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Bombardier-Verkauf: Das sind die Hürden

08.07.2020
Der französische Konzern Alstom will Bombardier kaufen und damit auch die Werke in Bautzen und Görlitz. Doch so einfach geht das nicht.

Von Tilo Berger 

Bautzen. Für die Bombardier-Werker in Bautzen und Görlitz fallen in den nächsten Tagen zwei wichtige Entscheidungen. Nicht in den Betrieben selbst, sondern ein paar hundert Kilometer westlich. Am Mittwoch tagt in  Saint-Ouen-sur-Seine, einem Vorort der französischen Hauptstadt Paris, die Hauptversammlung des Schienenfahrzeugbauers Alstom.

Das 1928 gegründete Unternehmen baut unter anderem den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV, aber auch Regionalzüge und Straßenbahnen. In Frankreich und in Tochterfirmen in rund 100 Ländern beschäftigt Alstom insgesamt etwa 35.000 Mitarbeiter. Die Aktien befinden sich in Streubesitz. Größter Aktionär mit einem Anteil von knapp 15 Prozent ist ein Baukonzern in Paris.

Die Anteilseigner  werden sich am Mittwoch mit vielen Zahlen und der Besetzung von Direktorenposten befassen, aber auch mit Tagesordnungspunkt vier: "acquisition of Bombardier Transport". Alstom möchte Bombardier Transportation kaufen und braucht dafür die Zustimmung der Aktionäre. Die dürfte Konzernchef Henry Poupart-Lafarge locker bekommen.

Französische Gewerkschaften haben Befürchtungen

Nicht so einfach wird es wohl mit dem Segen der Europäischen Union. Die Wettbewerbskommission der EU hat bei Firmenhochzeiten dieses Ausmaßes ein Wörtchen mitzureden. Die Frist dafür endet am 16. Juli, genau fünf Wochen, nachdem Alstom den beabsichtigten Kauf bei der EU angezeigt hat. Die Franzosen müssen damit rechnen, dass EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager aus Dänemark den Verkauf von einem oder mehreren Werken verlangt. Dass liegt daran, dass Alstom und Bombardier den Markt für Regionalzüge in Frankreich und Deutschland beherrschen. 

Das Beratungsunternehmen SCI Verkehr in Hamburg, ein ausgewiesener Branchenkenner, hat das für Sächsische.de aufgeschlüsselt. Demnach haben Alstom und Bombardier in Frankreich in einigen Fahrzeugsegmenten bis zu 100 Prozent Marktanteil, kein anderes Unternehmen baut dort Regionaltriebwagen.

In Deutschland kommen beide Konzerne zusammen bei den Triebwagen auf 70 Prozent Marktanteil. Wenn Alstom nun Bombardier kauft, hätten die Franzosen im eigenen Land gar keinen Konkurrenten mehr, in Deutschland würden sie fast drei Viertel des Marktes dominieren. "Solche dominierenden Marktstellungen versucht die EU zu verhindern", erklärt SCI-Geschäftsführerin Maria Leenen.

 

Mehrere französische Gewerkschaften fürchten, Alstom müsse sich von seinen Werken im französischen Reichshoffen und im deutschen Salzgitter trennen. Und Bombardier könnte die Fusion mit dem Verlust seiner Betriebe im französischen Crespin und in Hennigsdorf bei Berlin bezahlen. "Das ist nicht gleichbedeutend mit einer Schließung, denn damit würde ja die marktbeherrschende Stellung nicht verhindert", sagt Maria Leenen. "Wahrscheinlich müssen Alstom und Bombardier vor ihrer Fusion ein paar Werke verkaufen." 

Bautzen und Görlitz sieht die Branchenexpertin nicht zwingend als erste Verkaufskandidaten. Sie sieht in Ostsachsen mit den Waggonbauwerken in Bautzen, Görlitz und Niesky ein starkes Bahn-Cluster, das durch den geplanten Testring bei Niesky noch an Bedeutung gewinnen kann. Dies ist am Ende unabhängig vom Eigentümer. 

IG Metall sieht hiesige Werke nicht in Gefahr

Und selbst wenn die oberste EU-Wettbewerbshüterin sich plötzlich auch für Bautzen oder Görlitz interessieren würde, sähe die Industriegewerkschaft Metall die hiesigen Werke nicht in Gefahr, sagt Ostsachsen-Chef Jan Otto.  "Um Bautzen mache ich mir gar keine Sorgen, um Görlitz ein paar mehr. Aber beide sind so gut aufgestellt, dass sich dafür schnell ein Käufer finden würde."

Den möglichen Kauf von Bombardier durch Alstom bewertet die IG Metall positiv. "Ich sehe nicht, wie Bombardier allein noch mal auf Kurs kommen will", sagt Jan Otto, der das Ganze auch durch die Weltmarkt-Brille sieht: Wenn Alstom Bombardier übernimmt, entsteht damit der zweitgrößte Schienenfahrzeugbauer der Erde. Dieser kann dem chinesischen Weltmarktführer CRRC besser Paroli bieten als mehrere Einzelkonkurrenten.

Alstom will nun die Genehmigung der zuständigen Regulierungs- und Kartellbehörden abwarten, sagt Konzernsprecherin Tanja Kampa. "Bis zum Abschluss der Transaktion bleiben beide Unternehmen Konkurrenten und werden entsprechend handeln. Sobald die Transaktion abgeschlossen ist, wird Bombardier in den Alstom-Konzern eingegliedert."

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