a38myzs1h9iygw184yanc6o2wtcvztw8 (1).jpg

Corona: Reisebüro-Chef wagt Neustart

03.05.2021
Weil die Pandemie die Firma des Herrnhuters zum Stillstand zwingt, ergreift der 60-Jährige einen neuen Job - mit Tücken und Glücksmomenten.

Von Anja Beutler

Reisen ist seit 29 Jahren das Geschäft, auf das sich Hartmut Tittmann blendend versteht. Dabei sucht der Chef des Herrnhuter Reisebüros gern Touren für seine Kunden aus. Nun aber hat sich der 60-Jährige selbst noch einmal auf eine abenteuerliche Reise begeben - beruflich. Grund dafür ist die Corona-Pandemie.

Seit Januar sitzt Tittmann nur noch selten in seinem Reisebüro, sondern einige Meter weiter, im Herrnhuter Rathaus. Dort ist er der Mann für die wichtigsten Förderprogramme, die es für die Region gibt. Angestellt ist Tittmann aber nicht bei der Stadt selbst, sondern bei der "Steg Stadtentwicklung GmbH", die ihren Hauptsitz in Stuttgart hat, aber schon viele Jahre in der Region tätig ist und in Herrnhut und Neugersdorf Büros unterhält. Was er nun tagtäglich macht, beschreibt Tittmann so: "Ich bin dafür da, dass Gelder, die von EU, Bund und Land kommen, so verteilt werden, dass sie hier vor Ort einen Mehrwert bringen."

Die Aufgabe mache ihm Spaß, und doch ist es für Tittmann eine gänzlich neue Welt. Anfangs war er sich auch nicht sicher, ob er das wirklich hinbekomme, denn Einarbeitungszeit hatte er nicht. Er steckte beim Start unerwartet mitten in einer neuen Förderperiode, die eigentlich erst später eingeläutet werden sollte. "Ich bin abends oft ziemlich platt", gesteht er. Dennoch ist er froh, dass er sich beworben hat: "Wenn es gut läuft, dann kann ich Menschen mit einer Zusage für eine Förderung glücklich machen - genauso wie im Reisebüro, wenn ich ihnen eine unvergessliche Reise zusammengestellt habe", bilanziert er.

Reisebüro wird nicht geschlossen

Aufgeben will er sein Reisebüro trotz des neuen Jobs nicht, betont Tittmann. Immerhin wird es ja im nächsten Jahr 30. Nach der Wende hatte der frühere Kulturhausleiter sich in der Tourismusbranche selbstständig gemacht, das Reisebüro ist "sein Baby", sagt der Familienvater schmunzelnd. Um Kunden und Buchungen, die jetzt wieder einlaufen, kümmert sich derzeit an zwei Tagen die Woche seine Mitarbeiterin. Aber auch er will irgendwann wieder mehr für die Kunden da sein - für die Gruppenreisen beispielsweise. "Als ich vieles wegen Corona absagen musste, haben viele Kunden ihr Geld nicht zurückgefordert, sondern gesagt, das sei gleich für die nächste Fahrt, die nach Corona komme", erzählt Tittmann, der sehr gerührt ist von so viel Vertrauen.

Vertrauen braucht er auch im neuen Job, den er bis maximal Mitte 2023 ausüben will - wenn auch nicht dauerhaft in Vollzeit. Schließlich setzen junge Familien, Kommunen und Vereine auf ihn. Er soll sie beraten und durch den Dschungel der Fördermittelvorschriften lotsen. Wie viel Gutes Programme wie "Vitale Dorfkerne", die Vereinsförderung oder "Leader" in den Jahren schon gebracht haben, kann Hartmut Tittmann schnell benennen: "Der Ausbau des Herrnhuter Bahnhofs und das Ärztehaus wären ohne Gelder aus solchen Programmen nicht machbar gewesen", sagt er. Aber auch viele private Häuser - vor allem Umgebinde-, Fachwerkbauten und andere ortstypische Häuser - wären längst nicht so schmuck und wohnlich wie jetzt.

Zuständig von Ottenhain bis ins Oberland

Seine Ortskenntnis kommt dem Herrnhuter beim neuen Job entgegen. "Ich bin jetzt oft mit dem Rad in den Nachbarorten unterwegs, um zu schauen, wo Neues entsteht und es vielleicht Interesse an einer Förderung gibt", sagt er. Zu seinem Einzugsbereich gehören neben Herrnhut auch Oderwitz, Kottmar und Ebersbach-Neugersdorf, bei manchen Programmen sogar Cunewalde. "Ich freue mich, wenn sich junge Familien entscheiden, hier zu bleiben und ein Umgebindehaus zu sanieren", sagt er. In Walddorf habe er da aktuell Anfragen von Privatleuten, aber auch das Niedercunnersdorfer Schulprojekt beschäftigt ihn derzeit.

Dass Corona sein gewohntes Leben durcheinandergewürfelt hat, nimmt Tittmann ohne Frust und mit Kämpfergeist hin. "Die Reisebranche ist durch Corona zusammengebrochen, von März 2020 bis März 2021 hatte ich einen Umsatzrückgang von 95 Prozent", skizziert er. Trotz der düsteren Zahlen, ist er aber dankbar, dass die Wirtschaftshilfen so gut geflossen sind und auch die Möglichkeit zur Kurzarbeit vieles abgefedert hat. "Ich wollte aber nicht einfach dasitzen, sondern etwas tun", erzählt er. Seine Frau habe ihn darin nur bestärkt, ihm auch mal "einen Schubs gegeben". Dass er für den neuen Job seinen Stadtratssitz geräumt hat, ist ihm nicht leicht gefallen. Immerhin ist Tittmann seit vielen Jahren Ratsmitglied und zählt zu den kritisch-streitbaren, aber auch konstruktiven Räten. "Wir haben uns mit Bürgermeister Riecke geeinigt, das sauber zu trennen, damit gar nicht erst ein falscher Eindruck entsteht", erklärt er.

  • Bewerbung für neuen Förderzeitraum für Leader-Programm: 20. Mai 2021 bis 18. Juni 2021 für Bürger, Unternehmen, Vereine und Kommunen aus Ebersbach-Neugersdorf, Herrnhut, Kottmar und Oderwitz. Informationen zum aktuellen Aufruf finden Sie demnächst auf der Internetseite www.region-kottmar.de. Für die Förderung aller Maßnahmen steht ein Budget in Höhe von 1,815 Millionen Euro zur Verfügung.
  • Kontakt: Hartmut Tittmann, Stadtamt Herrnhut, Telefon: 035873 34936; E-Mail: rm-kottmar@steg.de

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Kamenzer Wirt erhält Unternehmerpreis

Kamenzer Wirt erhält Unternehmerpreis

Mario Osmani vom La Piazza ist einer von zehn Oberlausitzern, die für ihr Handeln in der Corona-Zeit geehrt werden. Womit er überraschte und was er Neues plant.

Hebamme in Not

Hebamme in Not

Die Görlitzerin Kristina Seifert ist Hebamme mit Leib und Seele. Trotzdem suchte sie sich jetzt einen zweiten Job. Kein Einzelfall dieser Berufsgruppe.

Neues Bier aus Freital im Handel

Neues Bier aus Freital im Handel

Das Rotbier ist nach einer bekannten Freitaler Sagengestalt benannt. Die ersten 100 verkauften Kisten brachten auch Geld für einen guten Zweck ein.

Der neue Chef in Glashüttes Apotheke

Der neue Chef in Glashüttes Apotheke

Rico Prasser ist beruflich in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Der 40-Jährige übernimmt auch die Apotheke in Frauenstein.