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Das Urlaubs-Experiment

18.05.2020
Sachsens Tourismus-Ministerin rechnet mit einem knallharten Wettbewerb zwischen den Bundesländern. Seit dem 15. Mai ist das Reisen im Freistaat wieder erlaubt.

Stefan Göbel war schon mal Gast im Parkhotel Bad Schandau, dennoch dauert die Einweisung an der Rezeption für ihn und seine Mutter diesmal etwas länger. Service-Mitarbeiterin Ilka Wendrich reicht noch einen Zettel für die detaillierte Frühstücks-Bestellung unter der vor ihr hängenden Scheibe durch und ein Merkblatt. Darauf ist kurz beschrieben, was die neuen Hygiene-Vorschriften von Hotelgästen verlangen.

Die Göbels nehmen das mit einem Lächeln hin. "Ich bin ja froh, dass ich in meinem Urlaub überhaupt noch mal wegfahren konnte. Am Montag muss ich nach zwei Wochen wieder zur Arbeit", sagt Stefan Göbel. Der Urlaub war lange geplant, als noch niemand an Corona-Viren dachte. 

Die Entscheidung fürs Parkhotel hatte der Magdeburger spontan getroffen. "Ich weiß ja, wie schön das Elbsandsteingebirge ist", sagt er. Dass sie einen Mundschutz tragen müssen, wenn sie im Hotel unterwegs sind, wussten sie vorher. Aber das sei für ihn kein Problem. Die Hauptsache sei doch, dass man überhaupt wieder Urlaub machen kann.

Über eine Milliarde Verlust in Sachsen

Seit Freitag, dem 15. Mai, können Hotels und Gastronomen in Sachsen wieder Gäste empfangen und bewirten. Seit März waren touristische Reisen zur Eindämmung der Corona-Pandemie untersagt. Die Tourismus-Branche war besonders hart getroffen. Für die Unternehmen bedeutete die Schließzeit einen Verlust von rund 140 Millionen Euro pro Woche, heißt es aus dem sächsischen Tourismus-Ministerium.

An der Hotelbar darf derzeit noch nicht entspannt werden, wie diese Schildchen zeigen.

An der Hotelbar darf derzeit noch nicht entspannt werden, wie diese Schildchen zeigen. © Daniel Schäfer

"Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich die Verluste auf 1,2 Milliarden Euro summiert", erklärte Barbara Klepsch (CDU), Staatsministerin für Kultur und Tourismus, bei einem Vor-Ort-Termin im Parkhotel Bad Schandau. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, wie Unternehmen die neuen Hygiene-Vorschriften umsetzen.

Vertrauen in die Hotel-Betriebe

Dazu zählt unter anderem, dass Gäste an der Rezeption oder in den Gängen, wo man sich schlecht aus dem Weg gehen kann, Mund-Nase-Bedeckung tragen. Mit zahlreichen Pfeilen werden Hotelgäste gelenkt. Sie sind im Parkhotel in dezenten Farben gehalten. Signalrot ist nicht zu entdecken. 

Promt "verläuft" sich Hotel-Inhaber Ralf Thiele, als er die Ministerin samt Presse-Schar durchs Haus führt. An der Bar weisen kleine Schildchen darauf hin, dass hier derzeit noch nicht entspannt ein Cocktail genossen werden darf. Das Frühstücksbüfett wird auf neue Weise präsentiert: Hinter Glas. Freundliches Personal reicht jedem Gast das Gewünschte. Damit sich morgens keine Schlangen bilden, gibt es den anfangs beschriebenen Zettel, auf dem angekreuzt wird, was man serviert bekommen möchte.

"Es ist ja wichtig, dass Urlaub Erholung bleibt", sagt der Hotelchef. Gäste sollen nicht das Gefühl bekommen, in einem Sanatorium zu sein. Die Ministerin unterstreicht deshalb noch mal, dass die "Checkliste" zusammen mit dem Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) und den Tourismusverbänden erarbeitet wurde. "Ich freue mich, dass Sie sich auf dieses Experiment einlassen", sagte Klepsch. Sie setze Vertrauen in die Branche.

Auf Abstand waren Ralf Thiele (.), Geschäftsführer der Pura Hotel GmbH und Tourismus-Ministerin Babara Klepsch (CDU) bei einem Vor-Ort-Termin am Freitag in Bad Schandau.
Auf Abstand waren Ralf Thiele (.), Geschäftsführer der Pura Hotel GmbH und Tourismus-Ministerin Babara Klepsch (CDU) bei einem Vor-Ort-Termin am Freitag in Bad Schandau. © Daniel Schäfer

Gipfel für Tourismus-Branche gefordert

Das allein reicht allerdings nicht, um der Tourismus-Branche schnellstens aus dem Tal zu helfen. "In den letzten Wochen haben wir sehr gelitten", erklärt Thiele. Besonders schwer machte es, dass niemand ein Gefühl dafür hatte, wie lange das alles andauern sollte.

Die Ministerin kündigte an, dass sie die Forderung nach einem bundesweiten Tourismus-Gipfel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt. "So, wie es ihn ja auch für die Autoindustrie gegeben hat", erklärte Klepsch. Der Tourismus brauche dringend weitere Hilfen.

Klar sei auch, dass es jetzt zu einem "knallharten Wettbewerb" zwischen den Bundesländern kommt, wie die Ministerin erklärte. Dass Sachsen jetzt die weitreichenden Lockerungen beschlossen habe, sei aus ihrer Sicht "eine Chance für eine gute Kampagne".

Diskussionen über weitere Lockerungen

Eine Hilfe, die erst mal gar kein Geld kostet, wäre, die Thermen und Erlebnis-Bäder wieder aufzumachen. "Das ist nicht nur für die Einrichtungen selbst wichtig, sondern auch für alle anderen touristischen Betriebe in deren Einzugsgebiet", erklärt Manfred Böhme, der Direktor des Landestourismusverbands. Erst muss es dafür Klarheit geben, dann könnten auch die Saunen und Innenpools der Hotels wieder genutzt werden. Das lassen die aktuellen Hygiene-Vorschriften noch nicht zu. 

Die aktuellen Bestimmungen gelten vorerst bis 5. Juni. Wo es nötig ist, werde auch noch mal nachgesteuert. "Wir diskutieren das weiter mit dem Sozialministerium und den Verbänden", erklärte Klepsch. Dabei werde auch die weitere Entwicklung der Infektionszahlen beobachtet.

Manuel Enders gibt das Essen auf den Teller, während Mareen Funke das Tablett befüllt, das den Gästen zum Frühstück an den Tisch gebracht wird.

Manuel Enders gibt das Essen auf den Teller, während Mareen Funke das Tablett befüllt, das den Gästen zum Frühstück an den Tisch gebracht wird. © Daniel Schäfer

Hotelchef Thiele machte dabei gleich noch mal Werbung in eigener Sache, als er den Außen-Pool im Garten zeigte. Die sind mit den Freibädern gleichgestellt, die mit Auflagen schon öffnen durften. "Die Gäste werden das hoffentlich honorieren", sagte er.

Zusammen mit den Göbels waren am Freitag im Parkhotel noch 30 weitere Gäste angereist. Am kommenden Wochenende haben schon mehr als hundert gebucht. Bis zum Normalbetrieb werde es aber noch Wochen dauern, schätzt Böhme.

Von Gunnar Klehm

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