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Birkenstock produziert in Görlitz für Luxus-Marke Dior

07.09.2022
Unter Geschäftsführer Hilmar Knoll hat sich das Görlitzer Werk zu einem der größten im Birkenstock-Verbund entwickelt. Sein Nachfolger kennt die Schuhbranche bestens.

Von Susanne Sodan

Birkenstock hatte mal wieder Grund zu feiern. Allerdings nicht in Görlitz, sondern in Pasewalk. Dort war Grundsteinlegung für ein neues Werk. Das hätte auch Görlitz gern gehabt.

Nach Pasewalk werden 16 Anlagen ziehen, die derzeit in Görlitz die Kunststoffschuhe herstellen. Also nicht die klassischen Birkenstocks aus Kork, Jute und Leder, sondern aus dem Kunstharz PU und dem Granulat EVA. Auf einer Gesamtfläche von 150.000 Quadratmetern entsteht das neue Werk. Eine Erweiterung, die so in Görlitz nicht mehr möglich gewesen wäre. Im Oktober 2023 soll die Produktion in Pasewalk starten, ein Schritt, den Hilmar Knoll, Geschäftsführer des Görlitzer Birkenstock-Standortes, jedoch nicht mehr begleiten wird. Er geht in den Ruhestand.

"Ein bisschen wehmütig wird mir langsam", sagt er. 45 Jahre lang arbeitete er in der Schuhbranche. Unter anderem für Adidas in Portugal. Vor acht Jahren wurde er zu Birkenstock abgeworben. Bewegte acht Jahre, erzählt er. Als er in Görlitz eintraf, sah es hier noch anders aus.

Die Produktion der Korksandalen soll in Görlitz verdoppelt werden. Der Kunststoff-Bereich zieht nach Pasewalk.

Die Produktion der Korksandalen soll in Görlitz verdoppelt werden. Der Kunststoff-Bereich zieht nach Pasewalk.© Birkenstock

"Heute wird auf unsere Ideen gehört"

450 Mitarbeiter hatte Birkenstock damals, der Standort war kleiner, "und Alsa war zu der Zeit noch hier", ein Tochterunternehmen. Schon damals entstand ein Großteil der Birkenstockschuhe in Görlitz, das war aber weniger bekannt. "Die Entwicklung fand in den westdeutschen Standorten statt", erzählt Knoll, "Görlitz hatte eher den Ruf der verlängerten Werkbank."

Im Laufe der Jahre wuchs das Werk deutlich, unter anderem mit einem Sozialgebäude und dem Outlet-Verkauf. Insgesamt sei es inzwischen technisch so ausgestattet, "dass wir hier alles machen können", sagt Hilmar Knoll, zum Beispiel voriges Jahr eine Linie in Kooperation mit Dior. Intern sei der Görlitzer Standort zum Vorreiter geworden. "Auf unsere Ideen wird gehört, das ist der Unterschied zu früher."

Ausschließlich schöne Zeiten waren es nicht. Unvergessen die Diskussionen um die Gründung von Betriebsräten an den Standorten Bernstadt und Görlitz. Die Zusammenarbeit mit den Betriebsräten habe immer gut funktioniert, sagt dagegen Knoll. Diskussionsbedarf gebe es immer wieder, "in einer Produktion wie dieser ist zum Beispiel Arbeitssicherheit ein wichtiges Thema." Bislang habe sich aber immer zusammen mit den Betriebsräten eine Lösung finden lassen. Ein Thema früher auch: der große Anteil von Zeit-Arbeitnehmern. Heute seien nur noch 15 Prozent der Mitarbeiter auf Zeit angestellt.

Gewinner der Corona-Krise

Dieser Anteil solle aber bleiben, sagt Mark Jensen, der bei Birkenstock die Produktionsabläufe in allen Werken kontrolliert, "einfach, damit wir etwas Spielraum haben." Um seinen Job brauche sich niemand Sorgen zu machen. Eher im Gegenteil. Die Personalfrage - ein Grund für das neue Werk in Pasewalk.

In den Görlitzer Lagerregalen stapeln sich Materialien und Kisten mit fertigen Schuhen bis unter die Decke. Der Bestand für zehn Tage, erklärt Jensen. "Wir gehören ganz klar zu den Gewinnern der Corona-Krise." Homeoffice-Zeit - Zeit für bequeme Schuhe. In den vergangenen zwei Jahren wuchs die Mitarbeiterzahl von etwa 1.000 auf 1.900. Die Nachfrage scheint auch jetzt nicht abgeflaut. Ein großer Teil der Schuhe wird in die USA geliefert. Gehe es nach der Nachfrage, könnte Birkenstock auch auf dem asiatischen Markt wachsen, erzählt Jensen, "aber wir haben wirklich nicht genug Kapazitäten dafür."

Platz und Personal: das neue Werk in Pasewalk

Das Görlitzer Werk bietet rund 1.900 Menschen einen Job und Auskommen.

Das Görlitzer Werk bietet rund 1.900 Menschen einen Job und Auskommen.© Birkenstock

So kam die Idee zu einem neuen Werk auf. Die Gelegenheit will das Unternehmen für eine neue Struktur nutzen: in Görlitz das Werk für die klassischen Birkenstocks, woanders das für die Kunststoffschuhe. 73 Standorte schaute sich Birkenstock an. Schließlich fiel die Wahl auf Pasewalk. "Wir ziehen dem Arbeitsmarkt nach", sagt Unternehmenssprecher Jochen Gutzy. 500 Bewerbungen aus der unmittelbaren Region Pasewalk seien inzwischen eingegangen. Mit rund 1.000 Mitarbeitern will das Werk starten. So viele seien in Görlitz einfach nicht mehr zu finden.

"Uns wurde ja manchmal vorgehalten", sagt Gutzy, "wir wären damals nur wegen günstiger polnischer Arbeitskräfte nach Görlitz gekommen. Dabei verdienen unsere polnischen Mitarbeiter dasselbe wie unsere deutschen." Dass sich in den vergangenen Jahren der Anteil polnischer Mitarbeiter erhöht hat, habe aber vor allem mit dem zunehmenden Fachkräftemangel zu tun. Ein generelles Problem: Die Oberlausitz ist im Strukturwandel. Statt Kohle ist in Zukunft mehr Wissenschaft geplant. Institute wie Casus oder das Fraunhofer Hydrogen Lab haben sich bereits in Görlitz angesiedelt. Weitere sollen folgen, gar ein Großforschungszentrum.

"Dem Kampf um Talente müssen wir uns alle stellen", sagt Mark Jensen. "Die richtigen Leute für die richtige Stelle zu finden, ist sehr schwer geworden. Allerdings ist das kein Problem, das nur die Oberlausitz hat." An den Standorten St. Katharinen und Köln sei es ähnlich. Birkenstock habe dabei das Glück, dass die vergangenen Jahre sehr gut gelaufen seien. "Als wir voriges Jahr zum Beispiel die Linie mit Dior produziert haben, waren alle stolz." Man dürfe als Firma nicht in Stereotype verfallen, sondern müsse auch für potenzielle Arbeitnehmer interessant bleiben. "Sonst verliert man dieses Spiel."

59 Millionen Euro – auch Görlitz kann feiern

Läuft alles wie geplant, braucht auch Görlitz in Zukunft weiter Arbeitnehmer. Denn der Standort soll ebenfalls ausgebaut und Korkkompetenzzentrum werden. 59 Millionen Euro will Birkenstock investieren.

Das Görlitzer Birkenstock-Werk nahm auch im vergangenen Jahr an der "Spätschicht" teil, bei der sich Firmen für Interessierte öffnen.

Das Görlitzer Birkenstock-Werk nahm auch im vergangenen Jahr an der "Spätschicht" teil, bei der sich Firmen für Interessierte öffnen.© Artjom Belan

Kurzfristig hat die Firma in Görlitz in den vergangenen Wochen bereits drei Millionen investiert: Die Energiekrise geht an dem Schuhhersteller nicht vorbei. Für das Pressen der Fußbetten etwa wird viel Energie aus Gas benötigt. "Und es betrifft auch unsere Materialzulieferer", erklärt Mark Jensen. Diverse Materialien seien um die 30 Prozent teurer geworden. Reagiert hat Birkenstock mit kurzfristigen Umrüstungen: Eine Solaranlage wurde installiert, die Fußbettpressen auf Ölbetrieb umgestellt, demnächst soll eine Luft-Wärme-Pumpe kommen. "Wir haben dabei das Riesenglück, ein gefragtes Produkt zu haben."

Neuer Chef – neue Herausforderungen

Die Zukunft des Werkes liegt nun in den Händen von Richard Cesar. Er ist seit 20 Jahren in der Schuhbranche und nun neuer Geschäftsführer des Görlitzer Standortes. In den vergangenen zehn Jahren war er bei Ecco für die Produktion in der Slowakei zuständig. Den Job habe er sehr gern gemacht, erzählt Cesar. Zuletzt habe er sich aber auch gefragt, was als Nächstes kommen könnte - er suche die Herausforderung.

Er und Mark Jensen kennen sich seit Längerem. "Wir wussten ja, dass Hilmar Knoll bald in den Ruhestand gehen würde", erzählt Jensen. Deshalb habe er international nach einem Nachfolger Ausschau gehalten. "Zu einem solchen Angebot sagt man nicht nein", meint Richard Cesar.

Damit er vergleichsweise nahe an Görlitz dran ist, zog er nach Liberec. Für seine beiden Kinder ist damit auch die Veränderung nicht ganz so groß, als wären sie ins deutsche Schulsystem gewechselt. "Ich bin jetzt Teilzeit-Görlitzer", sagt Cesar.

Hilmar Knoll hingegen geht zurück nach Bayern. Er ist begeisterter Läufer und hat sich immer für den Europamarathon engagiert. So wird es spätestens im Juni ein Wiedersehen mit ihm geben, beim nächsten Europamarathon.

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