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Birkenstock peilt in Bernstadt 1.000 Mitarbeiter an

29.09.2021
Das Werk in Bernstadt hat 30. Geburtstag gefeiert. Ein Blick auf Erreichtes, Zukunftsziele, Knackpunkte und Gerüchte um den Besuch eines TV-Teams.

Von Anja Beutler 

In Erfolgszeiten einen runden Geburtstag zu feiern, macht doppelt Spaß. Kein Wunder also, dass die Stimmung beim Bernstädter Birkenstock-Werk entsprechend ausgelassen war. Seit 30 Jahren produziert das Unternehmen in den früheren Lautex-Hallen auf dem Eigen. Mit 40 bis 50 Angestellten am Anfang war damals das Arbeiten wortwörtlich "gemütlich", erinnert sich auch Ramona Kühnel, die schon bei den Birkenstock-Anfängen mit dabei war und heute Betriebsratsvorsitzende im Bernstädter Werk ist. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, sieht man nicht nur - aber auch - an den Mitarbeiterzahlen vor Ort. Und die sollen weiter nach oben gehen.

Betriebsratsvorsitzende Ramona Kühnel (vorn, Zweite von rechts) erklärt beim Rundgang am vergangenen Sonnabend im Birkenstock-Werk die Arbeitsabläufe. Mit dabei: Birkenstock-Pressesprecher Jochen Gutzy und Werkleiter Andreas Schulz (von links).
Betriebsratsvorsitzende Ramona Kühnel (vorn, Zweite von rechts) erklärt beim Rundgang am vergangenen Sonnabend im Birkenstock-Werk die Arbeitsabläufe. Mit dabei: Birkenstock-Pressesprecher Jochen Gutzy und Werkleiter Andreas Schulz (von links). © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Rund 850 Mitarbeiter hat Birkenstock in Bernstadt aktuell. Davon sind 350 bis 380 Leiharbeiter, zählt der geschäftsführende Werksleiter Andreas Schulz auf. "Bis Jahresende wollen wir weitere 100 Leiharbeiter in feste Anstellungsverhältnisse übernehmen", betont er. Natürlich habe sich der Betriebsrat da noch mehr gewünscht, sagt er mit einem Blick zu Frau Kühnel. Aber man müsse Stück für Stück wachsen. "Wir werden bald - wahrscheinlich in den nächsten drei Jahren - 1.000 Mitarbeiter haben", sagt Schulz.

Neues Konzept für Ausbildung und interne Weiterbildung

Deshalb setzt Birkenstock jetzt - neben den Ausbildungsangeboten für Schulabgänger - auf eine neue, interne Weiterbildungsstrategie: "Wir werden hier in Bernstadt ein Trainingszentrum aufbauen, in dem Leiharbeiter über sieben Wochen von Theorie bis Praxis alles Wichtige lernen", erklärt der Werksleiter. Damit will das Unternehmen zum einen gute Leute halten und zum anderen die Qualität sichern, denn Birkenstock ist derzeit auf Wachstumskurs und verfolgt ehrgeizige Ziele. Das liegt vor allem am neuen Mehrheitseigner, der französisch-amerikanischen Beteiligungsgesellschaft L Catterton Partners, die für Luxusmarken wie Dior oder Louis Vuitton steht. Mit ihm will Birkenstock neue Märkte erschließen. "Unser Partner hat uns gerade wegen unserer Qualität made in Germany ausgewählt", betont Birkenstock-Sprecher Jochen Gutzy.

Ob eben jener neue Mehrheitseigner oder gar vermeintliche Missstände im Bernstädter Werk der Grund waren, dass dieser Tage ein französisches Fernsehteam vor der Tür abgewiesen wurde, wurde zuletzt durchaus spekuliert. Nach SZ-Informationen hätten sich Journalisten von TV5 heimlich im Wagen eines polnischen Mitarbeiters einschmuggeln lassen wollen. Birkenstock-Sprecher Jochen Gutzy winkt ab: "Die Journalisten standen unangemeldet vor dem Tor und wollten innen drehen. Dabei ging es wohl um die Bundestagswahlen und die politische Lage, gar nicht um uns als Unternehmen", sagt er.

30 Jahre Birkenstock in Bernstadt: Das Unternehmen hat sich vor allem in den vergangenen acht Jahren stark verändert - vor allem mit Blick auf die Arbeitsabläufe. Effektivität und Produktion in Linien sind jetzt Normalität. Viele Mitarbeiter brachten zum Jubiläum ihre Familien mit, um ihnen ihren Arbeitsplatz zu zeigen.
 
Normalerweise wäre auch am Sonnabend volle Betriebsamkeit im Bernstädter Werk - hier arbeiten rund 850 Mitarbeiter, wovon rund die Hälfte aus Polen stammen. Für die Geburtstagsfeier waren nur einige Mitarbeiter am Arbeitsplatz, um die Tätigkeiten vorzuführen.
Normalerweise wäre auch am Sonnabend volle Betriebsamkeit im Bernstädter Werk - hier arbeiten rund 850 Mitarbeiter, wovon rund die Hälfte aus Polen stammen. Für die Geburtstagsfeier waren nur einige Mitarbeiter am Arbeitsplatz, um die Tätigkeiten vorzuführen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de
Ein Blick auf das Bernstädter Birkenstock-Werk von oben. Aktuell seien keine neuen Flächen vor Ort nötig, heißt es. Aber Birkenstock sucht gerade den Standort für ein ganz neues Werk in Deutschland aus.
 
 
 
 
 

Immer wieder aufkommende Gerüchte, dass der Umgang mit Leiharbeitern im Bernstädter Birkenstock-Werk Anlass zur Kritik gebe, weil sie oft von heut auf morgen abbestellt werden, kann Betriebsrats-Chefin aktuell nicht nachvollziehen. Auch die Frage, ob die Arbeitsbedingungen nicht gut genug seien - es vielleicht bei so vielen Mitarbeitern zu Platzproblemen komme - verneinen sowohl Ramona Kühnel als auch Andreas Schulz. Das sei vor allem auch durch das Schichtsystem nicht der Fall. Aktuell arbeite man dreischichtig und habe die rollende Woche.

Investitionen und mehr Innovationen aus Bernstadt

Mehr Platz, um das Bernstädter Werk zu erweitern, brauche man aktuell nicht, sagt Schulz, da gäbe es "aktuell kein Projekt". Dass die Stadt Bernstadt im Entwurf für einen Flächennutzungsplan weitere Gewerbeflächen unweit der Birkenstock-Hallen vorsehe, "sehen wir als ein positives Signal der Stadt", macht Pressesprecher Gutzy deutlich. Positiv sind auch die Zeichen, die Bernstadts Werks-Chef mit dem neuen Mehrheitseigner verbindet: "Ich habe momentan das Gefühl, da ist ein offenes Ohr für neue Technologien und Investitionen", schildert er und verweist darauf, dass in diesem Jahr bereits 1,8 Millionen Euro in die Renovierung und Erweiterung des Sozialgebäudes geflossen seien und noch in diesem Jahr weitere 3,4 Millionen Euro vor allem in Technologie und Logistik investiert werden sollen.

Millionen sind auch bereits in das Labor geflossen, das Birkenstock inzwischen in Bernstadt betreibt. Hier sind acht Mitarbeiter tätig, die all die chemischen Analysen machen können, die das Unternehmen früher an externe Labore vergeben hat. Das ist für die Qualität der Waren vor allem auf dem weltweiten Markt mit jeweils unterschiedlichen Bestimmungen, aber auch für die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter enorm wichtig.

Neue Errungenschaft für das ganze Birkenstock-Imperium: Das Labor in Bernstadt, in dem acht Mitarbeiter vor allem chemische Analysen der eingesetzten Materialien durchführen.
Neue Errungenschaft für das ganze Birkenstock-Imperium: Das Labor in Bernstadt, in dem acht Mitarbeiter vor allem chemische Analysen der eingesetzten Materialien durchführen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Tonangebend wolle man auch bei eher praktischen Entwicklungen für neue Fertigungstechniken oder Abläufe werden - beispielsweise auch für Orthopädieprodukte oder geschlossene Schuhe, wie sie Birkenstock zunehmend produziert. Schließlich sei die Oberlausitz mit ihren Produktionswerken das "Herz des Birkenstock-Universums", wie es Pressesprecher Gutzy einmal formuliert hat. Die modischen Neuheiten und Designs werden hingegen auf lange Sicht nicht in der Oberlausitz entwickelt.

Was sich "auf lange Sicht" so alles für die Mitarbeiter verändern wird, kann auch Betriebsratsvorsitzende Ramona Kühnel nicht abschätzen. Den rasanten Schritt, den Birkenstock in den vergangenen Jahren gemacht hat, kann aber auch sie manchmal kaum glauben: Allein mit der Restrukturierung des Unternehmens 2013 und der Zusammenfassung der vielen Einzelfirmen zu einer Unternehmensgruppe, änderte sich enorm viel: Fertigungslinien und effizientere Wege wurden eingeführt, Mitarbeiter mussten mehr Flexibilität zeigen.

Nicht allen gefiel das, bestätigt Frau Kühnel, "aber es ist eine Gewöhnungsfrage". Im Vergleich mit 2015/16 fertigt man in Bernstadt jetzt pro Tag mit 110.000 Paar Schäften die doppelte Menge als vor fünf, sechs Jahren. "Dabei hat sich für den einzelnen Mitarbeiter die Arbeitslast nicht unbedingt erhöht", erklärt Frau Kühnel. Nur drehe sich jetzt eben alles schneller.

Dass sich manches erst finden musste - das Miteinander von deutschen und polnischen Kollegen, der Umgang zwischen Werksleitung und Betriebsrat - daraus machen weder die Betriebsrats-Chefin noch Birkenstock-Sprecher Gutzy einen Hehl: "Es hat am Anfang geruckelt", sagt Gutzy. "Wir mussten uns erst kennenlernen", erklärt Frau Kühnel. Inzwischen aber gehe man professionell miteinander um.

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