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"Bin gern Vorbild dafür, dass es jeder schaffen kann"

20.12.2021
Obwohl ihm ein Unterarm fehlt, hat der Dresdner Frank Kleine die Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker gemeistert. Nun gibt er Wissen und Motivation weiter.

Von Henry Berndt 

Dresden. So eine Prothese ist nicht immer nützlich. Für die Arbeit an der Fräsmaschine nimmt Frank Kleine sie meist ab. "Mit dem Stumpf habe ich mehr Feingefühl", sagt der 31-jährige Dresdner, dem von Geburt an der linke Unterarm fehlt.

Beim neuesten Prothesen-Modell kann er mit der anderen Hand die Finger bewegen, zum Beispiel, um etwas zu greifen. Als Kind trug er dagegen zunächst nur eine Schmuckprothese und später eine mit elektrischer Steuerung, die sich allerdings schon wegen ihres hohen Gewichtes nicht bewährte.

Welche Variante auch immer gerade die beste zu sein schien - aufgehalten hat ihn sein Handicap im Leben noch nie. "Meine Eltern haben mich zum Glück nicht in Watte gepackt", sagt er. "Schon früh haben sie mir klargemacht, dass ich alles probieren sollte und meine eigenen Lösungen finden kann." Ganz selbstverständlich sei er Roller gefahren und später Fahrrad. "Kann ich nicht, gibt es nicht."

Keine Chance auf dem freien Markt

Das gilt auch für seinen Beruf. Ohne jemals an seinem Erfolg zu zweifeln, ließ sich Frank Kleine ab 2005 im SRH Berufsbildungswerk Dresden zum Zerspanungsmechaniker ausbilden. Eigentlich wollte er Erzieher werden, doch die Arbeitsagentur weckte damals sein Interesse am Handwerk. Sein logischer Weg führte dann zum SRH, denn die Ausbildung in einem Unternehmen schien für ihn ausgeschlossen zu sein.

Seit inzwischen 30 Jahren bietet das Berufsbildungswerk Dresden berufliche Erstausbildung für Jugendliche mit körperlichen und psychischen Einschränkungen an, die auf dem freien Markt sonst kaum eine Chance hätte. Für viele der jungen Leute wird der weitläufige Campus in Trachenberge zum Lebensmittelpunkt auf Zeit. Sie wohnen hier, arbeiten hier und erhalten außerdem ärztliche und physiotherapeutische Betreuung.

Derzeit können im Bildungswerk 20 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe erlernt werden. Neben Bauzeichner, Steuerfachangestellter und Kaufmann im Büromanagement gehört auch Zerspanungsmechaniker dazu, ergänzt um eine niederschwelligere Ausbildung zum Fachpraktiker für Zerspanungsmechanik.

Wie war das noch gleich mit der T-Nut? Frank Kleine (l.) hilft Azubi Eddi Schwenke gern an der Fräsmaschine weiter.
Wie war das noch gleich mit der T-Nut? Frank Kleine (l.) hilft Azubi Eddi Schwenke gern an der Fräsmaschine weiter. © Christian Juppe

In der Werkstatt auf dem Gelände wird gefräst und gedreht. Insgesamt 18 Maschinen stehen hier und an vielen sind gerade Auszubildende konzentriert bei der Sache. Manchmal sind bis 16 junge Leute gleichzeitig am Werk. Zum Einsatz kommen vor allem Aluminium und Stahl, aber auch PVC und Messing.

In anderthalb Meter langen Stücken liegen die Rohlinge im Regal. Die zahlreichen Bauteile, die in der Werkstatt daraus entstehen, werden allerdings niemals irgendwo genutzt werden. Nur selten gibt es Aufträge aus der Wirtschaft, doch das stört hier niemanden. "Wichtiger ist das, was die jungen Leute hier lernen", betont Frank Kleine. Er ist nun nicht mehr der Lehrling, sondern der Mann im grünen Kittel. Am 1. Mai dieses Jahres ist er ins SRH zurückgekehrt und nun als Ausbilder für den Bereich Metall verantwortlich.

Elf Jahre lang bei Maschinenbauunternehmen

Kleine erinnert sich noch gut daran, wie er selbst an den Maschinen seine ersten Übungen machte und wie er das Bildungswerk nach dreieinhalb Jahren und bestandener IHK-Prüfung stolz verließ, weil er direkt im Anschluss einen Vertrag bei einem Maschinenbauunternehmen in Niederwartha unterschreiben konnte. "Der Chef dort war anfangs noch skeptisch, welche Leistung ich trotz des fehlenden Arms bringen kann", sagt er. Allerdings habe er die Zweifel an seinen Qualitäten rasch beseitigen können. Elf Jahre lang arbeitete er für den Betrieb, zuletzt unter anderem an der CNC-Fräsmaschine.

Als Ende vergangenen Jahres die Stelle im Bildungswerk ausgeschrieben wurde, traf das genau seine Vorstellungen vom nächsten Schritt. Klar, steht er jetzt nicht mehr so häufig selbst an den Maschinen. Dafür kann er nun auch ein klein wenig Erzieher sein. Lehrer auf jeden Fall - nicht nur fachlich gesehen.

Jugendliche, denen anfangs womöglich noch das Selbstbewusstsein fehlt, trotz kleinerer und größeren Schwächen ihren eigenen Weg zu gehen, treffen hier auf einen Ausbilder mit nur einem Arm, der ihnen allein dadurch zeigt, was alles möglich ist. "Ich bin gern Vorbild dafür, dass es jeder schaffen kann", sagt Frank Kleine. "Auch dafür bin ich hier."

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