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"Bitte nicht noch einen Lockdown"

26.01.2022
Nach der erneuten Corona-Zwangspause dürfen Fitnessstudios wieder öffnen. Wie es im My Gym in Kamenz jetzt läuft und was die Chefin besonders kritisiert.

Kamenz. Seit wenigen Tagen bewegen sich wieder die Geräte in den Fitnessstudios. An Kraftstationen, auf Laufbändern oder auf der Gymnastikmatte können die Mitglieder wieder etwas für ihre Gesundheit tun. Im wiederholten Lockdown hatte auch das „My Gym prime“ in Kamenz für zwei Monate geschlossen. Als die Schließung verfügt wurde, war der vorherige Lockdown noch kein halbes Jahr her.

Mittendrin hatte Sächsische.de damals vom neuen Konzept, von großen Investitionen, finanziellen Belastungen, schlaflosen Nächten und Zukunftsangst berichtet. Die lange Corona-Zwangs-Pause von Ende 2020 bis weit ins Jahr 2021 hinein ging an die Substanz, und Hilfsgelder kamen schleppend.

Ein knappes Jahr später, nach dem nächsten Lockdown, ist es mit den schlaflosen Nächten zwar etwas besser geworden, aber sie seien noch nicht vorbei, sagt Geschäftsführerin Dörte Panitz. „Wir wissen ja immer noch nicht, wohin der Weg geht.“ Diese Ungewissheit sei quälend. Das Sozialministerium habe deutlich zu verstehen gegeben, dass wieder geschlossen werden könnte. „Es ist wie ein Schwert, das ständig über uns schwebt.“

"Und wir wurden doch wieder geschlossen"

Das unternehmerische Konzept sei auf den Kopf gestellt, wenn man gar nicht mehr selbst über die Zukunft entscheiden, nicht mehr langfristig planen kann. Es sei umso frustrierender, „weil wir alles getan, alle Forderungen der Politik erfüllt und Tausende Euro investiert haben“.

Dörte Panitz zeigt auf Luftreinigungsgeräte, die das Lüftungssystem ergänzen, und zusätzliche Drehkreuze, um die Besucherzahlen gut kontrollieren zu können: „Mehr Sicherheit geht nicht, und wir wurden doch wieder geschlossen.“ Während für andere Branchen weniger strenge Regeln gelten würden. Vertrauen in eine verlässliche Politik stärke das nicht.

Innerhalb von zwei Jahren sei ihr Studio insgesamt zehn Monate geschlossen gewesen, sagt die Geschäftsführerin. Sie wisse von einigen Studios, die es nicht geschafft haben, die verkauft wurden oder den Betrieb eingestellt hätten. Die Option stehe für sie aber nicht, schon wegen der hohen Investitionen.

Testzentrum hilft, das Studio über Wasser zu halten

Ein glücklicher Umstand kam dazu: „Die Anfrage, ob wir Testzentrum werden wollen. Wir haben ,Ja‘ gesagt.“ Durch das Testzentrum sei das Unternehmen in dieser schwierigen Zeit zumindest in der Lage, sich finanziell über Wasser zu halten und die Verpflichtungen zu erfüllen, die Verluste wenigstens teilweise zu kompensieren. Die seien inzwischen im sechsstelligen Bereich.

Zu schaffen mache den Fitnessbetrieben und den Menschen überhaupt derzeit vor allem das Wirrwarr an Regeln in der neuen Corona-Schutz-Verordnung. Derzeit ist die Öffnung des Fitness-Zentrums an 2G-plus gekoppelt - geimpft oder genesen plus Test. Falls Mitglieder geboostert sind, entfällt der Test, bis auf einen freiwilligen pro Woche. Aber das seien derzeit nicht so viele.

"Es ist schwer, die Mitglieder wieder zurückzuholen"

Dafür hätten nun etliche Genesene jetzt plötzlich ihr Zertifikat verloren, quasi über Nacht, wenn die Erkrankung länger als drei Monate her ist. Ohne Übergangsfrist: „Das versteht keiner mehr“, sagt Dörte Panitz kopfschüttelnd.

So gebe es etliche Mitglieder, die abwinken und gar nicht erst kommen. Bei anderen fehle einfach der Impuls nach der Pause. So ist Dörte Panitz froh, dass immerhin 60 Prozent der Mitglieder trainieren kommen.

Gerade unter den Stamm-Mitgliedern hätten auch viele dem Neustart entgegengefiebert. „Das ist so“, sagt Rentner Erich-Peter Lachmann, der gerade ins Studio kommt. Er sei selbst schwer an Corona erkrankt gewesen, „ich dachte, ich überlebe es nicht". Er habe sich beim Training im Studio wieder aufgerappelt. Nun fange er wieder von vorn an. Denn zu Hause siege am Ende der innere Schweinehund.

Für Dörte Panitz ist das ein Argument, es finde aber in der Politik kein Gehör, sagt sie. Der Fitnessbereich, genauso auch die Sportvereine würden von einem Lockdown in den anderen geschickt. Manche Vereine würden nun kaum noch ihre Fußball-Jugendmannschaften zusammenbekommen. Denn es sei schwer, die Mitglieder wieder zurückzuholen. Im Fitnessstudio sei es ähnlich.

Kritik an restriktiven Regeln in Sachsen

Dabei sei gerade der Sport wichtig, um die Pandemie zu überwinden. „Training stärkt das Immunsystem, ist gut für den Körper, das Herz-Kreislauf-System und die Psyche,“ sagt Dörte Panitz. „Wir hatten unter unseren Mitgliedern niemanden, der durch Corona verstorben ist, darüber sind wir froh, weil auch viele Ältere Mitglieder sind." Sie verstehe aber nicht, warum in Sachsen als einzigem Bundesland so restriktive Regeln auch im Fitnessbereich galten.

Letztlich gehe es um die Existenz vieler Unternehmen. So habe ihr Fitness-Unternehmen in der Schließzeit auch an neuen Ideen gearbeitet. Nun weite man das medizinische Training im onkologischen Bereich aus - in Kooperation mit der Uni Köln. Damit werden Krebspatienten angesprochen. „Wir haben die Zeit genutzt, um Kooperationen zu Ärzten zu knüpfen." In Kamenz und Umgebung habe es so ein Angebot bisher noch nicht gegeben. "Es geht uns gut, wir kämpfen weiter", sagt Dörte Panitz und setzt hinzu: "Aber bitte nicht noch einen Lockdown.“

 

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