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Börsentag in Dresden: Zocken statt Strafzinsen

10.05.2022
Der Börsentag in Dresden zeigt, wie sich die Geldanlage-Welt seit Corona weitergedreht hat. Denn plötzlich hören die Alten auf die Jungen.

Von Heiko Weckbrodt

"Kann mir jemand sagen, was das ist?" Carlos Martins zeigt auf der großen Leinwand auf den Aktienindex DAX, der wie eine wild gewordene Fieberkurve durch einen eingemalten Kasten rast. Wie bestellt heizt hinter ihm an der verglasten Fassade gerade ein "eRockit"-Testfahrer auf einem elektrischen Turbofahrrad vorbei. "Ein Ausbruch", brummelt ein graumelierter Senior aus der dritten Reihe. "Richtig!" "Muss man da nicht ein Stop-Loss einbauen?", fragt ein anderer. "NEIN!" Der Finanzguru ist bei solchen Einwürfen ganz in seinem Element. Die ersten Börsenjünger hat er schon mal im Publikum gefunden. Die nächsten 40 Minuten erzählt der Gründer des Hamburger "TradersClub24" mit ausholenden Gesten von "Shorts" und "Longs", von Abpralllinien und Fallen, die er tagtäglich dem scheuen DAX aufstelle, um aus dessen wilden Tagesbewegungen Gewinn zu schöpfen.

Faszinierenderweise sind es vor allem die älteren Semester, die ihm beim "Ostdeutschen Börsentag" in Dresden besonders andächtig lauschen, wenn er übers Daytrading und Boxtrading redet, also jene Kunst, tagesaktuelle Schwankungen an den Börsen für profitable Transaktionen auszunutzen. "The Road to 1 Million" hat Martins eines seiner Referate übertitelt. Und dieser Traum, durch raffinierte Geldanlagen binnen kurzem zum Millionär zu werden, bewegt offensichtlich viele Menschen in Dresden und Sachsen: Rund 4000 Menschen sind am Sonnabend ins Kongresszentrum gekommen, um sich Tipps von den Profis abzuholen. Die meisten Besucher gehören zur Weißhaar-Fraktion. Aber auch Jüngere flanieren durch die Stände der Banken, Broker, Trader und Goldhändler. Da und dort sieht man Väter mit dem Baby in der Brust-Manduca oder ein Pärchen, das den Kinderwagen von einer Vortragsbühne hievt.

"Deutschland hat sich in den vergangenen zwei Jahren sehr verändert", meint Dennis Austinat von "eToro" beim Börsentag in Dresden. "Vor allem seit Corona legen die Deutschen, die früher immer als Aktienmuffel galten, ihr Geld viel stärker in Aktien an." Und das ist noch zurückhaltend formuliert. Online-Trading-Plattformen wie eToro haben vom Ansturm einer neuen Generation hochprofit-orientierter Kleinanleger enorm profitiert: Inflation und Strafzinsen auf Bankkonten sorgen dafür, dass der Druck zur riskanten Anlage wächst. Auch die älteren Semester haben das Geld längst vergessen, das sie um die Jahrtausendwende in der Dot-Com-Blase verloren haben. Seit dem Tiefstand von 2010 ist der Anteil jener Deutschen, die in Aktien anlegen, von knapp 13 auf über 17 Prozent gestiegen.

Gold? Lieber Tantal, Neodym, Yttrium

Zudem zocken heute die Hausfrau und der Rentner genauso selbstverständlich wie der Student bequem und hindernisarm per Smartphone-App an der Börse mit. "Die elektronischen Formate haben sehr zugenommen", sagt Börsentag-Veranstalter Dirk Mahnert von der B2MS GmbH, die vor 20 Jahren aus der "Interessengemeinschaft Börse" an der TU hervorgegangen war. "Durch Corona hat all das noch mal einen Schub bekommen." Denn viele hatten im Corona-Homeoffice Zeit und Geld genug übrig, um es mal mit etwas anderem als mit Bundesschatzbrief oder Sparbuch zu probieren. Viele investieren nicht nur in klassische Aktien, sondern in Kryptowährungen, Hebelgeschäfte, Leerverkäufe und andere hochspekulative Anlagen. Entsprechend umlagert waren beim ersten Präsenz-Börsentag seit der Corona-Pause nicht nur die alten Aktienfüchse und Marktanalysten, sondern auch die "Daytrader" und "Shortseller".

Neue ethische und technologische Akzente setzt dagegen die TU-Ausgründung "Illumino": Die vier Mathematiker veröffentlichen im Juni eine App, in der eine Künstliche Intelligenz (KI) die Anleger bei einer profitablen sowie werteorientierten Investitionsstrategie unterstützt, die Umweltbilanzen und Frauenanteile der Unternehmen berücksichtigt.

Ein paar Schritte weiter preisen dicht umlagerte Rohstoffhändler eine der ältesten Anlagen der Menschheitsgeschichte an: Gold und Silber. Neben diesen Klassikern rücken auch Metalle in den Anleger-Fokus, die zunehmend in der Schmuck- wie Hightechindustrie begehrt sind. Händler Heiko Groschwald vom Rohstoffhaus Radebeul zum Beispiel schwört auf Osmium – ein extrem dichtes und sehr teures Metall, das in der Medizintechnik gebraucht, aber auch immer häufiger anstelle von Diamanten in Ringe eingesetzt wird. In den vergangenen vier Jahren hat sich der Preis pro Barren mehr als verdoppelt. Daneben finden sich noch mehr aus dem Periodensystem: Tantal, Neodym, Yttrium… Wer da hinein investiert, sollte aber den passenden Safe haben: Geliefert werden diese Metall nicht etwa wie heutige Aktien zumeist elektronisch, sondern in physischer Form. Sprich: Man oder frau bekommt dann einen wenige Gramm leichten Barren im Wert mehrerer Tausend Euro in die Hand gedrückt – und sollte ihn dann gut verstecken. "So einen Barren können Sie dann ihren Enkeln mal als besonderes Erbstück vermachen", meint der Radebeuler mit einem Augenzwinkern und rückt seinen Musterkoffer so zurecht, dass alles hübsch blickt und glitzert.

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