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Das Comeback der Diplomat-Füllfederhalter

Landkreis Bautzen 01.10.2019
Füllfederhalter feiern im digitalen Zeitalter eine unerwartete Renaissance. Davon profitiert auch Diplomat in Cunewalde.

Was haben Autos mit Füllfederhaltern zu tun? „Eine ganze Menge“, sagt Tobias Skala. Er ist der Werkleiter der Füller-Manufaktur von Diplomat in Cunewalde, einer 5.000-Seelengemeinde im Landkreis Bautzen. Hier gibt es zwei Kindergärten mit Krippe, eine Oberschule, die örtliche Fleischerei tischt wochentags einen deftigen Mittagstisch für die zahlreichen Handwerker des Ortes auf, und im Gewerbegebiet drängen sich Firmen wie Color Parts oder die P.C.S. Group. 1,8 Millionen Euro Gewerbesteuer zahlen die Unternehmer Jahr für Jahr an die CDU-regierte Gemeinde, die als staatlich anerkannter Erholungsort für sich werben darf.

Ein schönes Umfeld für die Diplomat Manufaktur. Die ist im Erlenweg zu Hause, inmitten der Wohnbebauung. Die Montage der in Handarbeit gefertigten Schreibgeräte ist kein lautes Geschäft. Das Firmengebäude ist weiß getüncht, auf dem Dach zeugen mehrere Reparaturstellen vom Sanierungsbedarf der Außenhülle. 

Aber im Inneren, da hat der Büromittelriese Herlitz, der zeitweise Eigentümer der Manufaktur war, viel investiert. Cunewalde, es sollte zu einem „ink-pen valley“ werden, ein Zentrum für die Füllerproduktion in Deutschland. Doch 2001 ging Herlitz pleite, nachdem das Unternehmen, getrieben von der Euphorie der Nachwendejahre, Papierfabriken und Büromittelhersteller im Dutzend aufgekauft hatte.

Die Geschichten der folgenden Eigentümer füllen ganze Seiten in der Firmenchronik, dazwischen waren immer wieder Jahre der bangen Investorensuche, bis 2016. Da kaufte mit Mathias Ringeard ein französischer Privatier das Unternehmen, das sich nach der Odyssee nun in den richtigen Händen wähnt. Man ist endlich weg von dem Massenmarkt von Herlitz & Co. und etabliert sich im Fachhandel für Schreibgeräte. Edel, zeitlos im Design, gefertigt mit höchsten Qualitätsansprüchen, so umreißt der Werkleiter das Credo des Unternehmens.

Es sind kaum einen Zentimeter dicke Metallrohre, wahlweise aus Edelstahl, Messing oder gar Silber, die hier auf Länge zurechtgeschnitten und schließlich in Edelstahlformen gehämmert werden. Das Metall verleiht dem Schreibgerät sein Gewicht. Je schwerer, je besser liegt es in der Hand. Das wissen auch Prominente zu schätzen. Ex-Bundesminister Thomas de Maizière ist ein Kunde der Cunewalder Manufaktur. Stanislaw Tillich hat zu seinem 60. Geburtstag im April von der CDU einen Füller geschenkt bekommen und selbst Barack Obama soll den Erzählungen nach bei seinem Dresdenbesuch 2009 mit einem Diplomat-Füller im Gepäck die Air Force 1 für die Weiterreise bestiegen haben.

Wenn aber auf den Politikbühnen dieser Welt wichtige Absichtserklärungen unterschrieben werden, dann ist es allzu oft der Mont Blanc, der gezückt wird. „Wir werden Mont Blanc wohl nicht überholen können, aber wir arbeiten daran, dem Mythos näher zu kommen“, sagt Tobias Skala. Den Oberflächenveredler, den teilen sich die beiden Füllerhersteller schon, wobei die Wege für Diplomat deutlich kürzer sind. Der Veredler ist aus einer Autolackiererei entstanden. Und das ist kein Zufall. Die Autoindustrie setzt nicht nur farbliche Modetrends, sie ist auch Impulsgeber für neue Verfahren. Und so blättert Tobias Skala die neuen Modellkataloge der Autobauer nicht nur dann durch, wenn er selbst auf Neuwagensuche ist. Er sucht nach Farbideen, die sich auch auf den Schreibgeräten umsetzen lassen. Denn Diplomat stellt nicht nur Füllfederhalter her, es gibt, je nach Serie, auch einen passenden Kugelschreiber, Tintenroller und Drehbleistift dazu.

Fast eine halbe Million Stifte verlassen das Werk pro Jahr, hergestellt von 15 Mitarbeitern. Die meisten sind Quereinsteiger, wie Frau Yvonne Bergmann. Sie montiert silberne Damen-Pocket-Kugelschreiber. Sie schimmern sommerlich türkis und werden bald in den Auslagen einer Edeljuwelierkette zu finden sein. Das Metall ist weich und entsprechend empfindlich. Frau Bergmann weiß als gelernte Goldschmiedin damit umzugehen.

Neben Montageaufträgen für Fremdfirmen fertigt Diplomat auch – und das ist das dritte Standbein des Unternehmens – Schreibgeräte für Endkunden, meist für Mitarbeiterjubiläen oder als Dankeschön für treue Kunden. Die Referenzliste reicht von Bayern München bis zu Volkswagen. Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Das Firmenlogo taucht oft nur noch auf dem Kappenkopf der Füllerhülle auf, dort, wo Diplomat normalerweise seine aus Tintentropfen gestaltete Blume verewigt.

Das Gravieren von Schreibgeräten ist aus der Mode gekommen, ganz anders als die Füller selbst. Das verwundert in Zeiten der Digitalisierung, zumal Experten dem Schreibgerät schon vor zehn Jahren ein nahendes Ende bescheinigt hatten. Doch die Verkaufszahlen, nicht nur bei Diplomat, sondern in der gesamten Branche, sprechen eine andere Sprache. Die Hersteller der Federn kommen kaum hinterher und reklamieren für manche Modelle bis zu zwölf Monate Lieferzeit. Da wird die Lagerhaltung schnell zum Glücksspiel, wenn man, wie der Cunewalder Füllerhersteller, 22 verschiedene Varianten anbietet. Es gibt die Feder wahlweise aus Gold oder Edelstahl, in den Stärken Fein, Mittel und Breit. Für den großen chinesischen Markt wurde mit Extrafein eine vierte Strichstärke eingeführt.

Der Auslandsmarkt ist wichtig für Diplomat. Vier von fünf produzierten Stiften werden außerhalb Deutschlands verkauft. Und es sollen noch mehr werden, vor allem in Amerika, wo man seit 2018 mit einem neuen Vertriebspartner zusammenarbeitet.

In Deutschland kann man Diplomat-Füller in Schreibwarenfachgeschäften kaufen, oder bei Karstadt, einem der größten Abnehmer der Füller, auch bei den Einsteigermodellen.

In den 1950er- und 1960er-Jahren war der Diplomat-Füller der Schulfüller in Westdeutschland, nicht zuletzt, weil man seit 1952 den Tintenkonverter durch Wechselpatronen ersetzte.

Doch bis die eingesetzt werden kann, sind viele Montageschritte notwendig. Auf bis zu zwölf Wochen schätzt Tobias Skala die Fertigungszeit für einen Füller – rechnet man alle Ruhezeiten mit. Denn sind der Behälter, das Griffstück und die Kappe erst einmal entsprechend lackiert, müssen die Bauteile noch zusammengesetzt werden. 

Herzstück eines jeden Füllers ist der kleine schwarze Tintenleiter, der in seinem Aufbau an Fischkiemen erinnert. Er wird in das Griffstück geschoben und dann kommt der besondere Moment. Die Feder, also die Seele jedes Füllers, wird eingeschoben. Das verlangt Kraft und Fingerspitzengefühl, vor allem bei den deutlich weicheren Goldfedern. Der Tintenleiter hat nun die Aufgabe, nicht zu viel und nicht zu wenig Tinte an die Iridiumspitze der Feder zu transportieren. Stimmt die Tintenmenge, sorgt der Kapillareffekt dafür, dass der Füller ohne Aussetzer schreibt. Das Papier saugt die Tinte an der gehärteten Spitze auf, und aus der Patrone beziehungsweise dem Konverter wird neue Tinte nachgesogen. 

Ob das auch wirklich funktioniert, testen die Füllerbauer in Cunewalde mit einer Zaubertinte. Die ist unsichtbar und ähnelt in ihrer Konsistenz Fitwasser. Frau Neldner hat auf ihrem Arbeitsplatz Dutzende von Zetteln vor sich liegen, die sie mit gleichmäßig kreisenden Bewegungen mit einem unsichtbaren Text beschriftet. Man braucht gute Augen und einen entsprechenden Lichteinfall, um die Linien zu erkennen. Gleitet der Füller sanft über das Blatt, ist alles in bester Ordnung. Kratzt er leicht, wird die Iridiumspitze sanft an einem Stein nachgeschliffen.

Es ist nur eine von gut einem Dutzend Qualitätskontrollen, die ein Füller der Marke Diplomat im Laufe seiner Herstellung durchläuft, bevor er, von Hand poliert, verpackt wird. Die Qualität hat ihren Preis. Ab 70 Euro kosten die Füller mit einer Edelstahlfeder. In der Goldversion kommen bis zu 200 Euro obendrauf.

Die fertigen Füllhalter stehen dann, Zinnsoldaten gleich, in hölzernen Steckbrettern. Sie füllen ganze Regalreihen und geben einen guten Einblick in den Geschmack unserer Zeit. Da funkeln sie in den schönsten Sommerfarben, in Orange, Türkis und Maigrün. „Das“, sagt Tobias Skala, „sind die Eyecatcher“. Mit Schreibgeräten in Modefarben lenke man die Aufmerksamkeit der Kunden in den Fachgeschäften auf die Marke und das Sortiment. Gekauft werden dann, zumindest in den westlichen Ländern, aber fast immer die Klassiker in Schwarz oder Edelstahl gebürstet. Einzig in China erfreuen sich weiße Schreibgeräte großer Beliebtheit, allen Modetrends zum Trotz.

Und dennoch, die Cunewalder verlassen sich nicht auf die Erfolge ihrer Klassiker. Sie möchten Kunden mit neuen Modellen und Designs überraschen. Tobias Skala greift in ein Regal und nimmt einen silbergrauen Füller heraus, der in seiner Form an ein Luftschiff erinnert. Er sollte deshalb auch den Namen Zeppelin bekommen. Weil der schon vergeben war, habe man sich für Aero entschieden. Die feinen, in die Kappe und den Behälter eingearbeiteten Linien lassen den Füllfederhalter robust und gleichzeitig luftig leicht erscheinen. In der Hand selbst liegt er sicher und schwer, schon aufgrund der verarbeiteten Metallanteile. Aero soll eine jüngere Zielgruppe ansprechen, entsprechend frisch sind auch die Farben in Himmelblau oder knalligem Rot.

Der Füllfederhalter ist eine komplette Neuentwicklung. „Bei solchen Projekten profitieren wir von unserem großen Maschinenpark und den gut ausgestatteten QS-Laboren“, sagt Tobias Skala. Dort gibt es einen Tageslichttisch, Mikroskope, die kleinste Lackfehler aufspüren und ein Minenabschreibgerät. Hier werden Kugelschreiberminen eingespannt. Sie hinterlassen auf dem Endlospapier kreisförmige Muster, die an Tapeten aus den 1970er-Jahren erinnern. Gut 9.000 Meter muss eine handelsübliche Großraummine schreiben. Die neueren Easy-Flow-Modelle geben mehr Farbstoff ab und reichen deshalb oft nur 4.500 Meter. Kugelschreiber sind nach Füllern das zweithäufigstes Produkt, das die Cunewalder verkaufen.

Und der Chef, der schreibt im Alltag am liebsten mit einem Tintenroller, natürlich aus der hauseigenen Fertigung. Nur, wenn es ganz wichtige Verträge zu unterzeichnen gilt, greift er zum Füllfederhalter. Mit ihm schreibt man langsamer, und damit auch lesbarer.

Mit einem Füller ist es wie mit einer guten mechanischen Uhr. Er muss regelmäßig genutzt werden, mindestens einmal in der Woche. Ansonsten droht der Tintenleiter zu verkleben. Wer seinen Füller wieder reaktivieren will, für den hat Tobias Skala einen Tipp. „Drehen Sie den Schaft ab, nehmen sie Patrone oder Konverter heraus und lassen Sie kaltes Wasser in das Griffstück laufen. Stecken Sie den Füller mit der Feder zuerst in einen Schwamm, damit der die Flüssigkeit herausziehen kann. Die alte Tinte wird herausgesaugt und der Tintenfilter wird wieder sauber.“

Was die Zukunft betrifft, ist der Leiter der Manufaktur optimistisch, trotz oder gerade wegen der Digitalisierung in vielen unserer Lebensbereiche. In Zeiten, in denen wir heute vermehrt klicken, tippen und wischen, werde das Schreiben von Hand zu etwas Besonderem – und dazu gehöre dann eben auch ein ganz besonderer Stift. Dass der, in Cunewalde in Handarbeit gefertigt, im besten Falle Generationen überdauere, sei nachhaltig und entspreche ganz dem Zeitgeist.

 

Von Ines Mallek-Klein   

Foto: © Arvid Müller

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