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Bosch eröffnet Chipfabrik in Dresden sechs Monate früher

07.06.2021
Bosch hat in Dresden seine neue Halbleiterfabrik in Betrieb genommen. Die Fabrik soll helfen, das weltweite Problem des Chipmangels zu lösen.

Von Nora Miethke 

Otto Graf, Standortleiter von Bosch in Dresden, hat nie daran gezweifelt, die Chipfabrik pünktlich fertigzustellen – trotz der Corona-Hürden, die es zu überspringen galt. Erst waren die Bauarbeiter aus Polen und der Slowakei von den Grenzschließungen betroffen, dann konnten die Spezialisten aus Asien und den USA nicht einreisen, um die Maschinen zu installieren. „Doch wir haben gute digitale Lösungen gefunden“, sagt Graf und meint damit den Einsatz von Datenbrillen und Augmented Reality. So konnten Experten aus bis zu 9.000 Kilometern Entfernung die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor Ort anleiten.

Das Ergebnis: Der weltgrößte Autozulieferer konnte sein neues Chipwerk sogar sechs Monate früher als gedacht in Betrieb nehmen. Für Bosch-Chef Volkmar Denner ist das „ein schönes Beispiel dafür, was man alles schaffen kann, wenn das Team toll zusammenarbeitet“.

Harald Kröger, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, sieht den Schlüssel des Erfolgs in der „unglaublich motivierten und extrem gut qualifizierten Mannschaft“. Das hohe Qualifikationsniveau in der Region sei eine der positivsten Überraschungen gewesen, betonte Kröger bei der Eröffnung am Montag, die aufgrund der Pandemie virtuell ablief.

Otto Graf, Standortleiter von Bosch in Dresden.
Otto Graf, Standortleiter von Bosch in Dresden. © Sven Ellger

Bislang sind in Dresden 250 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eingestellt, eine Mischung „aus alten Hasen, die aufpassen, dass wir keine Fehler machen, und jungen Wilden, frisch von der Uni“. Wann die Anzahl der geplanten 700 Arbeitsplätze bei Endausbau der Produktion erreicht sein wird, ließ Kröger offen. „Da halten wir uns bedeckt. Sobald wir die Vollauslastung der Kapazität erreicht haben, werden die 700 Leute an Bord sein“, hieß es nur.

Es ist davon auszugehen, dass Bosch keine Zeit verlieren wird beim Hochlauf. Denn nichts sei in der Halbleiterindustrie schlimmer als eine halbleere Fabrik, so Kröger, und er verweist auf die hohen Investitionskosten von einer Milliarde Euro, die wieder reingeholt werden müssten. Die Bundesregierung fördert den Fabrikbau als Teil eines gemeinsamen europäischen Projekts in der Mikroelektronik mit 140 Millionen Euro. Auch der Freistaat nimmt Geld in die Hand. Das sächsische Wirtschaftsministerium fördert nach eigenen Angaben ein regionales und ein europäisches Verbundvorhaben in Forschung und Entwicklung mit bis zu 8,1 Millionen Euro.

Die Chipfabrik der Robert Bosch GmbH im Dresdner Norden ist eröffnet.
Die Chipfabrik der Robert Bosch GmbH im Dresdner Norden ist eröffnet. © Robert Michael/dpa

Entstanden ist eine der modernsten Chipfabriken der Welt – voll vernetzt, datengesteuert und selbstoptimierend. Denner, der selbst 1986 in der Halbleitersparte von Bosch begonnen hatte, wollte, dass in Dresden „die erste AIoT-Fabrik von Bosch“ entsteht, wo Methoden von künstlicher Intelligenz (AI) und Internet der Dinge (IoT) kombiniert werden. „Sind Sie jetzt Weltklasse oder fehlt da noch was?“, fragt Bundeskanzlerin Angela Merkel – virtuell zugeschaltet – direkt hinein in den Dresdner Reinraum, wo Jens Fabrowsky, Bereichsvorstand für Automobilelektronik in voller Schutzbekleidung steht und die Vorzüge der vollautomatisierten Fertigung erklärt.

Die Halbleiter aus Dresden würden zwar nicht das Problem des weltweiten Chipmangels lösen, da sie nicht mit den begehrten Mikroteilchen aus Taiwan gleichzusetzen seien, sondern auf den Eigenbedarf von Bosch angepasst wären, erläutert Fabrowsky. Aber die Produktion in Dresden würde den Kunden aufwendige Erprobungen ersparen, wie sie sonst in der Automobilindustrie zur Freigabe neuer Fertigungen mit Halbleitern notwendig sind, betont der Bosch-Manager, der im Konzern „Mr. Semiconductor“ genannt wird.

Auf einer Fläche von 72.000 Quadratmetern arbeiten im Dresdner Bosch-Werk heute schon rund 250 Mitarbeiter.
Auf einer Fläche von 72.000 Quadratmetern arbeiten im Dresdner Bosch-Werk heute schon rund 250 Mitarbeiter. © Robert Michael/dpa

Und dann will die Bundeskanzlerin noch wissen, woher die Maschinen kommen, die sie in dem 10.000 Quadratmeter großen Reinraum sieht. Aus Deutschland, Asien und den USA, ist die Antwort. Margarethe Vestager, Vizepräsidentin der EU-Kommission und ebenfalls virtuell aus Straßburg zugeschaltet, brennt vor allem auf der Seele, was Bosch unternimmt, die Produktion vor Angriffen aus dem Cyberspace zu schützen. Bosch hat nach eigenen Angaben eine Firewall zur Datensicherung errichtet. Aber in punkto externe, verschlüsselte Datenspeicherung gibt Fabrowksy zu: „Wie wir eine Abbildung in der Cloud schaffen, soweit sind wir noch nicht“. Der Hochlauf eines Halbleiterwerks kann mehrere Jahre dauern.

Für die Hochtechnologie-Region Sachsen ist das ein „besonderer Tag“, betont Dirk Röhrborn, Vorstand des Branchenverbandes Silicon Saxony e.V. Die zeitlich vorgezogene Eröffnung sei „Ausdruck höchster Expertise für den Aufbau hochautomatisierter, KI-gestützter Produktionskapazitäten für komplexe Chip-Produkte“, wirbt Röhrborn in Richtung Merkel und Vestager für den Standort Dresden. Denn in Berlin und Brüssel wird gerade ein zweites IPCEI-Förderprojekt vorbereitet, um im weltweiten Wettbewerb aufzuholen.

Otto Graf wird vermutlich kein weiteres Halbleiterwerk mehr bauen. „Die Bosch-Fabrik ist das Sahnehäubchen meiner Karriere“, sagt Graf. Am 1. Juli übergibt er den Staffelstab an den neuen Standortleiter Christian Koitzsch, einen gebürtigen Thüringer.

Zahlen der neuen Bosch-Fabrik

  • 250 Mitarbeiter: Auf einer Fläche von 72.000 Quadratmetern arbeiten im Dresdner Bosch-Werk heute schon rund 250 Mitarbeiter. Die Zahl der Beschäftigten soll in der Endausbaustufe einmal auf 700 Mitarbeiter steigen. Der Frauenanteil liegt bei 25 bis 30 Prozent, jede dritte Führungsposition ist mit einer Frau besetzt.
  • 14 Fußballfelder: Bosch investiert rund eine Milliarde Euro in das Halbleiterwerk. Die Bundesregierung fördert die Investition mit 140 Millionen Euro. Bosch hat ein Grundstück von 100.000 Quadratmetern gekauft, das entspricht etwa der Größe von 14 Fußballfeldern. Das Werk selbst wurde auf der Hälfte des Grundstücks gebaut und kann bei Bedarf erweitert werden.
  • 380 Kilometer Kabel: Für die Chipfabrik wurden Elektrokabel in einer Gesamtlänge von 380 Kilometern verlegt. Es wurden 90.000 Kubikmeter Erde bewegt, das entspricht 7.500 Lkw-Ladungen. Im Reinraum, dem Herzstück der Produktion, wurden Rohre in einer Gesamtlänge von 80 Kilometern verlegt.
  • 500 Seiten pro Sekunde: Bei der Steuerung und Überwachung der Produktion kommt künstliche Intelligenz zum Einsatz. Das heißt, es werden permanent Daten gesammelt und analysiert, und zwar in einem Umfang von umgerechnet 500 Textseiten Papier pro Sekunde, 42 Millionen Blätter pro Tag.
  • 500.000 3-D-Objekte: Für die Fabrik existiert ein digitaler Zwilling, also ein virtuelles Abbild, in dem rund eine halbe Million 3-D-Objekte erfasst sind. Dazu gehören Anlagen, Maschinen, Rohrleitungen, Kabeltrassen und Lüftungssysteme. Der digitale Zwilling wird zur Steuerung und Überwachung des Betriebsablaufes und aller 700 Prozessschritte gebraucht.
  • 300-Millimeter-Wafer: Bosch produziert die Halbleiter auf 300-mm-Wafern. Der Vorteil gegenüber der 200-mm- und 150-mm-Fertigung liegt in der Fläche an sich. Auf einen 300-mm-Wafer passen 125 Prozent mehr Chips als auf einen 200-mm-Wafer, im Vergleich zum 150-mm-Wafer liegt der höhere Output bei 300 Prozent mehr Chips. Als Wafer werden in der Halbleiterfertigung die Scheiben bezeichnet, auf denen die integrierten Schaltkreise, die Mikrochips, hergestellt werden.
  • 1.200 Kubikmeter Wasser: Die Halbleiterfertigung ist sehr ressourcenintensiv. Der Wasserverbrauch liegt in der ersten Ausbaustufe der Chipfabrik in Dresden bei bis zu 100 Kubikmetern Wasser pro Stunde. Im Versorgungsgebäude werden täglich 1.200 Kubikmeter Wasser aufbereitet, das entspricht dem Verbrauch von bis zu acht Haushalten pro Jahr. Mit dem Wasser werden die Wafer gereinigt. (SZ/nm)

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