filialen schließen. Wenn man sparen wolle, dann an nicht notwendigen Vorstandsposten. Stimmen die Vorwürfe?

Richtig ist, dass viele Filialen geschlossen wurden – aber nicht überall. In Sachsen gab es laut Ostdeutschem Sparkassenverband im Jahr 2000 noch 911 Sparkassenzweigstellen mit Mitarbeitern. 2014 waren es 543, im vergangenen Jahr 476. Doch die Dresdner Sparkasse verweist darauf, seit Jahren konstant genau 100 Filialen zu betreiben. Die Bautzener hat 23, wie vor fünf Jahren. Der Dresdner Sprecher Andreas Rieger sagte der Sächsischen Zeitung, außerdem seien fünf Sparkassenmobile mit 86 Haltepunkten außerhalb Dresdens unterwegs. „Wir machen Angebote, der Kunde entscheidet, ob und wie er sie nutzt.“

Filialen seien bei vielen Kunden nicht mehr gefragt, sagt Verbandssprecherin Cosima Ningelgen. Die Sparkasse Mittelsachsen hat vor Kurzem angekündigt, 16 ihrer 43 Geschäftsstellen zu schließen. Auch Banken geben Räume auf: Vor wenigen Tagen hat die jüngst fusionierte Volks- und Raiffeisenbank Dresden-Bautzen Filialschließungen angekündigt: Die Standorte Radeburg, Bernsdorf und Guttau werden ganz geschlossen. In Altenberg und Neukirch gibt es Beratung nur noch nach Terminvereinbarung, und in Dresden-Cossebaude, Wilthen und Königswartha steht künftig nur noch der Automat bereit.

Die Gehälter mancher Sparkassenchefs sind tatsächlich höher als das der Bundeskanzlerin mit ihren rund 352.000 Euro. Zwar stehen in den Geschäftsberichten der sächsischen Sparkassen nicht die Gehälter pro Kopf. Doch die Dresdner Sparkasse hat voriges Jahr 2,121 Millionen Euro für ihre drei Vorstandsmitglieder ausgegeben. Im Durchschnitt bekam dort also jeder 700.000 Euro brutto, in der Regel der Vorsitzende etwas mehr als die beiden anderen. Bei der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien gab es für die beiden Vorstandsmitglieder zusammen 935.000 Euro, in Döbeln nach Angaben für 2017 für beide Vorstandsmitglieder zusammen 715.000 Euro.

Verdi beobachtet Eingruppierung

Die Höhe der Vorstandsbezüge wird laut Finanzminister Matthias Haß (CDU) vom Verwaltungsrat jeder Sparkasse festgesetzt – darin sitzen Vertreter der Landkreise und Städte und Beschäftigtenvertreter. Laut Sparkassenverband werden die Vorstände „branchenüblich“ bezahlt. Die Unternehmensberatung PWC hat vor wenigen Tagen eine Auswertung von Chef-Gehältern veröffentlicht. Demnach verdienen Vorstände und Geschäftsführer von mittleren Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 50 und 500 Millionen Euro im Mittel 295.000 Euro pro Jahr, Chefs von GmbHs im öffentlichen Sektor 178.500 Euro. Größere Unternehmen zahlen ihren Chefs im Mittel eine halbe Million. Der Dresdner Sparkassen-Sprecher Rieger sagt, Die Vorstände des Instituts mit mehr als 600.000 Kunden trügen große Verantwortung für die Region. Eine „Neiddiskussion“ mache er nicht mit. Eines der drei Vorstandsmitglieder einzusparen sei bei einer Sparkasse dieser Größe nicht erlaubt.

Falsch ist laut Rieger die Aussage, die Vorstände bekämen das 20- bis 30-Fache eines Schalter-Angestellten. Niemand gehe dort nur „mit 30.000 Euro brutto im Jahr nach Hause“. Auch die Bautzener Sparkassen-Sprecherin Elke Bauch widerspricht dem AfD-Text und schreibt: „Unsere Mitarbeiter im Service erhalten laut Tarif durchschnittlich 41.300 Euro brutto.“ Der Personalaufwand der Sparkasse Meißen lag voriges Jahr bei 22,3 Millionen Euro, das sind rechnerisch für jede Vollzeitstelle über 75.000 Euro – allerdings mit Lohnnebenkosten. In Döbeln ist es kaum weniger. Laut Gewerkschaft Verdi gilt ein Tarifvertrag, der für eine reine Servicekraft je nach Dienstalter und Gruppe typischerweise 2.739 bis 3.173 Euro brutto im Monat vorsieht und ein 13. Monatsgehalt – das passt zu den Bautzener Angaben. Allerdings sagt die Verdi-Sprecherin, die Gewerkschaft habe bei vielen Sparkassen die richtige Eingruppierung gemeinsam mit Arbeitnehmervertretern erst durchsetzen müssen.

 

Von Georg Moeritz

Foto: © dpa/Julian Stratenschulte

Weitere Artikel

Abschied nach fast 700 Konzerten

Abschied nach fast 700 Konzerten

Ohne Eckhard Brähmig gäbe es das Festival Sandstein und Musik nicht. Dabei sagt er selbst: Ich bin unmusikalisch. Jetzt geht der Geschäftsführer in den Ruhestand.

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
Uhrenfirmenchefs vor Gericht

Uhrenfirmenchefs vor Gericht

Den beiden Männern aus Glashütte wird vorgeworfen, eine Insolvenz verschleppt zu haben.

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
Kretschmer besorgt um Kohlekompromiss

Kretschmer besorgt um Kohlekompromiss

Der Erfolg des Kenia-Bündnisses wird auch davon abhängen, wie in Berlin Politik gemacht wird. Und da hat man in Sachsen Sorgen.

Wie Firmen von künstlicher Intelligenz profitieren können

Wie Firmen von künstlicher Intelligenz profitieren können

In Sachsen nutzen bisher nur wenige Unternehmen die Schlüsseltechnologien der Zukunft. Damit sich das ändert, entstehen neue Netzwerke.

Dresden